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22.11.2012
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Wachkoma

Wenn das Bewusstsein aufflackert

Von
Corbis

Wachkoma: Manchmal ist der Geist noch aktiv

Es wurde als medizinische Sensation gefeiert: Einem kanadischen Arzt ist es gelungen, per Hirnscan mit einem Wachkomapatienten zu kommunizieren. Der Fall macht Angehörigen von Betroffenen Hoffnungen. Dennoch bleibt die Fahndung nach einem aufflackernden Bewusstsein heikel.

Scott Routley antwortete. Zum ersten Mal seit seinem Verkehrsunfall vor zwölf Jahren. Ohne die Lippen zu bewegen, ohne einen einzigen Muskel seines Körpers zu rühren. Allein mit der Macht seiner Gedanken konnte er mitteilen, dass er nicht unter Schmerzen leidet. "Scott hat uns damit zeigen können, dass er bei Bewusstsein ist", versichert der Neurowissenschaftler Adrian Owen, Leiter des Brain and Mind Instituts an der University of Western Ontario, der den Patienten untersucht hat. Ein bewusster Mensch, gefangen in einem vollständig gelähmten Körper, glaubt Owen.

Routley hatte zuvor trainiert, auf Anweisungen des Neurowissenschaftlers zu reagieren. Wenn er "nein" sagen wollte, sollte er sich beispielsweise ein Tennisspiel vorstellen. "Ja" signalisierte er, indem er in Gedanken durch die eigene Wohnung spazierte. Mit Hilfe der funktionellen Kernspintomografie (fMRT) konnte Owen dann anhand der unterschiedlichen Hirnaktivitätsmuster die Antworten seines Patienten ablesen - auch auf die Frage nach Schmerzen.

Der 39-jährige Kanadier galt bis dahin als Patient im Wachkoma - wie die heute weltbekannte Amerikanerin Terri Schiavo. Ihr Ehemann hatte jahrelang dafür gekämpft, dass die Ärzte ihre Magensonde entfernen und sie endlich sterben ließen. Nach einem minutenlangen Herzstillstand war ihr Gehirn durch den Sauerstoffmangel schwer geschädigt worden, so ergab später die Obduktion. Jegliches Bewusstsein für sich selbst und ihre Umwelt war seither erloschen. Wie andere Wachkomapatienten öffnete Schiavo zwar die Augen, konnte ihre Umgebung aber nicht wahrnehmen. Sie konnte sich zwar bewegen, aber keine gezielten Handlungen ausführen. Allein in Deutschland liegen Schätzungen zufolge rund 5000 Menschen in diesem nebulösen Zustand zwischen Leben und Tod.

"Ein Großteil der Betroffenen hat sicher kein Bewusstsein"

Dem Neurowissenschaftler Owen ist es nun gelungen, unter den Wachkomapatienten Menschen zu finden, die bei vollem Bewusstsein sind. Den Kanadier Scott Routley konnte er sogar nach seinem Befinden fragen. "Manche der scheinbaren Wachkomapatienten haben ein Innenleben. Und wir haben jetzt einen Weg gefunden, mit ihnen zu kommunizieren", frohlockt der Forscher.

Andere warnen, dass sich Angehörige von Wachkomapatienten nun falsche Hoffnungen machen könnten. "Ein Großteil der Betroffenen hat sicher kein Bewusstsein", sagt Andreas Bender, Leiter des Therapiezentrums Burgau. Und wird es wohl auch nie mehr erlangen.

Bisher legten Mediziner mit einem einfachen Test fest, ob die Patienten gute oder schlechte Chancen hatten, aus ihrer Bewusstlosigkeit zu erwachen. Sie reizten Nerven an den Unterarmen der Betroffenen mit Stromstößen und prüften, ob deren Großhirnrinde aktiviert wurde. Das Vertrauen in die Methode war groß. In einer amerikanischen Studie stellten Ärzte einer Intensivstation bei den Patienten mit negativem Testergebnis schon einen Tag später alle lebenserhaltenden Maßnahmen ein. Inzwischen wurde die Bedeutung dieser Testmethode jedoch deutlich abgeschwächt, so etwa in der neuen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vom September 2012.

