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23.11.2012
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Mobile Herz-Lungen-Maschine

Klinik to go

Von
Universitätsklinikum Regensburg

Erstmals haben Notärzte einen Herzinfarkt-Patienten mit einer Herz-Lungen-Maschine an Ort und Stelle gerettet. Für den Betroffenen ist es ein Wunder, der 57-Jährige konnte bald wieder arbeiten. Welche Chancen und Tücken hat die mobile Notfallmedizin?

Walter Scharrer ist dem Tod näher als dem Leben: Seit zwanzig Minuten kämpft Notarzt Matthias Amann gemeinsam mit Sanitätern darum, das Herz des Elektrikers wieder zum Schlagen zu bringen. Amann kniet an diesem Montagmorgen im August in der Werkshalle eines Regensburger Betriebs. Es ist kurz vor neun Uhr, als ihm die Möglichkeiten ausgehen, seinem Patienten zu helfen.

Heute kann Walter Scharrer selbst von seiner Rettung erzählen - dank einer abenteuerlich anmutenden Methode. Weltweit erstmals haben Mitarbeiter der Regensburger Uni-Klinik einem Patienten das Leben gerettet, indem sie die Intensivstation an den Notfallort brachten. Anstatt wie üblich Scharrer während der Reanimation so schnell wie möglich in die Klinik zu bringen, fuhren sie eine kompakte Version einer Herz-Lungen-Maschine in die Werkshalle.

An all das kann Scharrer sich nicht erinnern. Er weiß, wie er in die Arbeit fuhr, sich mit Kollegen unterhielt. "Es ging mir nicht gut an dem Morgen, ich wusste nicht, was Sache ist. Da war ein Stechen in der Brust und dann war ich weg", erzählt der 57-Jährige.

Das Stechen in der Brust ist Anzeichen eines Herzinfarkts: Die rechte Herzkranzarterie verschließt sich komplett. Scharrer bricht bewusstlos an der Werkbank zusammen. Sofort beginnen in Erster Hilfe ausgebildete Kollegen mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung und rufen den Notruf an. Die vier Ersthelfer handeln vorbildlich, wechseln sich ohne Pause ab, komprimieren das Herz und beatmen den leblosen Kollegen, bis Rettungsdienst und Notarzt beim Patienten eintreffen.

Lieber aufhören und den Patienten sterben lassen?

Doch die Lage scheint aussichtslos, trotz der Medikamente und Elektroschocks, die ihm die Ärzte verpassen. Matthias Amann geht im Kopf die Möglichkeiten durch: Weitermachen mit der Reanimation und hoffen, dass das Herz doch noch zu schlagen anfängt? Aufhören, aufgeben, den Patienten sterben lassen? Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: die mobile Herz-Lungen-Maschine, kurz Mini-HLM.

Amann ist im Hauptberuf Anästhesist und gehört zu einem Team aus Notfallmedizinern und Kardiotechnikern, das seit Jahren daran arbeitet, vor allem Herzinfarkt-Patienten mit Hilfe der Mini-HLM zu retten.

In der Medizin sind Herz-Lungen-Maschinen (HLM) nichts Neues, bei Operationen am offenen Herzen sorgen sie seit Jahrzehnten dafür, dass vor allem das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wird: In dicken Schläuchen wird Blut aus großen Gefäßen in die Maschine gepumpt. Der Apparat entzieht dem Blut Kohlendioxid und reichert es mit Sauerstoff an, bevor es wieder in den Körper zurückfließt. Auch bei Patienten, deren Herz und Lunge wegen eines Infarkts ausfallen, sollen das rhythmische Komprimieren des Brustkorbs und die Atemspende das erreichen. Allerdings wissen Notfallmediziner, dass es vor allem während des Transports immer wieder zu Pausen kommt, in denen Herz und Hirn geschädigt werden.

Eine HLM kann durchgehend arbeiten, allerdings war es bis vor wenigen Jahren unvorstellbar, den unförmigen Apparat in einem Rettungswagen einzusetzen. Völlig abenteuerlich klingt auch für viele Mediziner die Idee, einen Eingriff, der sonst im Operationssaal geschieht, am Notfallort durchzuführen: "Das ist nicht trivial und der Respekt davor ist enorm", sagt Amann. "Aber es funktioniert."

