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Gesundheit

Chirurgie

Elastischer Kleber verschließt Wunden in 60 Sekunden

Eine gelartige Substanz soll Wunden sicher wieder verschließen - ganz ohne Nähen oder Klammern. In Tierversuchen habe dies bereits gut geklappt, berichten Forscher.

Wyss Institute at Harvard University

Verbindung zwischen Metro (oben) und Lungengewebe (unten) - links eine Aufnahme mit einem Elektronenmikroskop, rechts eine Aufnahme gefärbter Proben

Sonntag, 08.10.2017   15:36 Uhr

Das Gel in die Wunde geben, den darin enthaltenen Kleber mit UV-Licht aktivieren - und 60 Sekunden später ist die Wunde geschlossen. Über den neu entwickelten Wundkleber berichtet ein internationales Forscherteam nun im Fachblatt "Science Translational Medicine".

Die Wissenschaftler haben das Gel mit dem Namen Metro nun an Ratten und Schweinen getestet. Eine besondere Herausforderung seien Eingriffe in der Lunge. Nach der OP müsse sichergestellt werden, dass keine Luft durch die Wunde ins Innere gelange - nicht zuletzt, um Infektionen vorzubeugen.

Weil sich eine Lunge bei jedem Atemzug bewege, sei es schwierig, Wunden sicher zu verschließen, schreiben die Forscher. Die Tests mit Schweinen seien erfolgreich verlaufen. Man habe die Wunden ohne Klammern oder Fäden nur mit dem neuen Kleber geschlossen. Und sie hätten dichtgehalten.

Substanz aus elastischen Fasern

"Ein guter chirurgischer Kleber muss mehrere Eigenschaften kombinieren", sagte Nasim Annabi von der Northeastern University, Hauptautor der Studie. Das Material müsse elastisch sein, nicht toxisch, biokompatibel und gut kleben. Die meisten kommerziell verfügbaren Produkte hätten nur eine oder zwei dieser Eigenschaften, aber nicht alle. Das nun vorgestellte Material könne allen vier Anforderungen gerecht werden, sagte Annabi.

Der Name Metro steht für Methacryloyl-substitutiertes Tropoelastin - ein Protein, das in elastischen Fasern aus menschlichem Gewebe vorkommt. Deshalb sei das Gel biokompatibler als andere chirurgische Kleber, schreiben die Forscher. Nach kurzer Aktivierung mit UV-Licht bilde das Gel einen hochelastischen Wundkleber.

Klinische Studien sollen folgen

Das Gel enthält auch eine Substanz, die für ein langsames Auflösen des chirurgischen Klebers sorgt, sodass die Wunde am Ende wieder vollständig mit natürlichen Gewebe geschlossen ist. Der Zeitraum, in dem sich der Kleber auflöst, ist den Angaben zufolge steuerbar und reicht bis zu Monaten.

Wer hat's bezahlt?

Finanziert wurde die Studie von folgenden Einrichtungen: National Institutes of Health (NIH), Office of Naval Research, Australian Research Council, National Health and Medical Research Council, American Heart Association und der Deutschen Herzstiftung.

Nun wollen die Wissenschaftler ihren Wundkleber in klinischen Versuchen am Menschen untersuchen. Erst wenn diese Tests erfolgreich abgeschlossen sind, ist an Anwendungen in der Notfallmedizin oder bei Routineeingriffen im Krankenhaus zu denken. Antony Weiss von der University of Sydney sagte: "Ich hoffe, dass Metro bald in Hospitälern genutzt wird und Leben rettet."

Weiss könnte von einem kommerziellen Erfolg auch persönlich profitieren, denn er hält Anteile an der Firma Elastagen Pty Ltd., die das in der Studie verwendete Tropoelastin geliefert hat. Weiss und zwei weitere Autoren sind zudem Mitinhaber eines Patents über ein elastisches Hydrogel. Alle übrigen Autoren haben gegenüber "Science" erklärt, bei ihnen bestünden keine Interessenkonflikte.

hda

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