19.08.2012
Sommerhitze
Hohe Ozonwerte gefährden das Herz
Von Ingrid GlompNach mehreren heißen Sommertagen kann es passieren, dass sich die Deutschlandkarte des Umweltbundesamtes mehr oder weniger flächendeckend knallrot färbt. Die Warnfarbe bedeutet: Der Zielwert von 120 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft wurde überschritten, etwas, das dem Gesundheitsschutz zuliebe höchstens 25-mal pro Jahr und ab 2020 gar nicht mehr passieren sollte.
In den höheren Schichten der Atmosphäre ist Ozon erwünscht und nützlich, denn es schützt die Erde vor zu starker Sonneneinstrahlung. Anders sieht es auf der Erde aus: Dort entsteht das Gas in Bodennähe gerade mit Hilfe intensiver Sonnenstrahlung aus bestimmten Stoffen in Auto- und Industrieabgasen. Beim Menschen reizt es die Atemwege, verursacht Husten und Atembeschwerden. Außerdem kann es Lungenerkrankungen wie Asthma, Emphysem oder chronische Bronchitis verschlimmern. Und nicht nur das: Wie eine aktuelle amerikanische Studie zeigt, schaden hohe Ozonwerte offensichtlich auch dem Herz-Kreislauf-System.
Mehr Herzinfarkte nach hohen Ozonwerten
Für die Untersuchung atmeten 20 Männer und drei Frauen zwischen 19 und 33 Jahren zwei Stunden lang Luft mit 0,3 ppm (Parts per Million) Ozon ein - eine Konzentration, die in stark luftverschmutzten Städten wie Peking oder Mexico City fast erreicht wird. Dabei strampelten sie abwechselnd 15 Minuten auf einem Fahrradergometer und ruhten sich 15 Minuten aus. Nach den zwei Stunden fanden die Forscher aus Durham und Chapel Hill in North Carolina bei den Versuchsteilnehmern Anzeichen für Entzündungen der Blutgefäße, Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel sowie Änderungen im autonomen Nervensystem, das den Herzschlag kontrolliert.
Beispielsweise stieg die Menge von Interleukin-8, einer Substanz, die bei Entzündungen eine Rolle spielt, im Blut auf das Doppelte an. Der Plasminogen-Aktivator-Inhibitor Typ 1 hingegen sank um ein Fünftel, was ein Anzeichen dafür sein könnte, dass vermehrt Blutgerinnsel gebildet wurden. Eine weitere Komponente der sogenannten Herzratenvariabilität sank auf die Hälfte des normalen Ausmaßes - damit der Körper sich schnell auf unterschiedliche Belastungen einstellen kann, sollte die Herzfrequenz möglichst veränderlich sein. Alle Erscheinungen waren bei den Versuchsteilnehmern glücklicherweise nur vorübergehend, schreiben die Forscher in der Fachzeitschrift "Circulation" der American Heart Association.
"Diese Studie liefert eine plausible Erklärung für den Zusammenhang zwischen akuter Ozonbelastung und Todesfällen", sagt Studienautor Robert Devlin, der als Wissenschaftler im National Health and Environmental Effects Research Laboratory der amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) arbeitet. Bereits vor einigen Jahren hatten Forscher in Frankreich mit Hilfe statistischer Auswertungen herausgefunden, dass ein oder zwei Tage nach einem Anstieg der Ozonwerte Menschen mittleren Alters häufiger einen Herzinfarkt erleiden. Eine zweite französische Studie deutet darauf hin, dass auch das Schlaganfallrisiko durch hohe Ozonwerte kurzfristig ansteigt.
Morgens lüften, während der Mittagshitze entspannen
Solche Beobachtungen können jedoch keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nachweisen, da die Bevölkerung vielen Schadstoffen ausgesetzt ist. So könnte etwa sein, dass Feinstaub oder andere Faktoren hinter den Herz-Kreislauf-Erkrankungen stecken und nicht das Ozon. Um einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer Ursache und einer Wirkung festzustellen, benötigt man direktere Tests.
Bereits 2010 ergab eine Untersuchung mit Ratten, dass Ozon tatsächlich das Herz angreifen kann. Allerdings lassen sich Ergebnisse von Tierversuchen nicht unbedingt auf den Menschen übertragen. Dass und wie Ozon das Herz-Kreislauf-System des Menschen schädigen kann, hat die neue amerikanische Studie jetzt auch unter Laborbedingungen gezeigt. Zwar war die Ozonkonzentration mit 600 Mikrogramm pro Kubikmeter ausgesprochen hoch, aber die Forscher geben zu bedenken, dass dieser Wert in Städten mit großer Luftverschmutzung fast erreicht wird. Zweitens seien die Versuchsteilnehmer dem Ozon nur zwei Stunden ausgesetzt gewesen. Im wirklichen Leben könne dies viel länger der Fall sein. Und schließlich habe es sich um junge, gesunde Menschen gehandelt. Gefährdete Personen würden vermutlich noch stärker reagieren.
Dafür, was man an heißen Sommertagen der Gesundheit zuliebe tun und lassen sollte, hat das Umweltbundesamt eine einfache Faustregel: "Vernünftiges Verhalten im Hinblick auf hohe Temperaturen ist auch vernünftig im Hinblick auf Ozon." Weil die Ozonwerte mittags und nachmittags am höchsten sind, sollte man zu diesen Zeiten längere körperliche Anstrengung im Freien, etwa beim Sport, möglichst vermeiden. Das gilt besonders für Kinder und empfindliche Menschen. Zu Letzteren zählen laut der American Heart Association ältere Personen sowie solche mit Lungen- und Herzproblemen. Lüften, empfiehlt das Umweltbundesamt, soll man am besten morgens.