In Tausenden Operationen erprobt

Das Größenproblem hat ein Team um den Regensburger Kardiotechniker Alois Philipp bereits 2006 gelöst. "Wir haben die HLM minimalisiert, so dass sie zwar für den Transport funktioniert, eine Operation am offenen Herzen aber nicht möglich wäre", sagt Philipp. In Tausenden Bypass-Operationen, bei denen das Herz selbst nicht geöffnet wird, konnten Kardiotechniker und Ärzte Erfahrung mit der Mini-HLM sammeln. Das Gerät kommt auch außerhalb Regensburgs bereits bei Verlegungen schwerstkranker Patienten etwa im Hubschrauber zum Einsatz. Und die Anästhesisten haben Übung darin, mit Kathetern auch während der Wiederbelebungsversuche große Blutgefäße mit der Maschine zu verbinden.

Während Scharrer reanimiert wird, ruft Amann in der Uni-Klinik an und bittet seine Kollegen, ihm die Mini-HLM zu schicken. Wenige Minuten später holt ein Rettungswagen die Maschine, einen Kardiotechniker und Kollegen Amanns aus Anästhesie und Herzchirurgie ab. "Insgesamt hat es eine Stunde vom Beginn der Reanimation an gedauert, bis die Mini-HLM angeschlossen war und gelaufen ist", erzählt Amann. In der Klinik beseitigen Kardiologen dann die Blockade im Blutgefäß des Patienten und setzen ihm Stents ein.

Kein Allheilmittel

Anschließend wird Scharrer auf die Intensivstation gebracht, wo eine HLM seinen Kreislauf weiter unterstützt. Bereits am dritten Tag übernimmt sein Herz wieder die Arbeit, Scharrer wacht auf. Drei Monate ist das her, heute arbeitet Scharrer wieder. "Ich fühle mich gut, das einzige Problem ist, dass ich nicht schwer heben kann", erzählt der Elektriker.

Die Rettung Scharrers ist beeindruckend, ein Allheilmittel ist die Mini-HLM allerdings nicht, sagt Bernhard Graf, Klinikdirektor der Anästhesie an der Uni-Klinik Regensburg. "Das Gerät kommt vor allem bei jüngeren Menschen mit einem Herzinfarkt in Frage." Bei Patienten, die etwa bei einem Unfall viel Blut verloren haben, nütze sie nichts. Zudem sei die Methode noch experimentell. Noch fehlt es an eindeutigen Ergebnissen, bei welchen Patienten die Mini-HLM eingesetzt werden kann. Voraussetzung ist zudem ein eingespieltes Team, das die Mini-HLM aus dem Klinikalltag kennt.

Eine Einschätzung die der Chefarzt der Herzchirurgie der Hamburger Klinik St. Georg, Michael Schmoeckel, teilt: "Für eine kleine Gruppe von Patienten kann die Methode sinnvoll sein, allerdings darf man keine Wunder erwarten." Schmoeckel macht wie auch die Regensburger Anästhesisten auf ein weiteres großes Problem aufmerksam: Bei den Patienten ist während der gesamten Reanimation die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff gefährdet. Was, wenn das Gehirn bereits irreparabel geschädigt ist?

Es ist eine Sache, die Wiederbelebungsmaßnahmen einzustellen und zu akzeptieren, dass ein Mensch gestorben ist. Eine ganz andere Sache ist es, die HLM aktiv auszuschalten, wenn sich herausstellt, dass Herz und Gehirn des Patienten sich nicht mehr erholen.

Das Regensburger Team wird weiter Erfahrung mit der Mini-HLM sammeln, die Rettung Walter Scharrers wollen sie demnächst in einem Fachmagazin erläutern. Für Notarzt Matthias Amann ist allerdings schon heute klar, warum Walter Scharrer seinen Herzinfarkt überhaupt überleben konnte: "Hätten seine Kollegen nicht sofort mit der Wiederbelebung begonnen, hätten auch wir keine Chance gehabt."