Denn moderne Verfahren haben den Blick auf Wachkomapatienten verändert. Seit wenigen Jahren nutzen manche Neurowissenschaftler das fMRT, um mehr über die Hirnaktivität ihrer Patienten zu erfahren, wie etwa bei Scott Routley. Andere begutachten die Betroffenen mit Hilfe der Positronenemissionstomografie, die den Energieverbrauch der Hirnzellen darstellt. Oder sie verwenden das hoch auflösende Elektroenzephalogramm (EEG), um die Hirnströme direkt zu messen.

Bei manchen Patienten gibt es Hinweise auf ein Bewusstsein

"Wir hoffen, dass wir den Krankheitsverlauf der Patienten eines Tages besser vorhersagen können", sagt Bender, der das Gerät seit einem Monat in seiner Klinik einsetzt. Ob etwa solche mit mehr Hirnaktivität eine bessere Chance haben, aus dem Koma zu erwachen als andere. Oder ob sich bei ihnen womöglich eine längere Reha-Behandlung lohnt. "Die Unsicherheit ist groß", sagt Ralf Jox, Leiter des Forschungsbereichs Neuroethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der niederländische Prinz Friso zum Beispiel hatte nach seinem Skiunfall im Februar monatelang im Wachkoma gelegen. Anfang dieser Woche verkündete das Königshaus, dass er einen minimalen Bewusstseinszustand erreicht habe. Dabei zeigen die Patienten definitionsgemäß mal einen Hauch von Bewusstsein, oft aber wieder nicht. Manchmal folgen sie zum Beispiel einem Gegenstand mit den Augen, gelegentlich kneifen sie auch mit den Fingern, wenn sie dazu aufgefordert werden. Im Gegensatz dazu finden Mediziner bei Wachkomapatienten keinerlei Anzeichen von Bewusstsein. "Da gibt es aber viele Fehldiagnosen", sagt Boris Kotchoubey, Neurowissenschaftler an der Uni Tübingen.

Zudem wissen Mediziner nicht genau, wie sie die Anzeichen eines minimalen Bewusstseins deuten sollen. Sie merken jedoch, dass es bei Bewusstseinsstörungen vermutlich viele Abstufungen gibt, viele Grautöne statt nur weiß und schwarz.

Überraschend aus dem Koma erwacht

Darum hat der Neurologe Bender im Jahr 2010 gemeinsam mit Kollegen das KOPF-Register gegründet, in dem Wachkomapatienten aufgenommen, untersucht und über Jahre beobachtet werden sollen - ebenso wie Menschen im minimalen Bewusstseinszustand. Bisher sind 135 Betroffene registriert. Und einige davon sind seither trotz schlechter Prognose überraschend aus ihrem Koma erwacht. "Wir geben den Patienten heute mehr Zeit sich zu erholen als früher", sagt Bender.

Ärzte wie Angehörige hoffen künftig auf neue Hilfsmittel, wenn es um die Behandlung der Betroffenen geht, wenn sie entscheiden müssen über deren Leben oder Tod. "So weit sind wir allerdings noch nicht", sagt Bender.

Wohl aber verändere sich der Umgang mit den Patienten, wenn Mediziner Anzeichen von Bewusstsein im EEG finden, bei den Ärzten wie bei den Verwandten, sagt der Neurologe. Und Mediziner dächten eher über eine Schmerztherapie der Betroffenen nach - wenn sie die Patienten nicht ohnehin direkt nach ihrem Befinden befragen, wie der Neurowissenschaftler Owen.

Der will künftig noch mehr Menschen finden, die als Wachkomapatienten gelten, seiner Ansicht nach aber bei vollem Bewusstsein sind. Er will sich nach speziellen Wünschen in der Pflege und ihren Vorlieben im täglichen Umgang erkundigen. Nur eine Frage wagt er nicht zu stellen: Ob sie es vielleicht vorziehen würden zu sterben.

