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Gesundheit

Volkskrankheit

Warum Diabetes oft nicht erkannt wird

Diabetes und ihre Vorstufen bleiben in Deutschland oft unentdeckt. Dabei handelt es sich inzwischen um eine Volkskrankheit. Auch Ärzte fallen häufig auf Klischees herein - und rechnen nicht mit Nomadengenen.

DPA

Blutzuckermessung

Donnerstag, 09.11.2017   11:24 Uhr

Das Klischee kann in die Irre führen: "Nicht jeder Dicke wird zuckerkrank und nicht jeder Schlanke ist davor geschützt", sagt Norbert Stefan, Diabetesforscher am Uni-Klinikum Tübingen.

Doch genau solche Stereotype führen aus Sicht von Stefan dazu, dass Diabetes und vor allem ihre Vorstufen in Deutschland oft unentdeckt und unterschätzt bleiben. "Das ist wie ein Tsunami unter der Wasseroberfläche. Und ohne frühes Gegensteuern trifft er auf Land", warnt der Experte.

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, bei der die Regulierung des Blutzuckerspiegels gestört ist. Nur bei rund 300.000 Menschen in Deutschland ist eine angeborene Autoimmunkrankheit (Typ 1) Ursache für die diagnostizierten Fälle.

Typ 2 wird schon bei Kindern diagnostiziert

Bei mehr als sechs Millionen Menschen ist dagegen ein Wechselspiel aus Fehlernährung, Bewegungsmangel und genetischen Anlagen der Grund für erkannte Erkrankungen (Typ 2). Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 300.000 Typ-2-Diagnosen dazu, inzwischen im Extremfall schon bei Kindern.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass weitere zwei Millionen Menschen unter Diabetes leiden, ohne davon zu wissen. Die Zahl der Vorstufen der Krankheit schätzt Forscher und Arzt Stefan auf noch einmal 20 Prozent - das wären rund 16 Millionen Menschen in Deutschland.

Belegen kann er das nicht. Es sind Hochrechnungen, die sich an Statistiken in den USA orientieren. "Prädiabetes ist bei uns nicht als Krankheit anerkannt, ist also gar nicht auf der Agenda", sagt Stefan. Und doch erhöhe die Vorstufe innerhalb von etwa fünf Jahren deutlich das Risiko die Schwelle zu einer "echten" Diabetes-Erkrankung zu überschreiten.

Nomadengene machen anfällig

Für Vorstufen gibt es messbare Signale wie zu hohe Blutzucker-, Blutfett- und Blutdruckwerte. "Aber auch Ärzte erliegen dem Diabetes-Klischee", sagt Stefan. "Bei schlanken Patienten tippen sie meist nicht auf die Zuckerkrankheit." Dabei würden erbliche Faktoren und auch die ethnische Zugehörigkeit unterschätzt.

"Wer zum Beispiel eine lange Nomadengeschichte in seinen Genen trägt, hat wahrscheinlich heute noch einen natürlich erhöhten Blutzuckerwert", sagt Stefan. Das habe damit zu tun, dass Nomaden Hungerzeiten nur überlebten, wenn ihre Körper schnell Energie freisetzen konnten. "Für Menschen mit dieser genetischen Anlage ist eine Überernährung bereits im Bereich des Normalgewichts ein hohes Diabetes-Risiko", sagt er. Da reiche schon ein dauerhafter Fastfood-Konsum.

In einer multiethnischen Gesellschaft müssten Hausärzte das berücksichtigen - zum Beispiel bei Menschen aus Nordafrika, Asien oder Polynesien. Und auch bei Kindern. Rund jedes siebte Kind in Deutschland gilt schon als zu dick, sechs Prozent sind bereits krankhaft übergewichtig. Und viele von ihnen stammen aus Migrantenfamilien.

Gravierende Folgeerkrankungen als Langzeitfolge

Ihre Eltern ahnen oft kaum, welchem Risiko sie ihre Kinder mit viel zu fetter und süßer Ernährung aussetzen. Diabetes bedeutet nicht nur Tabletten oder Insulinspritzen. Zu den Langzeitfolgen können gravierende Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Netzhauterkrankungen bis hin zu Erblindung, Nierenversagen und Amputationen gehören. Wer als Kind erkrankt, kann diese Folgen nicht erst im Seniorenalter zu spüren bekommen, sondern schon mit 40.

"Diabetes wird generell immer noch zu spät erkannt", sagt Andreas Pfeiffer, Experte an der Berliner Charité. Dabei lasse sich die Vorstufe relativ leicht behandeln. "Fünf Kilo abnehmen, eine halbe Stunde pro Tag körperlich aktiv sein und sich einigermaßen gesund ernähren - damit lässt sich das Risiko um 80 bis 90 Prozent senken", sagt Pfeiffer. "Aber Diabetes merkt man nicht."