Forum

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insgesamt 31 Beiträge
1.
mgroß 23.11.2012
Heikles Thema. Mit Sicherheit sehen wir hier einen Ausblick in die Zukunft und aller Anfang ist bekanntlich schwer aber es ist einfach noch immer Fakt, dass das Outcome in derartigen Einsätzen maßgeblich von den Ersthelfern [...]
Heikles Thema. Mit Sicherheit sehen wir hier einen Ausblick in die Zukunft und aller Anfang ist bekanntlich schwer aber es ist einfach noch immer Fakt, dass das Outcome in derartigen Einsätzen maßgeblich von den Ersthelfern abhängt!! Ohne sofortige Reanimationsmaßnahmen bauen Hirn und Herzmuskel viel zu schnell ab. Hier sollte zu allererst angesetzt werden!! Dann kommt noch das Handling der Mini-HLM dazu. Ich bin mir sicher, dass der Patient in diesem Fall ein vergleichbar gutes, wenn nicht besseres Outcome OHNE die HLM gehabt hätte. Als verantwortlicher Notarzt hätte ich mich Sicherheit keine Stunde auf eine experimentelle Technik gewartet. Das Hauptargument ist ja meist, dass während des Transports kein durchgängiger Blutfluss garantiert werden kann aber mal ganz ehrlich .... wie groß ist der Anteil der Notärzte, die unter Reanimationsbedingungen zuverlässig die Iliakalgefäße punktieren und dann auch noch die notwendigen Kaliber einbringen können?? Ich kenne genug Ärzte, die schon mit einfachen Viggos unter diesen Bedingungen ihre Probleme haben. Schnellere Ersthilfe und zügiger Transport in die Klinik sind mMn erfolgsversprechendere Maßnahmen!
2.
Newspeak 23.11.2012
Für den Betroffenen ist es ein Wunder, der 57-Jährige konnte bald wieder arbeiten. Super. In unserem perversen Wirtschaftssystem ist DAS natürlich die allerwichtigste Aussage. Man wollte vermutlich zum Ausdruck bringen, [...]
Für den Betroffenen ist es ein Wunder, der 57-Jährige konnte bald wieder arbeiten. Super. In unserem perversen Wirtschaftssystem ist DAS natürlich die allerwichtigste Aussage. Man wollte vermutlich zum Ausdruck bringen, daß der Patient keine schweren Folgeschäden davontrug, aber das kann man auch anders schreiben. Arbeit ist kein Lebenssinn.
3. Viel Glück
karlsiegfried 23.11.2012
Ist nur fraglich wann Mann, frau oder Kind tatsächlich Glück hat. Wenn dieses Superteil zum Einsatz kommt oder keines vorhanden ist.
Ist nur fraglich wann Mann, frau oder Kind tatsächlich Glück hat. Wenn dieses Superteil zum Einsatz kommt oder keines vorhanden ist.
4. Gute Entwicklung, aber experimentell
Lampenluft 23.11.2012
zu mgroß - Bin anderer Meinung. Sofern ein Team vorhanden ist, was das Legen der Zugänge und den Anschluss des Patienten an die Maschine kann, ist die zeitnahe Aufrechterhaltung des Herz-Kreislaufes sicherlich besser als ein [...]
zu mgroß - Bin anderer Meinung. Sofern ein Team vorhanden ist, was das Legen der Zugänge und den Anschluss des Patienten an die Maschine kann, ist die zeitnahe Aufrechterhaltung des Herz-Kreislaufes sicherlich besser als ein manuelles Pumpen. Sobald jedoch die Beherrschung der Technik fehlt ist manuelles Pumpen und "ab in die Klinik" besser.
5. Wartezeit/Arbeitsfähigkeit
dennisballwieser 23.11.2012
Die Wartezeit auf die Mini-HLM betrug keine Stunde, sondern 60 Minuten nach Reanimationsbeginn durch die Ersthelfer arbeitete die HLM. Und der Notarzt war erfahren in deren Einsatz und kannte auch den außerklinischen Betrieb von [...]
Die Wartezeit auf die Mini-HLM betrug keine Stunde, sondern 60 Minuten nach Reanimationsbeginn durch die Ersthelfer arbeitete die HLM. Und der Notarzt war erfahren in deren Einsatz und kannte auch den außerklinischen Betrieb von Verlegungsfahrten gut. Die Arbeitsfähigkeit ist dort genannt, weil das aus meiner Sicht ein überraschend positives Ende der Geschichte ist - und mich noch mehr beeindruckt, als zum Beispiel der Ausdruck "voll belastbar". Die unterstellte gesellschaftliche Relevanz der Arbeitsfähigkeit war für mich beim Schreiben kein Thema.

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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