Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Heile, heile, Unsegen

Mit Symptomen einer Gelbsucht kommt ein Mann ins Krankenhaus, doch alle Untersuchungen ergeben: keine Hepatitis-Viren. Was aber hat das Krankheitsbild ausgelöst? Die Empfehlung eines Therapeuten.

Getty Images/iStockphoto
Von
Sonntag, 08.10.2017   07:17 Uhr

Als der 38-Jährige ins Memorial Hospital im indischen Kerala kommt, ist seine Haut am ganzen Körper gelb verfärbt. Auch das eigentlich Weiße in seinen Augen sieht gelb aus. Sein Urin sei tief braun, berichtet der Mann. Außerdem habe er überhaupt keinen Appetit mehr. Abgesehen von ein paar Gallensteinen habe er aber keine Vorerkrankungen und auch ansonsten keine Beschwerden.

Die Ärzte befragen ihren Patienten: Hat er Fieber oder Schmerzen? Juckt seine Haut, funktioniert die Verdauung, sind die Gelenke geschwollen? Leidet er unter Diabetes? Der Mann verneint alle Fragen.

Ursachen für eine Gelbsucht gibt es viele: Zum Beispiel können Gefäßerkrankungen und bestimmte Formen der Blutarmut dazu führen, dass zu viel des gelben Blutfarbstoffs Bilirubin im Blut zirkuliert. Dabei handelt es sich um ein Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin. Auch eine Leberzellschädigung durch Alkohol, Medikamente oder Viren ist eine mögliche Erklärung, denn das gelbe Bilirubin wird in der Leber wasserlöslich gemacht, um es auszuscheiden. Auch Gallensteine können eine Gelbfärbung der Haut verursachen, wenn sie den Abtransport der Gallenflüssigkeit behindern.

Gallensteine gesichtet

Bei der Untersuchung des Mannes fällt den Ärzten abgesehen von der gelb gefärbten Haut nichts Besonderes auf, wie sie im Fachmagazin "BMJ Case Reports" berichten: Sein Bauch ist weich, die Leber erscheint normal groß und nicht verhärtet, die Haut nicht gereizt. Auf Nachfrage gibt der Mann an, er trinke kaum Alkohol und nehme auch keine Medikamente dauerhaft. In den letzten Tagen habe er lediglich Bittersalz genommen, das ein naturheilkundlich orientierter Therapeut ihm verschrieben hatte, um die Gallensteine aufzulösen.

Ein rätselhafter Patient

Im Blut des Mannes können die Ärzte genauer ergründen, wo das Problem liegen muss: Neben stark erhöhten Bilirubinwerten ist die Konzentration von mehreren Leberenzymen viel zu hoch. Das spricht allgemein für eine Leberschädigung. Die Suche nach Viren oder Autoimmunprozessen bleibt jedoch ergebnislos.

Auf Computertomografie-Bildern, die Radiologen von dem Oberbauch des Mannes machen, ist zu sehen, dass die Leber vergrößert und geschwollen ist. Die Ärzte entnehmen eine Gewebeprobe, die zahlreiche Auffälligkeiten zeigt: Viele Leberzellen sind abgestorben, in den Zellen hat sich Fett angesammelt und das Bindegewebe ist vermehrt. Auch Entzündungszeichen sind erkennbar. Gleichzeitig sind aber keine Hinweise darauf zu finden, dass ein Autoimmunprozess die Leber geschädigt haben könnte.

Salz in lauwarmem Wasser

Die Mediziner hegen nun einen Verdacht: Könnte das Bittersalz, das der Mann auf Rat seines Therapeuten hin in großen Mengen geschluckt hat, die Probleme verursacht haben? Das auch als Epsom Salz bekannte Produkt besteht aus Magnesiumsulfat. 15 Tage lang hatte der Mann jeweils drei Esslöffel der Kristalle in lauwarmem Wasser aufgelöst - nach zwölf Tagen hatte die Gelbfärbung seiner Haut begonnen.

Wie genau die Salzmischung die Leber schädigen könnte, ist noch unklar. Die Autoren schreiben, ihnen sei kein weiterer Bericht über Leberschäden durch Epsom Salz bekannt. Nebenwirkungen wie Durchfälle, Nierenschäden oder Herzrhythmusstörungen durch die veränderte Zusammensetzung der Elektrolyte wurden dagegen schon öfter beschrieben.

