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21.11.2012
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Infektionsschutz

So schützen Sie sich vor Grippe

DPA

Haaaaatschiiii: Um sich und andere zu schützen, sollte man am besten in ein Papiertaschentuch niesen

Ernst Tabori ist Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg. Im Interview erklärt er, wie man sich wirkungsvoll vor Infektionen schützt, ob bei Erkältungen Kussverbote bestehen sollten und wie sinnvoll das Niesen in die Hand ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Tabori, viele Menschen sind im Moment erkältet. Was hat die Kälte mit Erkältung zu tun?

Tabori: Kälte ist nie die Ursache einer Infektion. Aber bei niedrigen Temperaturen konzentriert der Körper das Blut in seinem Zentrum, um möglichst wenig Wärme zu verlieren. Die Durchblutung zum Beispiel der Hände, Füße, aber auch der Naseschleimhaut wird gedrosselt - und weniger Blut bedeutet auch, dass zum Beispiel weniger Abwehrzellen und Antikörper in die Regionen gelangen. Eindringende Keime haben deshalb größere Chancen, sich festzusetzen und zu vermehren. Hinzu kommt noch, dass die Luft im Winter trockener ist - kalte Luft kann weniger Feuchtigkeit aufnehmen. Wird sie in Räumen mit der Heizung aufgewärmt, trocknet sie die Nasenschleimhaut noch weiter aus. Dadurch wird diese noch anfälliger für Infekte.

SPIEGEL ONLINE: Haben kalte Temperaturen auch einen Einfluss auf die Erreger?

Tabori: Keime bleiben in der Kälte länger aktiv. Influenza-Viren, die Erreger der echten Grippe, sind bei warmen Temperaturen nur wenige Stunden infektiös. Dagegen sind sie bei null Grad über Tage und bei unter null Grad sogar wochen- oder monatelang ansteckend.

SPIEGEL ONLINE: Das sind Faktoren, die man gar nicht beeinflussen kann - es sei denn, man setzt sich in die Südsee ab. Unser Verhalten hat also gar keinen Einfluss?

Tabori: Doch. Im Winter sind wir weniger draußen, wir lüften weniger. Mehr Menschen in geschlossenen Räumen bedeuten eine höhere Konzentration von infizierten Menschen auf engem Raum. Und je mehr Menschen infiziert sind, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass man sich ansteckt.

SPIEGEL ONLINE: Wie steckt man sich an?

Tabori: Stellen Sie sich eine volle Straßenbahn vor - viele Menschen husten und niesen. Es gibt erstens die Möglichkeit, dass Tröpfchen, die dadurch in die Luft geschleudert werden, auf den Schleimhäuten anderer Menschen landen. Diese Tröpfchen können eineinhalb bis höchstens zwei Meter fliegen wie in einer aktuellen Veröffentlichung bestätigt wurde. Wenige Infektionserreger breiten sich über sogenannte Tröpfchenkerne aus - das sind Tröpfchen, die so klein sind, dass sie lange in der Luft schweben können. Die offene Lungentuberkulose wird so übertragen. Doch das ist die Ausnahme. Ich schätze mal, neun von zehn Infektionen werden über die Hände weitergereicht. Im Beispiel mit der Straßenbahn: Die Infizierten husten oder niesen sich in die Hand, fassen einen Griff an, an dem sich kurz drauf der nächste Fahrgast festhält. Der fährt sich mit den Fingern an die Lippen, Augen oder die Nase - und schon kann er sich angesteckt haben.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, der wichtigste Infektionsschutz ist die Handhygiene?

Tabori: Absolut, unsere Finger sind die zehn besten Gründe für konsequente Handhygiene. Wenn Sie - um bei dem Beispiel zu bleiben - nach der Straßenbahnfahrt nach Hause kommen, sollten Sie sich als erstes die Hände waschen. Wenn Sie erst das Brot auspacken, das Sie gekauft haben, bringen Sie die Keime natürlich auch darauf. Immer, wenn man etwas angefasst hat, das infektiös sein könnte, sollte man sich die Hände waschen. Wenn man mit Leuten zu tun hat, die eine Erkältung haben, sollte man Abstand halten und nach dem Kontakt die Hände waschen.

