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07.12.2012
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AOK-Krankenhausreport

Zahl der Wirbelsäulen-OPs drastisch gestiegen

Corbis

Wirbelsäule: Zahl der OPs in diesem Bereich ist drastisch gestiegen

Die Zahl der Operationen in Deutschland steigt rasant. Dabei ist nicht jede medizinisch notwendig. Zu diesem Ergebnis kommt der Krankenhausreport 2013 der AOK. Vor allem kostspielige Eingriffe führen Ärzte immer häufiger durch. Besonders drastisch: der Anstieg der Wirbelsäulen-OPs.

Berlin - Deutsche Ärzte schleusen jährlich Millionen Patienten durch ihre Praxen oder durch Kliniken - und versuchen, den medizinischen Fortschritt schnell an den Menschen zu bringen. Doch nicht immer sind die neuesten Behandlungen und Operationsverfahren sinnvoll. Der AOK-Bundesverband hat jetzt die Daten von mehr als 45 Millionen Patienten aus den Jahren 2005 bis 2011 ausgewertet und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Zahl von Operationen in deutschen Krankenhäusern ist im vergangenen Jahr stark gestiegen - aber ein großer Teil wird offenbar ohne medizinische Notwendigkeit durchgeführt.

Dem Krankenhausreport 2013 zufolge, der am Freitag in Berlin vorgestellt wurde, stieg die Zahl der stationären Behandlungen seit 2005 insgesamt um 11,8 Prozent je Einwohner. Binnen 20 Jahren sei die Zahl der Krankenhausaufenthalte zwischen 1991 und 2011 um fast ein Viertel gestiegen. Im Jahr 2010 gab es insgesamt 18,3 Millionen Klinikbehandlungen. Statistisch gesehen wird fast jeder vierte Deutsche operiert. Dabei nehmen speziell jene Eingriffe zu, die besonders gut vergütet werden - und wirtschaftlichen Gewinn versprechen.

Allerdings, so Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbands, in einem SPIEGEL-Interview, erklärten die demografische Entwicklung und der Fortschritt der Medizin nur ein Drittel der Zunahme. "Zwei Drittel sind nicht medizinisch erklärbar. Unser Report offenbart, dass viele Operationen nur gemacht werden, damit Krankenhäuser Geld verdienen." Deh ist der Meinung, Patienten in Deutschland könnten sich nicht mehr sicher sein, dass sie ausschließlich aus medizinischen Gründen behandelt werden.

"Haltlose Verunsicherung der Patienten"

Die Kliniken wehren sich jedoch gegen die Vorwürfe: Unmittelbar vor Veröffentlichung des Reports, versuchte die Krankenhausgesellschaft Zweifel über die Notwendigkeit vieler kostspieliger Eingriffe zu zerstreuen. Dafür hatte sie eine neue Untersuchung in Auftrag gegeben, die zum genauen Gegenteil des AOK-Krankenhausreports kommt. Demnach gibt es tatsächlich zwar deutlich mehr Operationen; der Anstieg rühre aber von der Zunahme der Zahl der Älteren und vom medizinischen Fortschritt her. "Eine generelle Diffamierung der Krankenhausmitarbeiter und eine haltlose Verunsicherung vieler Patienten sind folglich zurückzuweisen", heißt es in der Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts.

Zwar seien ökonomische Fehlanreize nicht zu leugnen. Doch gerade bei den umstrittenen zahlreichen künstlichen Hüft- und Kniegelenken sowie den Herzschrittmachern und Herzkatheter-Eingriffen gebe es eine "solide Indikationsstellung": Die Ärzte ordneten diese Eingriffe also nicht willkürlich an, so das Krankenhausinstitut.

Wie der Krankenhausreport 2013 zeigt, ist die Zahl der Eingriffe bei Herzschrittmachern zwischen 2008 und 2010 um ein Viertel gestiegen. Besonders drastisch fällt der Anstieg im Rücken-Bereich aus: Zwischen 2005 und 2010 hat sich die Zahl der Wirbelsäulenoperationen bei AOK-Patienten mehr als verdoppelt. Dabei gibt es jedoch große regionale Unterschiede. In Bayern und Schleswig-Holstein wird der Rücken 50 Prozent häufiger operiert als in Berlin.

"Patienten werden eingefangen"

Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Karl-Walter Jauch, beobachtet diese regionalen Unterschiede mit Sorge. "Wir haben Regionen, wo die Patienten eingefangen werden", sagte er vor kurzem der "Rheinischen Post". Gerade in Ballungsräumen herrsche oft eine derart große Konkurrenz zwischen den Kliniken, dass sich diese nicht nur aus medizinischen Gründen um Patienten bemühten.