Die Ärzte raten dem Mann, das Bittersalz sofort abzusetzen und viel zu trinken. Außerdem geben sie ihm Medikamente, um seine Leber vor weiteren Schäden zu schützen. Nach einiger Zeit geht die Gelbfärbung zurück, nach mehr als einem Monat hat sich auch die Leberfunktion wieder erholt.

Ob der Mann ursprünglich überhaupt Schmerzen wegen seiner Gallensteine hatte oder nicht, schreiben die Autoren in ihrem Fallbericht nicht. Meistens verursachen die Steine aus verfestigter Gallenflüssigkeit keine Probleme: Nur jeder vierte Gallenstein-Träger merkt überhaupt etwas davon - ein Großteil braucht daher auch keine Therapie.

Treten Beschwerden auf, können verschiedene Medikamente Schmerzen und Krämpfe lindern. Wer das Problem dauerhaft lösen möchte, muss sich die Gallenblase entfernen lassen. Bittersalze bieten aus medizinischer Sicht keine Lösung.

Anmerkung der Redaktion: In der aktualisierten Version des Textes sprechen wir nicht mehr von einem Heilpraktiker, sondern von einem (naturheilkundlich orientierten) Therapeuten.

insgesamt 12 Beiträge
murksdoc 08.10.2017
1. Kochi
Die Untersuchung kommt aus dem Krankenhaus von Kochi (früher Cochin) im Kerala-District in Süd-Indien. Kochi hält auf der indischen Rangliste der dreckigsten und verschmutztesten Städte Indiens den Platz 24. Auf dem indischen [...]
Die Untersuchung kommt aus dem Krankenhaus von Kochi (früher Cochin) im Kerala-District in Süd-Indien. Kochi hält auf der indischen Rangliste der dreckigsten und verschmutztesten Städte Indiens den Platz 24. Auf dem indischen "Verschmutzungsindex", der Luft- , Land- und Wasserverschmutzung berücksichtigt und bis 88 für "am dreckigsten" geht, hat Kochi 75,6 Punkte. In Kochi und Umgebung leben 489 346 Menschen, 132 420 davon in Slums. Zieht man die "Umgebung" ab und betrachtet nur den Stadtkern, ist das Verhältnis Nicht-Slum zu Slum 213 120 zu 127 872. Aber egal ob Slum oder nicht: nur 5% von Kochis Einwohnern sind an eine Kanalisation oder irgendeine andere Abwasseraufbereitung angeschlossen. 95% der "flüssigen Abfälle" müssen "an Ort und Stelle versickern". Zusätzlich wird um die Stadt herum unter Nichtberücksichtigung des vorgeschriebenen Sicherheitsabstandes illegal Sand abgebaut - weil er soviel radioaktives Thorium und Titan-Dioxid enthält, das zum Färben unserer Sonnencremes benutzt wird. Das alles befindet sich dann im Staub der Luft, in der bis zu 800 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gemessen werden, und schlägt sich überall, auch auf den Lebensmitteln, nieder. Die indische Umweltorganisation "Parisththibhavan" bezeichnet Kochi als "one of the most disaster prone areas" Indiens. Kurz: es gibt eine Million Gründe, in Kochi einen Leberschaden zu erleiden. Das Heilpraktikerpulver mag einer davon sein, aber vielleicht einer der harmlosesten.
Chaosfee 08.10.2017
2.
Dass die Umgebung vielleicht nicht die Gesündeste ist, mag sein. Fakt ist aber, dass die Symptome erst nach Einnahme des Bittersalzes auftraten und nach Absetzen wieder verschwanden.
Zitat von murksdocDie Untersuchung kommt aus dem Krankenhaus von Kochi (früher Cochin) im Kerala-District in Süd-Indien. Kochi hält auf der indischen Rangliste der dreckigsten und verschmutztesten Städte Indiens den Platz 24. Auf dem indischen "Verschmutzungsindex", der Luft- , Land- und Wasserverschmutzung berücksichtigt und bis 88 für "am dreckigsten" geht, hat Kochi 75,6 Punkte. In Kochi und Umgebung leben 489 346 Menschen, 132 420 davon in Slums. Zieht man die "Umgebung" ab und betrachtet nur den Stadtkern, ist das Verhältnis Nicht-Slum zu Slum 213 120 zu 127 872. Aber egal ob Slum oder nicht: nur 5% von Kochis Einwohnern sind an eine Kanalisation oder irgendeine andere Abwasseraufbereitung angeschlossen. 