SPIEGEL ONLINE: Der US-Mikrobiologe Charles Gerba rät in seinem Buch "The Germ Freak's Guide to Outwitting Colds and Flu" Türgriffe und Wasserhähne nur mit einem Papiertuch oder dem Jackenärmel anzufassen. Das halten Sie dann auch für einen plausiblen Ratschlag?

Tabori: Es ist leicht nachvollziehbar, dass diese Maßnahmen etwas bringen können. Ich ziehe es auch vor, die Tür einer öffentlichen Toilette mit der Schulter aufzudrücken, die Klinke mit einem Papier in der Hand anzufassen oder sie mit dem Ellbogen zu öffnen. Man sollte nur nicht anfangen, zwanghaft zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ja, man wird ein bisschen seltsam angeschaut, wenn man so durchs Leben geht….

Tabori: Die Leute können gerne komisch gucken, so lange das, was man tut, um eine Infektion zu vermeiden, vernünftig ist. Keime am Ellbogen sind viel ungefährlicher als an den Händen - wir berühren mit der Armbeuge selten das Gesicht und wir essen auch nicht mit ihr. Es ist also sehr vernünftig, den Ellbogen zum Öffnen von Türklinken im öffentlichen Raum zu benutzen. Man sollte es aber nicht so weit treiben, dass man sich nicht mehr mit Freude durch die Welt bewegt, weil man ständig Angst vor Keimen hat.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ängste sind übertrieben?

Tabori: Viele Leute fürchten sich davor, sich auf eine Klobrille zu setzen. Das ist im Gegensatz zum Händewaschen nach dem Toilettengang völlig unbedeutend. Untersuchungen haben gezeigt, dass nicht extrem viele Keime auf Klobrillen zu finden sind. Aber selbst, wenn man eine kontaminierte erwischt hätte: Man hat nur mit den Oberschenkeln Kontakt - und die berühren normalerweise nicht unsere Nahrung oder die Schleimhäute des Mund-Nasen-Rachenraumes. Wenn man etwas nicht anfassen muss im öffentlichen Raum, sollte man es natürlich bleiben lassen. Auf der Rolltreppe muss man sich nicht am Handlauf festhalten, wenn man gut zu Fuß ist. Aber sich in der Straßenbahn oder im Bus nicht festzuhalten, um dann hinzuknallen und sich dabei eine Beule zu holen oder eine Platzwunde - da weiß ich nicht, ob das wirklich vernünftig ist. Es hilft, wenn man weiß, wie ein Infektionskeim an seine Zielzelle kommt. Das sind die Schleimhäute in Mund, Nase und den Atemwegen, sowohl bei Erkältungs- als auch bei Durchfallerregern.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie raten, während einer Erkältung auf Küsse für den Partner zu verzichten?

Tabori: Wenn der Partner eine Atemwegsinfektion hat, muss man sich dessen bewusst sein, dass mit einem Kuss Viren und Bakterien übertragen werden.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es, die Luft anzuhalten, wenn jemand niest, um sich vor einer Tröpfcheninfektion zu schützen?

Tabori: Die Tröpfchen sind so groß, dass sie eine Flugbahn beschreiben - sie sind ja sogar für das menschliche Auge sichtbar, wenn jemand niest. Man atmet sie gewöhnlich nicht ein, sondern sie treffen auf unsere Schleimhäute oder auf eine Fläche, die wir anschließend berühren. Den Mund kann man noch fest verschließen, aber die Nase kann man nicht aktiv verschließen.

SPIEGEL ONLINE: Da hilft nur, sich schnell auf den Boden zu werfen oder sich abzuwenden?

