19.06.2012
Ein rätselhafter Patient
Vorhofflimmern aus der Dose
Supermarktregal in den USA: Energy-Drinks enthalten meist große Mengen Koffein
Das Herz rast und stolpert mit einem Mal, dabei ist der Junge sonst gesund. Der 14-Jährige hat zwei Stunden zuvor an einem Wettrennen teilgenommen, wegen des Herzstolperns kommt er ins Krankenhaus der Stony Brook University auf Long Island im US-Bundesstaat New York.
Der Junge hat keine chronischen Krankheiten, die sein Herzrasen erklären würden. Kinder, die mit Fehlbildungen der Herzgefäße oder der Scheidewände zwischen rechtem und linkem Herzen geboren werden, leiden häufig auch unter unregelmäßigem Herzschlag oder Herzrasen. Doch der Ultraschall des Teenagers, über den die New Yorker Ärzte im "Journal of Medical Case Reports" berichten, zeigt nichts Auffälliges.
Bei etwa 130 Herzschlägen pro Minute hören die Ärzte mit dem Stethoskop ein leises Herzgeräusch. Das EKG ist beunruhigend, es zeigt nicht die rhythmische Erregung der Herzvorhöfe an, von denen der elektrische Impuls normalerweise an die Herzkammern weitergeleitet wird. Stattdessen "flimmern" die Vorhöfe elektrisch, eine häufige Erkrankung bei älteren Patienten - nicht aber bei gesunden Teenagern.
Den vom Vorhofflimmern verursachten unregelmäßigen Herzschlag spüren die Patienten als Stolpern, Aussetzer, Schwindel, dauernde Müdigkeit. Auch eine Ohnmacht kann dazukommen.
Wenn Kinder Koffein schlucken
Die Ärzte fragen den Teenager nach anderen möglichen Ursachen für seine Beschwerden. Doch der Junge war kurz vor dem Wettrennen nicht krank, hatte auch keine Drogen genommen. Allerdings gibt er an, am Tag vor dem Rennen Energy-Drinks getrunken zu haben. Wie viele es genau waren, weiß er nicht mehr. Er kann sich aber an ein ähnliches Herzrasen erinnern, das bereits Tage zuvor aufgetreten war - ebenfalls nach dem Genuss einer Dose der Limonade mit extrem viel Koffein.
Die Kinder-Kardiologen behandeln den Teenager mit dem Medikament Digoxin, das den Herzschlag bremst. Tatsächlich hat der Junge bereits nach der ersten Dosis wieder ein normales EKG und sein Herz schlägt regelmäßig, mit normaler Geschwindigkeit.
Die Mediziner der Stony Brook University berichten in ihrem Fachartikel noch von einem weiteren Teenager, der nach einem Mix aus Wodka und Energydrink ebenfalls wegen Herzrhythmus-Störungen behandelt werden musste. Insgesamt, so schreiben sie, häuften sich die Fälle von Kindern, die wegen großer Mengen Koffein zum Arzt müssen.
Die Ärzte führen die steigenden Zahlen auf die beliebten Energy-Drinks zurück. In den letzten Jahrzehnten sei dadurch der Koffeinkonsum von Kindern und Jugendlichen enorm gestiegen. Die in den Energy-Drinks enthaltene Menge an Koffein sei sehr unterschiedlich, Grenzen für den Koffeingehalt gebe es kaum.
Auch in Deutschland gibt es große Unterschiede beim Koffeingehalt der Energy-Drinks: Die Zeitschrift "Ökotest" fand 2007 zwischen 24 und 32 Milligramm Koffein in 100 Millilitern. Bei Dosengrößen von einem Viertelliter und mehr ergibt das deutlich mehr Koffein als in einer Tasse Kaffee oder einem Glas Cola. In Deutschland ist bei Getränken mit mehr als 15 Milligramm Koffein in 100 Millilitern ein Warnhinweis für Kinder, Schwangere und Stillende verpflichtend.
dba