08.11.2012
Notfallmedizin
Vollbremsung gefährdet Babys im Rettungswagen
Von Dennis BallwieserUm ein Neugeborenes zu transportieren müssen Rettungsdienste und Ärzte sich besonders anstrengen: Während erwachsene Patienten es verzeihen, wenn sie bei Wind und Wetter auf einer wackligen Trage liegend rumpelnd in den Rettungswagen geschoben werden, gibt es für Frühgeborene und Säuglinge spezielle Transportboxen. In diesen gewärmten Inkubatoren sind sie vor Kälte geschützt, die mit allerlei Technik vollgestopften Apparate können im Rettungswagen gesichert werden.
Doch Ärzte der Universität Rostock haben jetzt in einer Studie eine Schwachstelle der Baby-Transporte im Inkubator aufgedeckt, für die es bisher noch keine Lösung gibt: Die Neugeborenen liegen in der Plexiglas-Transportbox selbst ohne Gurt oder ähnliche Sicherung - und das wird bereits bei einer Vollbremsung zum Sicherheitsproblem, wie Anästhesist Gernot Rücker und seine Kollegen in einer Studie im Fachmagazin "Notfall + Rettungsmedizin" zeigen.
Denn auf die Kinder wirken erhebliche Kräfte, wie die Ärzte mit Hilfe eines Säuglingsdummys belegen konnten: Bei einer Vollbremsung aus 50 Kilometern pro Stunde wurde dieser bei jeder Testfahrt gegen das Inkubatorglas gedrückt. Dabei wirkten Kräfte bis über das Siebenfache der Erdbeschleunigung (7 g) hinaus auf den Dummy. In der Spitze maßen die Mediziner sogar Werte von 9,5 g - das übersteigt die Fliehkräfte einer Achterbahnfahrt.
Höchste Belastung bei nur 30 Kilometern pro Stunde
Für die Versuche legten die Rostocker Mediziner ihren Säuglingsdummy in einen Inkubator und bauten die Transportbox in drei verschiedene Rettungswagen (RTW) ein. In einem Test-RTW lag der Dummy längs zur Fahrtrichtung, in zwei anderen quer. Bei Kleinkindern spielt das durchaus eine Rolle, denn besondere Gefahr droht an der Schädeldecke von Babys. Die Knochenplatte ist bei Säuglingen noch nicht geschlossen, bei einem Aufprall ist das Gehirn besonders gefährdet.
Anschließend gab es mit jedem Fahrzeug 20 Testfahrten auf einem Testgelände. Der Fahrer legte bei 50 Kilometern pro Stunde eine Vollbremsung hin. In einer zweiten Testreihe erforschten die Mediziner zudem die Kräfte, die auf den Testdummy während Vollbremsungen bei Geschwindigkeiten von 20 bis 70 Kilometern pro Stunde wirkten. Die höchste Kraftbelastung stellten die Wissenschaftler bei einer Vollbremsung aus nur 30 Kilometern pro Stunde fest - den Spitzenwert von 9,5 g.
"In den letzten Jahren sind die Bremssysteme der Fahrzeuge so effizient geworden, dass sich der Bremsweg drastisch verkürzt hat. Das bedeutet eine Zunahme der Krafteinwirkung auf Patienten im Rettungswagen", sagt Studienautor Gernot Rücker zu SPIEGEL ONLINE. "Gerade bei einem modernen Baby-Notarztwagen haben wir die höchste Belastung gemessen. Der Dummy wurde bei jeder Fahrt gegen die Scheibe des Inkubators geschleudert."
Die hohen Bremskräfte maßen die Rostocker Wissenschaftler im Moment des Aufschlags des Baby-Dummy auf die Plexiglasscheibe des Inkubators. Während auf den angegurteten Fahrer weit weniger Kraft einwirkt, ist der Körper bei einer Vollbremsung Belastungen wie bei einem Aufprall auf den Boden aus 80 Zentimetern Höhe ausgesetzt, erklärt Rücker.
Rückhaltesysteme für Babys in Inkubatoren sind nicht vorgeschrieben
In den einschlägigen Normen für die Inkubatoren gelte es, eine Sicherheitslücke zu schließen, sagt Rücker. Denn bisher seien Rückhaltesysteme für die Babys in den Inkubatoren nicht vorgeschrieben, anders als zum Beispiel bei Patienten auf der Trage oder für die mitfahrenden Rettungsassistenten und Notärzte.
Ob allerdings eine schnelle und einfache Lösung möglich ist, ist noch unklar. "Bei den Neugeborenen kann man nicht einfach einen Gurt anlegen wie bei größeren Kindern oder Erwachsenen", sagt Rücker. "Das würde die Kinder beim Atmen behindern oder schlimmstenfalls auch ohne Vollbremsung zu Verletzungen führen." Die Vorschläge, wie Babys besser gesichert werden könnten, reichen von Schalensystemen in den Inkubatoren über Gurtsysteme bis zum Transport der Kinder auf der Brust der Mutter - was allerdings zum Beispiel bei beatmeten Säuglingen schlecht möglich ist.
Das Problem betrifft zwar eine nur verhältnismäßig kleine Zahl an Rettungswagen, Rücker schätzt die Zahl spezieller Baby-Transporter in Deutschland auf etwa 60 Fahrzeuge. Allerdings sind sie über die ganze Bundesrepublik verteilt und werden genau für die heiklen Transporte eingesetzt.
Dass die Gefahr von Verletzungen durchaus real ist, zeigt eine informelle Umfrage der Rostocker Forscher unter deutschen Kliniken im März. Ein Fünftel der befragten Mediziner gab an, es habe im eigenen Rettungsdienstbereich schon einmal Zwischenfälle mit Transportinkubatoren gegeben, bei denen Kinder gefährdet gewesen seien. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis bei einem solchen Zwischenfall einmal ein Säugling ums Leben kommt", sagt Rücker.