Tabori: Sich abzuwenden ist nicht schlecht, wenn jemanden einem aufs Hinterhaupt niest, ist die Gefahr geringer. Auf den Boden werfen halte ich allerdings für übertrieben: Da hat man dann auch noch die Keime vom Fußboden an den Händen. Außerdem könnte dieses Verhalten als sozial auffällig interpretiert werden…

SPIEGEL ONLINE: Ist es am Ende schädlich fürs Immunsystem, wenn man jeder Infektion aus dem Weg geht?

Tabori: Die Gefahr besteht nicht. Selbst bei der besten Hygiene werden Sie es nicht schaffen, Keime völlig aus Ihrem Leben zu verbannen. Ihr Immunsystem hat also in jedem Fall genug zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, man bekommt kleine Mengen Bakterien und Viren sowieso immer ab, und das reicht, um sich dagegen zu immunisieren?

Tabori: Genau. Nur in der Erziehung kann das ein Problem sein: Wenn man Kinder zu stark abschirmt, mit ständigem Desinfizieren und übertriebener Sauberkeit etwa, kann ihr unfertiges Immunsystem nicht richtig geschult werden. Man geht heute davon aus, dass dadurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass diese Kinder Allergien und Asthma entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man sich verhalten, wenn man selbst erkältet ist oder eine Grippe hat?

Tabori: Dann kann man am meisten bewirken. Zum einen, wenn man in ein Papiertaschentuch niest - und das nach Gebrauch sofort wegwirft. Mit den Papiertaschentüchern, die man Tage und Wochen in der Hosentasche mitschleppt, bis nur noch ein großes Loch, weiß umrahmt, übrig ist, schmiert man sich ja permanent irgendwelche Keime an Hände, Gesicht und Nase.

SPIEGEL ONLINE: Was, wenn man kein Taschentuch zur Hand hat und niesen muss?

Tabori: Nicht in die Hand niesen! Wenn man kein Taschentuch hat, dann in die Ellenbeuge. Man braucht sich das nur auszumalen. Jemand niest sich in die Hand und zwei Minuten später reicht er sie jemandem zur Begrüßung. Eine hochkonzentrierte Dosis an Keimen, das ist quasi ein biologischer Anschlag. Ganz wichtig auch: Wenn man krank ist, nicht den Held der Arbeit spielen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Tabori: Den Kollegen, der mit einer Erkältung zur Arbeit fährt, damit jeder sieht, dass er eine rote Nase hat - und der so die Infektionserreger unterwegs und an seinem Arbeitsplatz verteilt. Wenn man einen grippalen Infekt hat: zu Hause bleiben, auf der Arbeit anrufen, sich auszukurieren, um nicht andere Menschen anzustecken. Wir würden eine Menge Infektionen vermeiden, wenn diejenigen, die Keime ausscheiden, diesbezüglich etwas mehr Verantwortung zeigen würden. Und man tut auch etwas für die Gemeinschaft, wenn man sich im Herbst gegen Grippe impfen lässt. Jeder, der sich selbst schützt, trägt dazu bei, dass der Erreger sich nicht weiter verbreiten kann, so dass auch die Ungeimpften dadurch geschützt sind.

