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19.12.2012
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Antibiotika bei Bronchitis

Kaum Nutzen, aber Nebenwirkungen

Corbis

Erkältung: Gegen virale Infekte sind Antibiotika machtlos

Die meisten Antibiotikarezepte werden in Praxen bei Atemwegsinfekten verschrieben. Dabei lösen in neun von zehn Fällen Viren die Bronchitis aus. Eine Studie zeigt: Das am häufigsten verschriebene Mittel hilft fast nie - verursacht aber Nebenwirkungen. Gesund werden die Patienten von selbst.

Schmerzender Husten, Heiserkeit und Abgeschlagenheit treiben gerade im Winter viele Patienten in die Arztpraxen. Fehlt sonst nichts, stellt der Hausarzt am Ende der Untersuchung häufig die Diagnose akuter Atemwegsinfekt oder Bronchitis. Und der Patient verlässt die Sprechstunde nicht selten mit einem Rezept für ein Antibiotikum in der Hand. Dabei werden die meisten Patienten auch ganz ohne Medikamente wieder gesund.

Sinnvoll sind Antibiotika nur bei bakteriellen Infektionen, zum Beispiel einer Lungenentzündung, denn gegen die Viren, die für 90 Prozent der akuten Atemwegsinfektionen verantwortlich sind, wirken die Medikamente nicht. Dennoch verschreiben deutsche Ärzte millionenfach vor allem einen Wirkstoff: Amoxicillin. Der Kassenschlager ist laut Arzneiverordnungsreport 2012 das meistverschrieben Antibiotikum.

Doch der Wirkstoff lässt bei Infekten der unteren Luftwege - gemeint sind Luftröhre, Bronchien und Lungenflügel - die Patienten nicht schneller gesund werden, hat jetzt ein internationales Team von Wissenschaftlern herausgefunden. Auch die Beschwerden der Patienten werden nicht gelindert, berichten Paul Little von der britischen University of Southampton und Kollegen im Medizinjournal "The Lancet".

Ärzte diskutieren immer wieder, ob Antibiotika speziell bei älteren Patienten nützlich sein könnten, obwohl bekannt ist, dass Viren und nicht Bakterien die meisten Erkrankungen auslösen. Zum Beispiel könnte die vorsorgliche Antibiotikagabe theoretisch bei älteren Patienten eine zusätzliche bakterielle Infektion verhindern. Aus der Forschung gab es dazu bisher widersprüchliche Erkenntnisse.

Mehr Nebenwirkungen durch Antibiotika

"Der Einsatz von Amoxicillin zur Behandlung von Patienten mit Atemwegsinfekten, bei denen kein Verdacht auf eine Lungenentzündung besteht, wird wahrscheinlich nicht helfen, könnte aber schaden", warnt jetzt Studienautor Little. Speziell, wenn sie unwirksam seien, hätten Antibiotika oft Nebenwirkungen wie Durchfall, Ausschlag oder Übelkeit, erläutert der Mediziner.

Die Studie stützt sich auf Untersuchungen an 2061 Erwachsenen in zwölf europäischen Ländern, darunter auch Deutschland. Der Zufallsgenerator entschied, ob die Teilnehmer entweder das Antibiotikum oder ein Placebo dreimal täglich für sieben Tage bekamen. Ärzte beurteilten den Zustand zu Beginn der Behandlung, die Teilnehmer führten über ihre Symptome ein Tagebuch. Relevante Unterschiede in der Länge oder der Stärke der Symptome fanden die Forscher zwischen den beiden Gruppen nicht, auch nicht bei Patienten über 60. Bei älteren Patienten wäre ein Vorteil der Antibiotikagabe noch am ehesten erklärbar: Geschwächt von anderen Krankheiten könnte das Mittel sie theoretisch vor einer zusätzlichen bakteriellen Infektion schützen.