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insgesamt 32 Beiträge
1. ...
rattentier@gmx.de 22.11.2012
Ich mag mich täuschen aber Menschen die im wachkoma liegen und bei vollem Bewusstsein sind Leiden doch am locked in Syndrom oder? Und für diese Patienten gibt es bereits vielfältige Möglichkeiten sich zu verständigen. Gut finde [...]
Ich mag mich täuschen aber Menschen die im wachkoma liegen und bei vollem Bewusstsein sind Leiden doch am locked in Syndrom oder? Und für diese Patienten gibt es bereits vielfältige Möglichkeiten sich zu verständigen. Gut finde ich, dass es jetzt eine gute Möglichkeit gibt, zu erkennen ob jemand locked in ist oder nicht. Vielleicht werden so weniger übersehen. Andererseits ist es ja nicht so dass ein wachkomapatient entweder volles oder gar kein Bewusstsein hat. Es gibt so unendlich viele Abstufungen und auch wachkoma Patienten können meiner Erfahrung nach eventuell auch willentlich Bewegungen bzw Reaktionen zeigen. Auf jeden fall reagieren sie auf unterschiedliche Reize wie Musik oder sehr starke Emotionen.
2. die wichtigste frage stellt er nicht
tart 22.11.2012
und darauf wartet der Patient sicherlich...
und darauf wartet der Patient sicherlich...
3.
tunfaire 22.11.2012
Nun, es wäre sicher auch eine meiner ersten Fragen an jemanden im Wachkoma. Allein aus Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen. Ein wenig aber auch aus Interesse: Was wäre, wenn die Antwort lautet "Nein, zieht nicht [...]
Zitat von tartund darauf wartet der Patient sicherlich...
Nun, es wäre sicher auch eine meiner ersten Fragen an jemanden im Wachkoma. Allein aus Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen. Ein wenig aber auch aus Interesse: Was wäre, wenn die Antwort lautet "Nein, zieht nicht den Stecker raus, ich will so weiterleben" Was für ein Leben ist es, 10 Jahre nicht zu agieren, nur zuhören zu können, fast nichts zu erleben. Was denkt man, wie kommt man mit der Zeit damit klar, wie ist es, nach dieser unvorstellbar langen Zeit wieder zu kommunizieren?
4. ja
frautina 22.11.2012
das ist dich wichtigste Frage und Antwort.
das ist dich wichtigste Frage und Antwort.
5.
Ingmar E. 22.11.2012
Das kommt auf den Grad des Locked-In. Manche Locked-In-Patienten können zumindest noch die Augen bewegen. Die letzte Frage die ich einem Patienten stelle, ist, ober nach oben oder unten schauen könnte. Wer das dann gezielt [...]
Zitat von rattentier@gmx.deIch mag mich täuschen aber Menschen die im wachkoma liegen und bei vollem Bewusstsein sind Leiden doch am locked in Syndrom oder? Und für diese Patienten gibt es bereits vielfältige Möglichkeiten sich zu verständigen.
Das kommt auf den Grad des Locked-In. Manche Locked-In-Patienten können zumindest noch die Augen bewegen. Die letzte Frage die ich einem Patienten stelle, ist, ober nach oben oder unten schauen könnte. Wer das dann gezielt macht, wird als bei Bewusstsein erkannt. Wer aber gar nichts bewegen kann, der sieht aus wie ein apallisches Syndrom. Manche Locked-In-Patienten, sozusagen doppelt-locked-in, können nicht nur den Körper nicht bewegen, sondern bekommen auch keine Infos mehr von aussen rein, deren Großhirnrinde ist praktisch völlig abgeschnitten, und die hören uns gar nicht. Da gibts wie gesagt haufenweise Abstufungen. 1/4-1/3 der Patienten die man als Appalliker einstuft ("wachkoma" im Volksmund) sind in Wirklichkeit im minimal conscious mind (wie der Prinz im Artikel) und bekommen zumindest phasenweise was mit und können dann reagieren. Ist halt nur schwer genau in der Phase nachzuschauen wo sie munterer sind. Ist dann immer ein super-vorführ-effekt, wenn du als Pfleger beim Patienten eine Reaktion findest, und wenn der Arzt den Patienten 10min später testet, ist er wieder "weggedriftet". Fakt ist, es braucht bessere Kommunikationsmöglichkeiten mit Menschen, die ihren Körper nicht mehr nutzen können. Was man nicht braucht ist eine Abwertung dieses Daseinszustand. Es gibt kein unwertes Leben und Menschen gewöhnen sich an extrem vieles. Ich finds schlimm dass diese Artikel immer den Tenor haben müssen von, "denen gehts so schlecht und eigentlich wollen die Pat. vermutlich sterben". Ich empfehle jedem das Buch oder den Film "Taucherglocke und Schmetterling", geschrieben allein mit Augenzwinkern eines Locked-In-Patienten, wo man sehen kann, dass es auch Lebensqualität gibt in diesem Zustand.