Das Interview führte Frederik Jötten

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insgesamt 36 Beiträge
1. Auf den Boden werfen?
agua 21.11.2012
Eine lustige Vorstellung.Wenn jeder der erkaeltet ist,da etwas ruecksichtsvoller waere und nicht einfach durch die Gegend husten und niessen wuerde,waere das schon hilfreich,die Ansteckungsgefahr zu vermindern.Ansonsten denke [...]
Eine lustige Vorstellung.Wenn jeder der erkaeltet ist,da etwas ruecksichtsvoller waere und nicht einfach durch die Gegend husten und niessen wuerde,waere das schon hilfreich,die Ansteckungsgefahr zu vermindern.Ansonsten denke ich,man kann es auch uebertreiben:)
2. Herr Tabori,
WolArn 21.11.2012
und warum gibt es Menschen, die gar keine Grippe bekommen?
und warum gibt es Menschen, die gar keine Grippe bekommen?
3. Handschuhe tragen!
tplus 21.11.2012
Wieso bin ich eigentlich immer der einzige, der außerhalb des Hauses in der Grippesaison immer dünne Lederhandschuhe trägt?
Wieso bin ich eigentlich immer der einzige, der außerhalb des Hauses in der Grippesaison immer dünne Lederhandschuhe trägt?
4. Kein Titel
lordofaiur 21.11.2012
Am Besten wäre ein Ganzkörperkondom zu enwickeln. Ich habe kleine Kinder und bin im Jahr mindestens 3mal erkältet. Was bei mir wirklich etwas genützt hat ist morgens die Haare nach dem Waschen trocken zu föhnen. Mit etwas [...]
Zitat von sysopDPAErnst Tabori ist Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg. Im Interview erklärt er, wie man sich wirkungsvoll vor Infektionen schützt, ob bei Erkältungen Kussverbote bestehen sollten und wie sinnvoll das Niesen in die Hand ist. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/erkaeltung-und-grippe-wie-kann-man-sich-vor-infektionen-schuetzen-a-868419.html
Am Besten wäre ein Ganzkörperkondom zu enwickeln. Ich habe kleine Kinder und bin im Jahr mindestens 3mal erkältet. Was bei mir wirklich etwas genützt hat ist morgens die Haare nach dem Waschen trocken zu föhnen. Mit etwas feuchten Haaren aus dem Haus zu gehen ist definitiv der Killer.
5. Ganz einfach
butternut 21.11.2012
Es gibt drei Typen von Menschen, die noch nie eine echte Grippe (Influenza) hatten: 1) Lügner, die nur abstreiten, jemals an Influenza erkrankt gewesen zu sein 2) glückliche Menschen, die NOCH nicht angesteckt und an [...]
Zitat von WolArnund warum gibt es Menschen, die gar keine Grippe bekommen?
Es gibt drei Typen von Menschen, die noch nie eine echte Grippe (Influenza) hatten: 1) Lügner, die nur abstreiten, jemals an Influenza erkrankt gewesen zu sein 2) glückliche Menschen, die NOCH nicht angesteckt und an Influenza erkrankt sind 3) Demenzkranke, die nur vergessen haben, dass sie schon mal an Grippe erkrankt waren

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Grippe: So schützt man sich

1. Häufig die Hände waschen. Wasser und normale Seife reichen aus, spezielle antibakterielle Seife ist nicht notwendig.

2. Die Hände vom Gesicht fernhalten. Hat man einen mit dem Virus belasteten Gegenstand angefasst, ist das Risiko groß, sich zu infizieren, wenn man sich an die Nase oder den Mund fasst.

3. Während der Grippewelle Abstand zu anderen Personen halten, engen Kontakt vermeiden. Dazu zählt auch, anderen die Hand zu geben, sich zu küssen oder zu umarmen.


Quellen: Robert Koch-Institut, Gesundheitsinformation.de

Grippe: So schützt man andere

1. Beim Niesen Nase und Mund bedecken, am besten in ein Papiertaschentuch oder den Ärmel niesen und husten, auf keinen Fall in die Hand!

2. Benutzte Taschentücher umgehend entsorgen, so dass sie andere Menschen möglichst nicht berühren können. Am besten Einwegtücher benutzen.

3. Häufig die Hände waschen, vor allem, nachdem man ein Taschentuch angefasst hat.

4. Enge Kontakte zu anderen Menschen möglichst vermeiden und mindestens zwei Meter Abstand halten. Dies gilt vor allem beim Kontakt mit Schwangeren, chronisch Kranken, Kindern und älteren Menschen.

5. In der akuten Erkrankungsphase möglichst zu Hause bleiben und regelmäßig lüften, damit der Körper frische Luft erhält und sich die Zahl der virusbelasteten feinen Tröpfchen in der Luft reduziert.


Quellen: Robert Koch-Institut, Gesundheitsinformation.de

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