15.06.2012
Plädoyer zur Organspende
Mehr Mut für ein hilfreiches Geschenk
Am heutigen Tag sterben in Deutschland drei Menschen, die vergeblich auf ein Spenderorgan gewartet haben. Morgen auch und ebenso jeden weiteren Tag, an dem sich nicht mehr Menschen dazu entscheiden, nach ihrem Tod Organe zu spenden.
Nur etwa jeder vierte Bundesbürger besitzt einen Spenderausweis. Sollten es nicht viel mehr sein? Oder - anders gefragt: Gibt es gute Gründe, die eine Spende nach dem Tod dringend nahelegen?
Für eine Antwort schaue man auf den Nutzen und den Schaden. Der Nutzen ist unbestritten: Eine Transplantation kann das Leben des Empfängers retten und ein Leben mit höherer Qualität ermöglichen. Die quälende Wartezeit auf ein Organ ließe sich durch mehr Spenden verkürzen.
Bliebe also die Frage nach dem Schaden für den Spender - und die zu beantworten ist komplizierter. Zunächst liegt das an der gefühlten Unklarheit, die mit dem Hirntod verbunden ist. Einige Bürger zweifeln, ob der Mensch mit dem Hirntod wirklich tot ist. Manche fürchten, sie könnten von Ärzten voreilig für hirntot erklärt werden. Die Diskussion um den Hirntod ist kontrovers und füllt zahlreiche gelehrte Bücher, doch zumindest einiges Unstrittiges lässt sich festhalten: Das Transplantationsgesetz erlaubt die Entnahme von Organen, sofern zwei Ärzte unabhängig voneinander den "endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms" feststellen. Bei den Ärzten muss es sich um erfahrene Mediziner handeln, die nach dem Stand der Wissenschaft arbeiten, nicht zum Transplantationsteam gehören und keinerlei Weisungen aus diesem Team unterstehen. Die Anforderungen an die Hirntod-Diagnostik sind damit sehr hoch.
Bei Hirntod findet keine Kommunikation mehr statt
Aufgrund des irreversiblen Ausfalls des ganzen Gehirns kann ein hirntoter Mensch niemals mehr mit seiner Umwelt in Kontakt treten und auch niemals mehr etwas für sich empfinden - weder Positives noch Negatives. Der Spender muss wegen seiner Spende weder auf Kommunikation mit der Umwelt noch irgendein Selbstverhältnis verzichten. Die Fähigkeiten, so etwas wahrzunehmen, sind beim Hirntod nicht mehr vorhanden und werden auch nicht wieder kommen. Dies gilt auch, wenn der Spender noch eine kurze Zeit künstlich beatmet wird, um den Hirntod festzustellen und die Entnahme der Organe zu organisieren.
Wenn also die Entnahme von Organen dem hirntoten Menschen für das irdische Dasein keinen Schaden zufügt, dann bliebe zu klären, ob die Organspende Nachteile für ein Leben jenseits des irdischen birgt. Dabei steht man vor der Schwierigkeit, dass wir als Menschen über ein jenseitiges Leben nichts Verlässliches aussagen können. Wir wissen nichts über ein Leben nach dem Tode, was uns jedoch nicht daran hindert, Mutmaßungen anzustellen.
Dazu gehört die Überlegung, ob die körperliche Integrität, also der Verzicht auf eine Entnahme von Organen nach dem Hirntod, für ein jenseitiges Leben von irgendeinem Vorteil, ja vielleicht sogar notwendig sein könnte. Genau dies scheint höchst unwahrscheinlich: Der menschliche Körper wird sich nach dem Tod auflösen, seine Integrität wird allemal zerstört. Gibt es irgendwelche Hinweise, dass die Entnahme von Organen ganz zu Beginn dieses Prozesses einen Einfluss auf die Qualität eines jenseitigen Lebens hat - wie immer es auch aussehen mag? Wohl kaum! Ob man nun Organe nach dem Hirntod entnimmt oder nicht dürfte keinen Einfluss nehmen auf das, was dann kommen könnte. Freilich: Diese Aussage lässt sich nicht beweisen, sie scheint jedoch höchst plausibel.
Nutzen für den Empfänger - kein Nachteil für den Spender
Wenn also die Spende eines Organs nach dem Hirntod dem Spender keinerlei Nachteile zufügt - höchst wahrscheinlich auch nicht für ein jenseitiges Leben -, dem Empfänger aber gravierende Vorteile verschafft, dann ist das Verhältnis eindeutig: Hier der große Nutzen für den Empfänger, dort der nicht vorhandene Nachteil für den Spender. Insofern bedarf es keiner Uneigennützigkeit für eine Organspende nach dem Tode, da ein Mensch im Zustand des Hirntodes auf nichts verzichten kann.
Auch die Rede von einem selbstlosen Handeln ist irreführend, wenn kein Selbst mehr vorhanden ist. Man kann lange darüber streiten, ob bei einer Organspende nach dem Tod überhaupt noch von Altruismus gesprochen werden sollte. In jedem Fall ist es eine Handlung, die dem Spender nicht von Nachteil ist und dem Empfänger große Vorteile bietet.
Doch jenseits des Kalküls verbleibt bei nicht wenigen Bürgern eine emotionale Zurückhaltung: Sie möchten sich über die Zeit nach ihrem Tod keine Gedanken machen. Sie scheuen belastende Überlegungen zum Tod und zur Entnahme von Organen. Das ist zu respektieren, gleichwohl: Angesichts des erheblichen Nutzens für einen Empfänger sollten sich potentielle Spender darüber im Klaren sein, welch hilfreiches Geschenk ihre Weigerung zur Organspende vorenthält. Und sie dürfen eines nicht vergessen: Sollte bei ihnen ein Organ versagen, wollen auch sie möglichst schnell ein Transplantat bekommen. Insofern darf man in derart wichtigen Angelegenheiten durchaus an den Mut appellieren, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

