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Gesundheit

Wechseljahre

Forscher bewerten Hormontherapie neu

Die Hormontherapie in den Wechseljahren galt jahrelang als riskant. Eine aktuelle Studie nimmt der Behandlung nun den Makel.

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Arzt berät Patientin

Donnerstag, 14.09.2017   11:29 Uhr

Weil Ärzte jahrelang davon ausgingen, dass eine Hormonersatztherapie in den Wechseljahren das Krebsrisiko erhöht, wurde sie nur zögerlich eingesetzt. Jetzt zeigt eine aktuelle Auswertung von älteren Daten im Fachmagazin "Jama" allerdings, dass sich die Sterblichkeit der behandelten Frauen nicht erhöht.

Das Bemerkenswerte an der Untersuchung der US-amerikanischen Frauengesundheitsinitiative WHI: Sie bezieht sich auf genau jene Patientendaten, die 2002 zu der Auffassung geführt hatten, eine Hormonersatztherapie erhöhe das Risiko von Brustkrebserkrankungen, Herzinfarkten, Schlaganfällen und Thrombosen.

"Diese Ergebnisse unterstützen klinische Leitlinien, die den Einsatz einer Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren befürworten, um belastende Hitzewallungen und andere Symptome in den Griff zu bekommen", erklärt Erstautorin JoAnn Manson vom Brigham and Women's Hospital der Harvard Medical School in Boston (Massachusetts, USA). Auch in Deutschland wird die Hormonersatztherapie bestimmten Frauen mit starken Beschwerden in den Wechseljahren empfohlen.

Schlaflos und verschwitzt

Etwa 70 bis 80 Prozent aller Frauen in den Wechseljahren haben Hitzewallungen, ein Drittel von ihnen stark. Häufig treten Schweißausbrüche und Schlafstörungen auf, viele Frauen berichten auch von einer Trockenheit der Scheide und gehäuften Blasenentzündungen.

GLOSSAR

Die Wechseljahre, in der Fachsprache Klimakterium genannt, beschreiben den natürlichen Lebensabschnitt von der fruchtbaren zur unfruchtbaren Phase einer Frau. Meist dauern die Wechseljahre fünf bis zehn Jahre.

Menopause nennt man den Zeitpunkt, an dem die Frau das letzte Mal ihre Regel bekommt, im Durchschnitt geschieht das mit 52 Jahren. Danach produzieren die Eierstöcke nur noch sehr geringe Mengen an Östrogenen.

Bevor die Studienergebnisse im Jahr 2002 bekannt wurden, hatten sehr viele Frauen eine Hormonersatztherapie gegen diese Symptome bekommen. Nachdem die Veröffentlichung weltweit Schlagzeilen gemacht hatte, galt die Therapie bei immer mehr Ärzten und Patientinnen als Gesundheitsrisiko.

Bis heute wurden die Studienergebnisse allerdings schon mehrfach kritisiert und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen grundsätzlich infrage gestellt und revidiert. Auch im vergangenen Jahr hatten Manson und ein Kollege im renommierten Fachmagazin "New England Journal of Medicine" erklärt, die WHI-Ergebnisse seien falsch interpretiert worden.

Die alte Untersuchung

In der ursprünglichen Studie war das durchschnittliche Alter der mehr als 27.000 Teilnehmerinnen mit 63 Jahren sehr hoch, da der Effekt der Hormonersatztherapie auch bei älteren Frauen untersucht werden sollte. Die Beschwerden beginnen aber meist schon mit Mitte 40.

Getestet wurden damals zwei Therapieansätze: Die erste Gruppe erhielt eine Kombination aus einem Östrogen und einem Gestagen, das ein zu starkes Wachstum der Gebärmutterschleimhaut unterbinden soll. In der zweiten Gruppe waren nur Frauen, denen die Gebärmutter entfernt worden war, sie erhielten nur ein Östrogen.

Die Behandlung mit der Hormonkombination wurde nach fünfeinhalb Jahren abgebrochen, da sich ein erhöhtes Risiko abzeichnete, an Brustkrebs und Herzinfarkten zu erkranken. Knochenbrüche und Darmkrebs traten dagegen seltener auf. Nach etwas mehr als sieben Jahren setzten die WHI-Forscher auch die Östrogenbehandlung aus, da sich den Daten zufolge das Risiko eines Schlaganfalls erhöhte.

Die neuen Ergebnisse

Dem widersprechen nun die aktuellen Auswertungen: Manson und Kollegen überprüften, ob bis Ende 2014 mehr Frauen nach einer Hormonbehandlung gestorben waren als Patientinnen der Kontrollgruppe, und an welchen Krankheiten sie starben. Alle Todesursachen zusammengenommen waren zu diesem Zeitpunkt 27,1 Prozent der mit Hormonen behandelten Frauen gestorben, bei den Frauen in der Kontrollgruppe waren es 27,6 Prozent. Waren die Frauen zum Zeitpunkt der Behandlung jünger als 60 Jahre, lag das Sterblichkeitsrisiko bei den hormonbehandelten Frauen tendenziell niedriger als bei den Frauen der Kontrollgruppe.

Cornelia Jaursch-Hancke, leitende Endokrinologin an der DKD-Helios Klinik Wiesbaden, hält die Ergebnisse der neuen Studie für plausibel. Anders als bei der WHI-Studie von 2002 sei jetzt nicht das Auftreten von Erkrankungen, sondern die Sterblichkeit untersucht worden. "Dass es kein erhöhtes Sterberisiko durch die Hormonbehandlung gibt, nimmt der Therapie den Makel, den sie lange hatte", sagt Jaursch-Hancke. Bei der WHI-Studie von 2002 habe es eine Reihe von Einschränkungen gegeben; auch seien Hormonpräparate zum Einsatz gekommen, die in Europa üblicherweise nicht verwendet werden.


Wer hat's bezahlt?

Die Frauengesundheitsinitiative WHI wurde von US-amerikanischen Behörden (NIH, NHLBI, Department of Health and Human Services) finanziert. Die verwendeten Medikamente stiftete das Unternehmen Wyeth Ayerst.


Auch Alfred Mueck, Präsident der Deutschen Menopause Gesellschaft, bewertet die Studie positiv: "Für die Behandlung der Wechseljahrsbeschwerden ist die Hormonersatztherapie sicher rehabilitiert", meint der Hormonspezialist. Seiner Einschätzung nach muss nun vielmehr der Zusatznutzen diskutiert werden, den die Hormonersatztherapie in Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Alzheimer und Darmkrebs habe. Denn die WHI-Studie zeige gesundheitliche Vorteile, wenn die Behandlung bereits kurz nach dem Ende der Regelblutungen begonnen werde, betont Mueck.

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Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, schließt sich an: "Für die Beratung ist es ist auf jeden Fall von großer Bedeutung, dass Frauen keine Angst vor einer Hormonersatzbehandlung haben müssen."

Der Grund für den Beginn der Wechseljahre liegt in den Eierstöcken: Wenn die Reifung der Eizellen dort allmählich nachlässt, sinkt auch die begleitende Hormonproduktion. Insbesondere der Mangel an Östrogen macht sich im weiblichen Körperhaushalt bemerkbar und führt zu den typischen Beschwerden.

hei/dpa

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