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11.12.2012
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Spektakuläre Operation

Ärzte basteln neue Wirbelsäule für Rosie

Von
Fergus Walsh

Die Prognosen für das Leben der fünfjährigen Rosie Davies waren düster: Wegen einer seltenen Fehlbildung fehlen ihr Teile der Wirbelsäule - eine Gefahr für die inneren Organe. Britische Ärzte haben jetzt in einer gewagten Operation versucht, Rosies Rückgrat aus ihren Beinknochen nachzubilden.

Die Fehlbildung ist selten, die genaue Ursache unklar. Früh in der Schwangerschaft, wenn sich die Keimblätter entwickeln, aus denen der Embryo entsteht, läuft etwas schief. Als Rosie Davies schließlich auf die Welt kommt, fehlen in ihrem Körper mehrere Wirbelkörper, die ihrem Rückgrat eigentlich die lebensnotwendige Stabilität verleihen sollen. Stattdessen klafft oberhalb des Steißbeins eine Lücke im Körper des Mädchens aus Walsall in Großbritannien.

Segmentale spinale Dysgenesie heißt die Krankheit im Medizinerlatein, was nicht viel mehr bedeutet, als dass Teile des Rückgrats und Rückenmarks sich im Mutterleib nicht entwickelt haben. Unterhalb der Stelle, an der die Wirbelsäule der Kinder unterbrochen ist, knickt ihr Körper regelrecht ab: Rosie Davies Beine falteten sich unter der Hüfte nach oben, die heute fünfjährige Patientin hatte praktisch kein Gefühl in den Beinen und konnte sie nur schlecht bewegen.

Die Prognose der Fehlbildung ist düster. Weil die Wirbelsäule den Körper nicht aufrecht hält, werden die Organe gequetscht und versagen irgendwann den Dienst - die Patienten sterben.

Ein Gerüst schützt die Organe vor dem Zerquetschen

In einer gewagten Operation haben britische Chirurgen des Birmingham Children's Hospital jetzt versucht, Rosies Wirbelsäule nachzubilden - mit Hilfe ihrer eigenen Beinknochen und eines Metallgerüsts entlang der Wirbelsäule. Die Hoffnung ist, dass ihr Rückgrat so die nötige Stabilität erreicht, die ihre Organe vor dem Zerquetschen schützt. Ein ähnlicher Eingriff, berichten Neurochirurg Guirish Solanki und seine Kollegen, sei zuvor erst einmal in Neuseeland durchgeführt worden.

Zwar war Rosie Davies bereits mit acht Monaten in der Lage, sich selbst fortzubewegen: Sie konnte dank eines vorhandenen Restgefühls in den Beinen krabbeln. Allerdings schlugen mehrere Operationen fehl, mit denen ihre Beine begradigt werden sollten, um Rosie so auch das Gehen zu ermöglichen.

Die britischen Ärzte, Neurochirurgen und Orthopäden gemeinsam, wagten deshalb den Versuch, zunächst Rosies Wirbelsäule so zu stützen, dass sie vielleicht doch noch das Laufen lernen könnte. In einer dreizehnstündigen Operation verbanden sieben Chirurgen den oberen, normal entwickelten Teil der Wirbelsäule mit der Hüfte. Vom Brustkorb bis ins Becken reichen jetzt 15 Zentimeter lange metallene Stangen, die durch Schrauben in ihrer Wirbelsäule und der Hüfte gehalten werden.

Was nachvollziehbar klingt, ist mit einem hohen Risiko verbunden: "Normalerweise haben Kinder mit dieser Fehlbildung kein funktionierendes Rückenmark, Rosie aber schon", sagte Neurochirurg Guirish Solanki laut einer Pressemitteilung des Krankenhauses. "Wir mussten deshalb bei der Operation extrem vorsichtig sein, um keine Nerven zu verletzen."

Für den Gerüstbau am Rückgrat mussten die Ärzte außerdem Rosies vor der Operation nahezu funktionslose Unterschenkel amputieren - den Knochen nutzten sie, um den fehlenden unteren Teil ihrer Wirbelsäule nachzubilden.

Die Operation liegt mittlerweile einen Monat zurück, und die Ärzte sind bisher sehr zufrieden mit dem Ergebnis: Die kleine Patientin habe bereits mehr Gefühl in ihren Oberschenkeln als vor dem Eingriff. Die Mediziner hoffen, dass Rosie so eines Tages mit Hilfe von Prothesen tatsächlich wird laufen können.

Rosies Fall wird allerdings eine große Ausnahme bleiben: Nach Angaben ihrer Ärzte ist sie die einzige Patientin in Großbritannien, die an der sehr seltenen Anlagestörung leidet.

Forum

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insgesamt 3 Beiträge
1. ...
Barbapaps 11.12.2012
Das ist mal eine Story von der ich gerne in 6 - 12 Monaten hören wollen würde wie sie weitergeht. Es erscheint mir häufig so zu sein, dass zwar von den Eingriffen selbst viel über die Medien präsent wird, aber die spätere [...]
Das ist mal eine Story von der ich gerne in 6 - 12 Monaten hören wollen würde wie sie weitergeht. Es erscheint mir häufig so zu sein, dass zwar von den Eingriffen selbst viel über die Medien präsent wird, aber die spätere Entwicklung keine Schlagzeile wert ist. In diesem Sinne hoffe bald Positives über Rosie zu lesen :)
2.
sxs 11.12.2012
Das würde ich auch gerne, man kann dem Mädchen und Ärzten nur die Daumen drücken.
Zitat von BarbapapsDas ist mal eine Story von der ich gerne in 6 - 12 Monaten hören wollen würde wie sie weitergeht.
Das würde ich auch gerne, man kann dem Mädchen und Ärzten nur die Daumen drücken.
3. Wie es weitergeht...
dennisballwieser 11.12.2012
Das stimmt - mich würde auch interessieren, wie es weitergeht und ob die Patientin zum Beispiel wieder operiert werden muss, wenn sie weiter wächst. Bisher haben die behandelnden Ärzte sich aber noch nicht dazu geäußert, wie [...]
Zitat von BarbapapsDas ist mal eine Story von der ich gerne in 6 - 12 Monaten hören wollen würde wie sie weitergeht. Es erscheint mir häufig so zu sein, dass zwar von den Eingriffen selbst viel über die Medien präsent wird, aber die spätere Entwicklung keine Schlagzeile wert ist. In diesem Sinne hoffe bald Positives über Rosie zu lesen :)
Das stimmt - mich würde auch interessieren, wie es weitergeht und ob die Patientin zum Beispiel wieder operiert werden muss, wenn sie weiter wächst. Bisher haben die behandelnden Ärzte sich aber noch nicht dazu geäußert, wie die Behandlung weitergehen soll.

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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