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Zur Autorin

  • Tinka Dietz
    Astrid Viciano hat in Deutschland, Frankreich und Spanien Medizin studiert, war nach ihrer Promotion Redakteurin bei "Focus", "Die Zeit" und beim "Stern", zuletzt für zwei Jahre in Los Angeles. Seit Juli 2012 lebt sie als freie Autorin in Paris.

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Koma, Wachkoma, Locked-In-Syndrom

Koma
Ein Koma kann unter anderem durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder einen Schlaganfall, durch Sauerstoffmangel nach einem Herzstillstand, Hirnentzündungen oder Hirntumore verursacht werden. Die Patienten müssen künstlich ernährt und beatmet werden.

Wer im Koma liegt, kann auch durch starke äußere Reize nicht wieder das Bewusstsein erlangen. Es werden vier Grade der Komatiefe unterschieden. Im ersten Grad findet noch eine gezielte Reaktion auf Schmerz statt, Bewegungen der Pupillen sind nachweisbar, eine Stimulation des Gleichgewichtsorgans kann Augenbewegungen auslösen. Im vierten Grad ist keinerlei Reaktion mehr zu beobachten.
Wachkoma
Das Wachkoma, auch Apallisches Syndrom oder andauernder vegetativer Zustand (persistent vegetative state, PVS) genannt, ist oft die Folge einer gewissen Erholung von komatösen Patienten: Die Hirnfunktionen stabilisieren sich, so dass künstliche Beatmung und Ernährung nicht mehr notwendig sind. Allerdings ist das Großhirn weiterhin ganz oder zu großen Teilen ausgefallen. Zwischenhirn, Hirnstamm und Rückenmark halten Atmung, Kreislauf, Verdauung intakt. Die Patienten sind tagsüber oft wach, ihre Augen sind geöffnet. Dennoch nehmen sie ihre Umwelt nicht bewusst wahr.
Locked-In-Syndrom
Beim Locked-In-Syndrom, auch als Eingeschlossensein bezeichnet, sind Menschen nahezu vollständig gelähmt, aber bei vollem Bewusstsein und intaktem Hörsinn. Oft können sie nur noch die Augen vertikal bewegen, was zumindest eine rudimentäre Kommunikation mit der Außenwelt zulässt. Ansonsten ist die Verwendung einer Hirn-Computer-Schnittstelle möglich, welche die Hirnströme direkt in Steuerbefehle für einen Computer übersetzt. Verursacht wird das Locked-In-Syndrom oft von einem Hirntrauma oder einem Schlaganfall. Ein anderer Weg in das Eingeschlossensein ist die Amyotrophe Lateralsklerose, bei der die Betroffenen nach und nach ihre motorischen Fähigkeiten verlieren, bis sie vollkommen gelähmt sind und künstlich am Leben gehalten werden müssen.

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