Antibiotika
Was sind Antibiotika?
Antibiotika sind Wirkstoffe, die gegen Bakterien wirken. Je nach Arzneimittel hemmen die Mittel das Bakterienwachstum oder töten die Krankheitserreger ab.

Gegen von Viren, Pilzen, Würmern oder Parasiten ausgelöste Krankheiten sind Antibiotika wirkungslos.
Was ist eine Antibiotika-Resistenz?
Antibiotika wirken nicht gegen alle Bakterien einer Art. Diejenigen, die sich von einem Wirkstoff weder hemmen noch abtöten lassen, sind gegen ihn resistent. Es gibt unterschiedliche Mechanismen, die zu einer Resistenz führen: zum Beispiel durch spontane Veränderungen im Erbgut der Bakterien oder durch den Austausch von Genen untereinander. Gefürchtet sind vor allem Erreger, die gegen viele verschiedene Antibiotika gleichzeitig geschützt sind, die multiresistenten Bakterien.
Wie können Resistenzen verhindert werden?
Antibiotika sollten nur dann verschrieben werden, wenn es wirklich sinnvoll ist. Bei von Viren ausgelösten Erkältungen sind Antibiotika fehl am Platz. Außerdem sollten die verfügbaren Wirkstoffe möglichst zielgenau eingesetzt werden: Ist der wahrscheinlichste Erreger einer Infektion bekannt, sollte kein Breitband-Antibiotikum verschrieben werden, das gegen möglichst viele Bakterien wirkt, sondern eines, das genau diesen Erreger zuverlässig angreift.
Warum muss ich Antibiotika länger nehmen, als ich mich krank fühle?
Setzt ein Patient sein Antibiotikum ab, sobald er sich besser fühlt, überlebt meist ein Teil der Bakterien. Einerseits steigt so das Risiko, erneut zu erkranken, andererseits haben die überlebenden Erreger so eine größere Chance, sich dem Antibiotikum anzupassen: Sie werden resistent.

Wenn Ihr Arzt Ihnen ein Antibiotikum verschreibt, ist es wichtig, das Medikament durchgehend, in ausreichender Dosis und so lange wie vorgeschrieben einzunehmen.
Mit welchen Nebenwirkungen muss man rechnen?
Häufige Nebenwirkungen sind allergische Reaktionen, Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und Pilzinfektionen. Auch deshalb sollten Antibiotika nur dann eingesetzt werden, wenn sie für die Heilung einer bakteriellen Infektionskrankheit wirklich notwendig sind.
Was muss man bei der Einnahme beachten?
Antibiotika vertragen sich nicht mit allen Lebensmitteln oder anderen Medikamenten. Bei den meisten Antibiotika ist die Sicherheit der Pille zur Verhütung nicht mehr gegeben.

Je nach Wirkstoff kann es sein, dass ein Arzneimittel nicht mit Milch, Säften oder Alkohol gemeinsam eingenommen werden darf. Manche Antibiotika muss man in bestimmten Zeitabständen vor, während oder nach Mahlzeiten einnehmen. Wichtig ist auch der Zeitabstand zwischen den verschiedenen Tagesdosen, damit im Körper immer ein ausreichend hoher Spiegel des Wirkstoffs aufrechterhalten wird. Bei der Einnahme einiger Antibiotika sollten die Patienten sich nicht in der prallen Sonne aufhalten, weil sonst schneller als üblich ein Sonnenbrand droht.

Über die notwendigen Verhaltensweisen klärt Sie Ihr Arzt auf, der Ihnen das Antibiotikum verschreibt oder Ihr Apotheker, der es Ihnen verkauft. Es lohnt sich, nachzufragen.
Mehr Informationen
Einen Überblick über die richtige Anwendung von Antibiotika gibt es bei gesundheitsinformation.de, dem unabhängigen Informationsdienst des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG.

Quelle: Gesundheitsinformation.de
Gesund auch ohne Medikament

Allerdings gab es in der Placebogruppe mehr Fälle (19,3 Prozent), in denen sich ein Symptom verschlimmerte oder ein neues hinzukam, als bei Patienten, die ein Antibiotikum erhielten (15,9 Prozent). Umgerechnet bedeutet das aber auch, dass 30 Patienten mit Amoxicillin behandelt werden müssten, um einen einzigen Fall der Verschlechterung zu verhindern, betonen die Studienautoren. Sie weisen zudem darauf hin, dass in der Placebo-Gruppe ein knappes Viertel (24 Prozent) an Nebenwirkungen litten, in der Gruppe mit Antibiotikum aber 28,7 Prozent. Im Krankenhaus behandelt werden mussten in der gesamten Studie lediglich zwei Personen aus der Placebo- und ein Patient aus der Amoxicillin-Gruppe.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass die meisten Leute von allein wieder gesund werden. Aber da eine kleine Gruppe Patienten von Antibiotika profitiert, bleibt die Herausforderung, diese Individuen zu identifizieren", sagt Little. Unterstützung für diese Einschätzung erhält er in einem Kommentar von Philipp Schütz vom schweizer Kantonsspital Aarau. Schütz urteilt: "Little und seine Kollegen haben überzeugende Daten vorgelegt, die niedergelassene Allgemeinmediziner ermutigen sollten, bei risikoarmen Patienten auf Antibiotika zu verzichten, wenn kein Verdacht auf Lungenentzündung besteht."

Lesen Sie hier, wie Sie gesund durch die Grippe-Saison kommen, und was die Erkältung von der echten Grippe unterscheidet.