95% der "flüssigen Abfälle" müssen "an Ort und Stelle versickern". Zusätzlich wird um die Stadt herum unter Nichtberücksichtigung des vorgeschriebenen Sicherheitsabstandes illegal Sand abgebaut - weil er soviel radioaktives Thorium und Titan-Dioxid enthält, das zum Färben unserer Sonnencremes benutzt wird. Das alles befindet sich dann im Staub der Luft, in der bis zu 800 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gemessen werden, und schlägt sich überall, auch auf den Lebensmitteln, nieder. Die indische Umweltorganisation "Parisththibhavan" bezeichnet Kochi als "one of the most disaster prone areas" Indiens. Kurz: es gibt eine Million Gründe, in Kochi einen Leberschaden zu erleiden. Das Heilpraktikerpulver mag einer davon sein, aber vielleicht einer der harmlosesten.
Dass die Umgebung vielleicht nicht die Gesündeste ist, mag sein. Fakt ist aber, dass die Symptome erst nach Einnahme des Bittersalzes auftraten und nach Absetzen wieder verschwanden.
ruhepuls 08.10.2017
3. Keine Heilpraktiker in Indien...
Es gibt in Indien keine Heilpraktiker. Diese Berufsbezeichnung gibt es nur in Deutschland und der Schweiz. Allerdings gibt es in vielen Staaten der Erde traditionelle Heiler, so auch in Indien. Hohe Dosierungen von [...]
Es gibt in Indien keine Heilpraktiker. Diese Berufsbezeichnung gibt es nur in Deutschland und der Schweiz. Allerdings gibt es in vielen Staaten der Erde traditionelle Heiler, so auch in Indien. Hohe Dosierungen von "irgendwas" sind immer mit Vorsicht zu genießen, da man nie ausschließen kann, dass ein Organismus besonders empfindlich reagiert. Bei uns hat man Magnesiumsulfat beispielsweise zur Vorbereitung für eine Koloskopie (Darmspiegelung) zur Entleerung des Darmes verwendet. Und das auch in hohen Dosen (20g pro Gabe). Inzwischen gibt es aber angenehmere Präparate.
scrambled-egg 08.10.2017
4. Hätte auch lebensgefährlich werden können!
Bei derartigen Symptomen liegt der Gallenstein aber nicht mehr in der Gallenblase, sondern wandert bzw. steckt im Gallengang fest. Dadurch staut sich die die Gallenflüssigkeit. Es hätte leicht schlimmer ausgehen könne: Wäre [...]
Bei derartigen Symptomen liegt der Gallenstein aber nicht mehr in der Gallenblase, sondern wandert bzw. steckt im Gallengang fest. Dadurch staut sich die die Gallenflüssigkeit. Es hätte leicht schlimmer ausgehen könne: Wäre der Gallenstein bis zum Ende des Gallengangs -der in den Darm mündet - gewandert und dort steckengeblieben, wäre die Gallenflüssigkeit zur Bauchspeicheldrüse umgeleitet worden. Eine saftige Pankreatitis wäre die Folge gewesen. Diese ist leider potentiell lebensgefährlich. Darum Gallensteine bitte nicht auf die leicht Schulter nehmen.
ruhepuls 08.10.2017
5. Ohne Kolik?
Sie haben natürlich recht, so was kann gefährlich werden. Aber in dem Fall hätte er heftige Schmerzen gehabt, da ein im Gallengang steckender Stein heftige Reaktionen auslöst. Davon berichtet der Artikel nichts.
Zitat von scrambled-eggBei derartigen Symptomen liegt der Gallenstein aber nicht mehr in der Gallenblase, sondern wandert bzw. steckt im Gallengang fest. Dadurch staut sich die die Gallenflüssigkeit. Es hätte leicht schlimmer ausgehen könne: Wäre der Gallenstein bis zum Ende des Gallengangs -der in den Darm mündet - gewandert und dort steckengeblieben, wäre die Gallenflüssigkeit zur Bauchspeicheldrüse umgeleitet worden. Eine saftige Pankreatitis wäre die Folge gewesen. Diese ist leider potentiell lebensgefährlich. Darum Gallensteine bitte nicht auf die leicht Schulter nehmen.
Sie haben natürlich recht, so was kann gefährlich werden. Aber in dem Fall hätte er heftige Schmerzen gehabt, da ein im Gallengang steckender Stein heftige Reaktionen auslöst. Davon berichtet der Artikel nichts.
Newsletter
Ein rätselhafter Patient

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Anzeige

Anzeige

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP