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Gesundheit

Unkrautvernichtungsmittel

Massenprotest zwingt EU zu Glyphosat-Debatte

Das EU-Parlament muss einmal mehr über Glyphosat sprechen. Eine Bürgerinitiative hatte mehr als eine Million Unterschriften für ein Verbot des Pestizids gesammelt - viele davon in Deutschland.

DPA

Demonstranten protestieren in Hamburg gegen den Einsatz von Glyphosat (Archivbild)

Freitag, 06.10.2017   18:02 Uhr

Gegner des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat haben mit ihrem Massenprotest eine Anhörung im Europäischen Parlament erzwungen. Eine europäische Bürgerinitiative hatte rund 1,1 Millionen gültige Unterschriften für ein Verbot des Pestizids gesammelt. Nun dürfen die Organisatoren ihr Anliegen im EU-Parlament vortragen. Die Kommission muss Stellung dazu nehmen.

Außer dem Verbot von Glyphosat in der EU fordern die Unterzeichner eine Reform des Genehmigungsverfahrens für Pestizide. Diese sollten nicht auf Basis von Studien zugelassen werden dürfen, "die von der Pestizidindustrie in Auftrag gegeben wurden", heißt es. Eingereicht hatte das Bündnis aus Nicht-Regierungsorganisationen und Umweltverbänden die Listen Anfang Juli. Seither hatte die Kommission geprüft, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind. Allein rund 670.000 der Unterschriften kamen aus Deutschland.

Die EU-Kommission muss sich mit einer Bürgerinitiative befassen, wenn mindestens eine Million Menschen aus mindestens sieben EU-Mitgliedsländern unterschrieben haben. In jedem der sieben Mitgliedstaaten muss dabei eine Mindestzahl von Unterstützern erreicht werden.

Die große Frage: krebserregend oder nicht?

Es gibt seit Jahren Streit über Glyphosat. Nach einer monatelangen Hängepartie hatte die Kommission Ende Juni vergangenen Jahres mangels einer Mehrheit der Mitgliedstaaten für oder gegen Glyphosat die Zulassung vorerst um anderthalb Jahre verlängert. Diese Übergangslösung läuft zum Jahresende aus. Im Juli hatte die EU-Kommission schließlich vorgeschlagen, das Unkrautvernichtungsmittel für zehn weitere Jahre zuzulassen - abgesegnet ist dieser Vorstoß aber noch nicht.

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Unumstritten ist, dass Glyphosat negative Einflüsse auf die Artenvielfalt hat. Anlass der Diskussionen sind jedoch vor allem Untersuchungen zur Krebsgefahr durch das Mittel, die sich auf den ersten Blick widersprechen:

Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) geht davon aus, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" ist. Allerdings bewertet die IARC nur, ob ein Mittel generell Krebs beim Menschen auslösen kann - nicht aber, welche Mengen dafür notwendig sind und wie hoch das Risiko ist. So stuft die IARC zum Beispiel Alkohol und Wurst als "sicher krebserregend" ein - eine Stufe über dem Pestizid.

Das erklärt, warum das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu einem anderen Ergebnis kam: Die Experten waren im Auftrag der EU unter anderem der Frage nachgegangen, ob Verbraucher etwa über die Nahrung gefährlich hohe Mengen des Unkrautvernichters aufnehmen könnten. Ihre Einschätzung: Wird Glyphosat bestimmungsgemäß eingesetzt, besteht für Menschen kein Krebsrisiko. Unter anderem die Europäische Chemikalienagentur (Echa) kam zu einem ähnlichen Ergebnis.

Aktuell ist Glyphosat auch auf deutschen Feldern das am häufigsten eingesetzte Herbizid. Wer über ein Verbot nachdenkt, sollte deshalb auch abwägen, ob es bessere Alternativen gibt. Bei dieser Frage gehen die Meinungen ebenfalls auseinander: Kritiker des Verbots warnen davor, dass Landwirte auf möglicherweise problematischere Alternativen ausweichen könnten. Die Befürworter des Verbots hingegen argumentieren damit, dass deutschlandweit Tausende Biobauern auch ohne das Pestizid auskommen.

irb/dpa

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