dba/dapd

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
1.
Sebastian Mellmann 19.12.2012
Das kommt jetzt natürlich VÖLLIG überraschend. Wer verdient da wohl dran? Jaja ;-)
Zitat von sysopCorbisDie meisten Antibiotikarezepte werden in Praxen bei Atemwegsinfekten verschrieben. Dabei lösen in neun von zehn Fällen Viren die Bronchitis aus. Eine Studie zeigt: Das am häufigsten verschriebene Mittel hilft fast nie - verursacht aber Nebenwirkungen. Gesund werden die Patienten von selbst. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/antibiotika-gegen-erkaeltung-amoxicillin-wirkt-bei-bronchitis-nicht-a-873796.html
Das kommt jetzt natürlich VÖLLIG überraschend. Wer verdient da wohl dran? Jaja ;-)
2. Hetze gegen die Wissenschaft und Vernunft
Verun 19.12.2012
Und wieder verbreiten die Massenmedien Aberglauben gegen die Wissenschaft. Ist das ein Trend? Wollt ihr lieber Homöopathie? Antibiotika helfen nicht direkt gegen Virenerkrankungen - aber sie verhindern bakterielle [...]
Zitat von sysopCorbisDie meisten Antibiotikarezepte werden in Praxen bei Atemwegsinfekten verschrieben. Dabei lösen in neun von zehn Fällen Viren die Bronchitis aus. Eine Studie zeigt: Das am häufigsten verschriebene Mittel hilft fast nie - verursacht aber Nebenwirkungen. Gesund werden die Patienten von selbst. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/antibiotika-gegen-erkaeltung-amoxicillin-wirkt-bei-bronchitis-nicht-a-873796.html
Und wieder verbreiten die Massenmedien Aberglauben gegen die Wissenschaft. Ist das ein Trend? Wollt ihr lieber Homöopathie? Antibiotika helfen nicht direkt gegen Virenerkrankungen - aber sie verhindern bakterielle Superinfektionen die zu schwerwiegenderen Komplikationen führen können. Dann doch lieber ein paar Nebenwirkungen! Nur so nebenbei denn es scheint allgemein unbekannt zu sein: Ärzte sind nicht blöde. Die wissen in den meisten Fällen genau was sie tun. Auch wenn die Medien sie gerne so hinstellen wollen. Und das Volk schreit "Jaaaa!".
3. Alter Hut
wolibien 19.12.2012
Ich hatte eine bakterielle Halsinfektion und bekam ein Antibiotikum. Ich halte meinen HNO-Arzt für fähig, eine Virusinfektion als solche zu erkennen und dann keines zu geben. Punkt. Was soll dieser Artikel eigentlich ?
Ich hatte eine bakterielle Halsinfektion und bekam ein Antibiotikum. Ich halte meinen HNO-Arzt für fähig, eine Virusinfektion als solche zu erkennen und dann keines zu geben. Punkt. Was soll dieser Artikel eigentlich ?
4. .
frubi 19.12.2012
Meinen Hausarzt bräuchte ich nur bitten und schon hätte ich die Hand voller Antibiotika. Nun habe ich meinen Hausarzt in den letzten 5 Jahren 2 mal gesehen weil ich eben nicht wegen jedem kleinen Husten zum Onkel Dr. renne [...]
Zitat von VerunUnd wieder verbreiten die Massenmedien Aberglauben gegen die Wissenschaft. Ist das ein Trend? Wollt ihr lieber Homöopathie? Antibiotika helfen nicht direkt gegen Virenerkrankungen - aber sie verhindern bakterielle Superinfektionen die zu schwerwiegenderen Komplikationen führen können. Dann doch lieber ein paar Nebenwirkungen! Nur so nebenbei denn es scheint allgemein unbekannt zu sein: Ärzte sind nicht blöde. Die wissen in den meisten Fällen genau was sie tun. Auch wenn die Medien sie gerne so hinstellen wollen. Und das Volk schreit "Jaaaa!".
Meinen Hausarzt bräuchte ich nur bitten und schon hätte ich die Hand voller Antibiotika. Nun habe ich meinen Hausarzt in den letzten 5 Jahren 2 mal gesehen weil ich eben nicht wegen jedem kleinen Husten zum Onkel Dr. renne und mir die volle Dröhnung verabreichen lasse. Eienn gripalen Infekt kann man auch mit Ruhe, Wärme und etwas Leidesnfähigkeit aussitzen. Ich kriege schon immer einen Anfall wenn Arbeitskollegen bei leichtem Husten direkt davon schwadronieren, dass sie bestimmt eine Grippe haben. Wir Menschen haben auch so etwas wie ein Immunsystem und das funktioniert sehr gut, wenn man es mal arbeiten lässt. Gerne auch in Zusammenarbeit mit dem Doktor aber bestimmt nicht mit einer Pillenmischung.
5.
granaten_apfel 19.12.2012
Vermutlich soll er das Weihnachtsloch füllen. Ist auch ganz einfach. "Winter, Infekt und vor allem PÖHSE ANTIBIOTIKA" sind Evergreens und geben hervorragenden sinnfreien Füllstoff für die Feiertage ab.
Zitat von wolibienIch hatte eine bakterielle Halsinfektion und bekam ein Antibiotikum. Ich halte meinen HNO-Arzt für fähig, eine Virusinfektion als solche zu erkennen und dann keines zu geben. Punkt. Was soll dieser Artikel eigentlich ?
Vermutlich soll er das Weihnachtsloch füllen. Ist auch ganz einfach. "Winter, Infekt und vor allem PÖHSE ANTIBIOTIKA" sind Evergreens und geben hervorragenden sinnfreien Füllstoff für die Feiertage ab.

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1. Häufig die Hände waschen. Wasser und normale Seife reichen aus, spezielle antibakterielle Seife ist nicht notwendig.

2. Die Hände vom Gesicht fernhalten. Hat man einen mit dem Virus belasteten Gegenstand angefasst, ist das Risiko groß, sich zu infizieren, wenn man sich an die Nase oder den Mund fasst.

3. Während der Grippewelle Abstand zu anderen Personen halten, engen Kontakt vermeiden. Dazu zählt auch, anderen die Hand zu geben, sich zu küssen oder zu umarmen.


Quellen: Robert Koch-Institut, Gesundheitsinformation.de

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