Dass heute Indikationen aus ökonomischen Gründen ausgeweitet werden, sei nicht von der Hand zu weisen. Dieser Meinung ist der Generalsekretär der Gesellschaft für Chirurgie, Hans-Joachim Meyer. Er sprach sich in der "Rheinischen Post" dafür aus, Boni für Operationen in den Verträgen von Klinik-Chefärzten einzudämmen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Kienbaum werden inzwischen fast die Hälfte der neuen Chefarztverträge um Boni-Vereinbarungen ergänzt.

Auch die Qualität der Kliniken unterscheidet sich dem neuen Report zufolge deutlich. Verglichen wurden Komplikationen und unerwünschte Ereignisse in den 614 untersuchten Krankenhäusern. Während es in 74 Kliniken bei weniger als fünf Prozent der Katheterpatienten zu einem Problem kam, lag die Rate in 37 Häusern bei mehr als 15 Prozent. In Zukunft sollten die Kassen die Möglichkeit bekommen, "nachweislich schlechte Qualität nicht zu bezahlen", forderte Deh. Dies sei nötig, um "die Spreu vom Weizen" zu trennen.

Einbezogen in die Auswertungen wurden etwa 1600 Krankenhäuser, in denen AOK-Versicherte versorgt werden. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 2000 Krankenhäuser.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, zwei von drei Operationen in Deutschland seien medizinisch nicht notwendig. Diese Aussage ist falsch. Richtig ist, dass zwei Drittel der Zunahme an OPs medizinisch nicht erklärbar sind. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

cib/dpa/AFP

Forum

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insgesamt 150 Beiträge
1.
Ingmar E. 07.12.2012
Die Patienten wollen diese OPs doch oft. Gerade im orthopädischen Bereich. Wenn man den Patienten sagt: "Sorry, das operieren wir nicht, nehmen sie Schmerzmittel und machen Physiotherapie", dann gehen die ins nächste [...]
Die Patienten wollen diese OPs doch oft. Gerade im orthopädischen Bereich. Wenn man den Patienten sagt: "Sorry, das operieren wir nicht, nehmen sie Schmerzmittel und machen Physiotherapie", dann gehen die ins nächste Krankenhaus und lassen sich da operieren.
2. Wie war das mit dem Eid?
kugelsicher99 07.12.2012
Ein Berufsstand hat z.T. seine Ethik dem Kommerz geopfert. Wen man sich heute nicht genauestens selber informiert, ist man gekniffen.
Ein Berufsstand hat z.T. seine Ethik dem Kommerz geopfert. Wen man sich heute nicht genauestens selber informiert, ist man gekniffen.
3.
BeitragszahlerwiderWillen 07.12.2012
Warum werden dann medizinisch nicht notwendige Eingriffe noch von der Krankenkasse bezahlt? Das kann man nicht nachvollziehen (außer das die Krankenkassen offensichtlich Lobbyarbeit betreiben). Medizinisch wirklich notwendige [...]
Warum werden dann medizinisch nicht notwendige Eingriffe noch von der Krankenkasse bezahlt? Das kann man nicht nachvollziehen (außer das die Krankenkassen offensichtlich Lobbyarbeit betreiben). Medizinisch wirklich notwendige Dinge (Zahnersatz, Brille, Verbandsmaterial) werden ja auch nicht mehr von der Kasse übernommen. Bei sinnlosen Operationen wäre das Einsparpotential aber weitaus größer. Herr Bahr, warum sehen Sie tatenlos zu? Wofür werden Sie eigentlich bezahlt?
4. optional
chalchiuhtlicue 07.12.2012
Welch Überraschung, daß so eine (unbewiesene) Aussage von einem Krankenkassenvertreter kommt ...
Welch Überraschung, daß so eine (unbewiesene) Aussage von einem Krankenkassenvertreter kommt ...
5. Wenn man Rücken hat...
seltenwichtig 07.12.2012
hilft in vielen Fällen eine Schule gleichen Namens weiter.
Zitat von sysopCorbisZwei von drei Operationen in Deutschland sind medizinisch nicht notwendig. Zu diesem Ergebnis kommt der Krankenhausreport 2013 der AOK. Vor allem kostspielige Eingriffe führen Ärzte immer häufiger durch. Besonders drastisch: der Anstieg der Wirbelsäulen-OPs. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/aok-krankenhausreport-zahl-der-wirbelsaeulen-ops-drastisch-gestiegen-a-871515.html
hilft in vielen Fällen eine Schule gleichen Namens weiter.

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