11.12.2012
Deutsche Sterbestatistik
Suff mit Todesfolge - besonders im Osten
Von Michael Wasner
Jugendliche beim Biertrinken: Trauriger Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern
Der Osten Deutschlands kämpft mit größeren Alkoholproblemen als der Westen. Über zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung sterben in den meisten neuen Ländern relativ mehr Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums als in den alten Bundesländern. Das zeigt eine Sonderauswertung der aktuellen deutschen Todesursachenstatistik.
Trauriger Spitzenreiter im Ranking des Statistischen Bundesamts: Mecklenburg-Vorpommern mit 37 Alkohol-Toten je 100.000 Einwohner. Danach folgen Sachsen-Anhalt (36) sowie Sachsen (26) und Brandenburg (25). Nur der Stadtstaat Bremen schiebt sich mit 29 alkoholbedingten Sterbefällen pro 100.000 Einwohner dazwischen auf Platz drei; die Mehrzahl der westdeutschen Flächenländer liegt in der Statistik deutlich hinter den östlichen Bundesländern. In Baden-Württemberg werden lediglich 13, in Hessen und Bayern jeweils 14 Sterbefälle gezählt (siehe Tabelle).
Nach Einschätzung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm hat das unter anderem mit der sozialen Schieflage in Deutschland zu tun. "Die ostdeutschen Länder sind von vielen sozialen Problemen härter betroffen als der Westen", sagt DHS-Geschäftsführer Raphael Gaßmann. "Die Menschen versuchen, sich die Sorgen wegzutrinken. So kann einerseits Arbeitslosigkeit zu Alkoholproblemen führen, andererseits aber auch Alkoholprobleme zu Arbeitslosigkeit."
Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, macht "soziale Probleme" als Gründe dafür aus, dass die Unterschiede bei Ost und West so weit auseinanderklaffen.
Die Trinkkultur stammt noch aus der DDR
Bundesweit sterben laut Statistischem Bundesamt pro Jahr knapp 15.000 Menschen an übermäßigem Trinken - das entspricht rund 18 Sterbefällen je 100.000 Einwohner.
Dass die alten Bundesländer diese Tendenzen nach dem Mauerfall nicht haben ausgleichen können, liege daran, dass der Westen sein eigenes Alkoholproblem habe. "Deutschland", so Gaßmann, "ist insgesamt ein hochproblematisches Alkohol-Land."
Die Alkoholindustrie ist in Deutschland ein riesiger Wirtschaftszweig, in dem Milliarden umgesetzt werden. Der Staat verdient am Konsum kräftig mit: Allein im Jahr 2011 spülte der Verkauf von Bier, Schnaps oder Sekt laut Statistischem Bundesamt 3,4 Milliarden Euro an Alkoholsteuern in die öffentlichen Kassen.
"Alkohol muss in Deutschland teurer werden"
Wie Studien der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Michael Adams und Tobias Effertz zeigen, summieren sich die Folgekosten des Alkoholkonsums jedoch in schwindelerregendere Höhen: 30 Milliarden Euro pro Jahr - für ärztliche Behandlungen, Arbeitsleistungsausfall, Frühberentung, Erwerbsunfähigkeit oder frühzeitigen Tod. Beide Experten fordern deshalb seit langem eine so einfache wie politisch brisante Maßnahme, um das Problem in den Griff zu bekommen: "Alkohol muss in Deutschland teurer werden", sagt Effertz. "Wer Alkohol kauft, muss am Preis sehen, wie hoch die Folgekosten sind."
Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung trinken fast 10 Millionen Deutsche in riskanten Mengen Alkohol. Mehr als eine Million gilt als alkoholsüchtig. Rein rechnerisch konsumiert jeder Bundesbürger im Jahr zehn Liter reinen Alkohol.
Zum Verhängnis werden den meisten alkoholabhängigen Patienten Leberzirrhosen, Gehirnschäden, Herzmuskelerkrankungen sowie Leber-, Mund- oder Speiseröhrenkrebs. Drei von vier Alkoholtoten sind laut amtlicher Statistik Männer.