Zu ungesunder Ernährung kommen acht dominant erbliche Diabetesformen, die auch schlanke Menschen mit ganz bestimmten Genmutationen treffen können. "Das kann man auch für Kassenpatienten analysieren lassen", sagt Pfeiffer. "Die Zukunft werden Marker sein. In fünf bis zehn Jahren machen wir das als Routinediagnostik für das ganze Genom." Im Moment kennen Forscher rund 100 Gene, die das Diabetesrisiko erhöhen.

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Ob übergewichtig oder schlank - Forscher Norbert Stefan würde sich für jeden Menschen einmal im Jahr einen Blutzuckertest wünschen. Und wenn es dabei Auffälligkeiten gibt, weitere Checks auf Diabetes oder Vorstufen davon.

"Viele Leute sind motiviert zum Abnehmen, wenn sie mit 45 Diabetes haben", sagt sein Kollege Pfeiffer. "Wenn sie 10 bis 15 Kilo schaffen, kann der Diabetes dauerhaft weg sein. Aber nur, wenn sie das Gewicht halten. Das ist aber schwer."

Ulrike von Leszczynski, dpa/brt

insgesamt 48 Beiträge
CancunMM 09.11.2017
1.
Da widerspreche ich mal ganz vehement. Von 10 Patienten mit Übergewicht bei denen ich einen Diabetes mellitus Typ II diagnostiziere und denen ich erzähle, dass Abnehmen und körperliche Bewegung ihren Diabetes bessert, werden [...]
Da widerspreche ich mal ganz vehement. Von 10 Patienten mit Übergewicht bei denen ich einen Diabetes mellitus Typ II diagnostiziere und denen ich erzähle, dass Abnehmen und körperliche Bewegung ihren Diabetes bessert, werden 1-2 das auch umsetzen. Der Rest nimmt lieber Tabletten und ändert nichts an seinem Leben.
rolli 09.11.2017
2. Herrlich
Ein Werbebeitrag der deutschen Gesellschaft für Diabetes im Spiegel....dümmer gehts nimmer. Die Zuckermafia mal ganz anders. Die kleinen Diktatoren - eigentlich die Marketingabteilungen der Pharmaindustrie, denn diese haben die [...]
Ein Werbebeitrag der deutschen Gesellschaft für Diabetes im Spiegel....dümmer gehts nimmer. Die Zuckermafia mal ganz anders. Die kleinen Diktatoren - eigentlich die Marketingabteilungen der Pharmaindustrie, denn diese haben die engen Grenzwerte bestimmt ( wie auch bei anderen "Erkrankungen") und werben hier in der Manier von Drückerkolonnen. rolli
observerlbg 09.11.2017
3. Oje @rolli...
der Paranoia wird sogar die eigene Gesundheit geopfert. Der Bericht hier sagt doch gerade NICHT aus, dass man unbedingt Pillen schlucken soll, sondern schon allein mit gesunder Ernährung das Risiko extrem verringern kann. Mein [...]
der Paranoia wird sogar die eigene Gesundheit geopfert. Der Bericht hier sagt doch gerade NICHT aus, dass man unbedingt Pillen schlucken soll, sondern schon allein mit gesunder Ernährung das Risiko extrem verringern kann. Mein Schwager, wie immer sehr konsequent, hat sofort nach der Diabetes-Diagnose auf rafinierten Zucker vollständig, auf Alkohol deutlich und auf Weißmehlprodukte erkennbar verzichtet. Und schon diagnostiziert sein Arzt nahezu normale Blutwerte. Und sein BMI ist auch wieder unter 25.
frisal 09.11.2017
4. Kosten
Haben sie dafür einen Beleg? Ich weiß was mein Insulin kostet und kann nicht glauben dass eine solche OP mit allem drum und dran so "billig" ist.
Haben sie dafür einen Beleg? Ich weiß was mein Insulin kostet und kann nicht glauben dass eine solche OP mit allem drum und dran so "billig" ist.
freigeistiger 09.11.2017
5. mediale Sprachverfalchung
Auch dieser Artikel kommt ohne die massige Verwendung des Lieblingsbegriffs von Journalistinnen und Journalisten nicht aus. Dass soll wohl journalistische Fachkompetenz sugerieren. Ist aber nur sprachliche Verflachung. Für [...]
Auch dieser Artikel kommt ohne die massige Verwendung des Lieblingsbegriffs von Journalistinnen und Journalisten nicht aus. Dass soll wohl journalistische Fachkompetenz sugerieren. Ist aber nur sprachliche Verflachung. Für Experte gibt es den Begriff Diabetologe, Facharzt, Oberarzt etc. Experte ist Titisprache (Kleinkinsprache). Auch dieser Artikel kommt ohne die massige Verwendung des Lieblingsbegriffs von Journalistinnen und Journalisten nicht aus. Dass soll wohl journalistische Fachkompetenz suggerieren. Ist aber nur sprachliche Verflachung. Für Experte gibt es die Begriffe Diabetologe, Facharzt, Oberarzt etc. Experte ist Titisprache (Kleinkindsprache).

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