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23.12.2012
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Ein rätselhafter Patient

Herzstillstand nach Ferngespräch

Von
BMJ

Improvisierte Notaufnahme: Der Patient aus dem Fallbericht nach dem Kollaps

Ein kleinwüchsiger Patient liegt kollabiert im Badezimmer. Er hatte sich unwohl gefühlt - jetzt leidet er unter Atemnot, ist blass und verwirrt. Sofort versuchen Ärzte, ihn wiederzubeleben. Kurz zuvor war es ihm noch fast gelungen, nach Hause zu telefonieren.

Ärzte kämpfen in einer improvisierten Notaufnahme um das Leben eines kleinen Patienten: Ein Freund hatte ihn leblos in einem Bach gefunden. Vorausgegangen war der Versuch der beiden Halbwüchsigen, mit Hilfe eines selbstgebauten Gerätes zu telefonieren. Die Folgen des waghalsigen Experiments sind dramatisch.

Statt den Rettungsdienst zu rufen, hatte der Jugendliche seinen Freund selbst ins Haus der Eltern gebracht, wo ihn die Mutter auf dem Boden des Badezimmers liegend vorfand. Der Patient phantasierte offensichtlich, seine Hautfarbe war aschfahl, er litt unter Atemnot. Kurz danach trifft Rettungspersonal im Haus der Familie ein.

Während der ersten improvisierten Untersuchung verschlechtert sich der Zustand des Patienten dramatisch: Er fällt in einen Schock, sein Herz-Kreislauf-System kann den Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen, der Blutdruck ist nicht mehr messbar, seine Atmung setzt aus. Filmaufnahmen belegen, dass der Patient trotz der Rettungsversuche einen Kreislaufstillstand erleidet.

Vergebliche Reanimation mit Elektroschocks

Die Ärzte beginnen mit der Herz-Kreislauf-Wiederbelebung, komprimieren den Brustkorb des Patienten, beatmen ihn mit Sauerstoff. Sie versuchen, sein Herz mit Elektroschocks (Defibrillation) wieder zum Schlagen zu bringen, spritzen das kreislaufstützende Medikament Adrenalin - ohne Erfolg. Schließlich geben sie auf, der Patient scheint verloren.

Die Reanimation ist genau dokumentiert. Auf der Suche nach den Ursachen der dramatischen Ereignisse hat der britische Arzt und Neurowissenschaftler Gregory Scott jetzt erstmals das umfangreiche Filmmaterial medizinisch analysiert. Seine wissenschaftliche Analyse des Falles stützt er auf das Filmdokument "E. T. - der Außerirdische" von 1982, in dem der rätselhafte Patient porträtiert wird. Über die Ergebnisse berichtet Scott mit seinem Kollegen Edward Presswood in der Weihnachtsausgabe des Fachmagazins "British Medical Journal".

Bei dem unter dem Kürzel "E. T." bekannten Patienten handelt es sich nach Scotts Angaben um einen extraterrestrischen Forscher, über dessen medizinische Vorgeschichte nur sehr wenig bekannt ist. Die Tatsache, dass er für eine interplanetare Erkundungsmission ausgewählt worden sei, lasse allerdings darauf schließen, dass er vor seinem dramatischen Zusammenbruch gesund war.

Einmalige Filmdokumentation des Falles

Der Außerirdische ist mit nur 1,35 Metern und knapp 16 Kilogramm im Vergleich zum Menschen kleinwüchsig. Vor seinem plötzlichen körperlichen Zusammenbruch fällt vor allem der Zeigefinger der rechten Hand auf, er kann rot fluoreszieren - der Einschätzung Scotts nach eine Form der Biolumineszenz ähnlich der des Glühwürmchens Lampyris noctiluca.

Ein weiteres Merkmal sei, so Scotts Analyse, neben den geschwollenen Beinen die offensichtliche Lähmung des mittleren Gesäßmuskels, die das typische watschelnde Gangbild E. T.s hervorruft (Trendelenburg-Gang). Dass E. T. sich nur sehr langsam fortbewege, sei wohl auf eine orthopädische Erkrankung im Kindesalter zurückzuführen, schlussfolgert Scott. Beim Morbus Perthes stirbt der Hüftkopf ab, die Patienten hinken. Ein Geheimnis bleibt das Geschlecht des Patienten, das aus den Filmaufnahmen nicht bestimmt werden konnte.

Als Neurowissenschaftler beschäftigt Scott sich in seinem Fallbericht auch mit den linguistischen Fähigkeiten des Patienten: Während er noch zu Beginn der Filmaufnahmen nur primitive Laute von sich gebe, lerne er binnen weniger Tage nicht nur Wörter, sondern könne auch einen grammatikalisch - beinahe - richtigen Satz konstruieren: "E. T. nach Haus telefonieren." Etwas, das dem weitaus älteren Meister Yoda nicht gelinge ("Bist 900 Jahre, wirst aussehen du nicht gut.").

BMJ

Der rätselhafte Patient "E. T." im Detail: Auffällige Befunde

Einen Hinweis auf die Ursachen für den plötzlichen Kreislaufkollaps findet Studienautor Scott in der für E. T. ungewohnten westlichen Ernährung: "E. T. ernährt sich willkürlich. Er mischt Erdnussbutter-Snacks, Sellerie, Cola und Kartoffelsalat", sagt Scott zu SPIEGEL ONLINE. "Das könnte zu einer schweren Mangelernährung geführt haben, die zu seinem Verfall beigetragen haben könnte. Diese sorgenfreie Einstellung gegenüber seiner Ernährung könnte auch seinen dicken Bauch erklären."

Moderne Wiederbelebung: Schnelle Kompression des Brustkorbs

Die Wiederbelebungsbemühungen der US-amerikanischen Kollegen im Jahr 1982 seien nach den damaligen Leitlinien zwar ausreichend gewesen, so Scott. Allerdings wäre die Reanimation unter Umständen anders verlaufen, hätten die Ärzte schon nach heutigen Regeln gearbeitet: Mittlerweile wird bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung der Brustkorb 100- bis 120-mal in der Minute zusammengedrückt - bei E. T. waren es höchstens 60 Kompressionen. Auch greifen Notärzte heute wesentlich schneller zum Defibrillator als damals.

Doch trotz aller Defizite und dem scheinbar tödlichen Ausgang - der Fall E. T. endet unverhofft glücklich (im Fachjargon Morbus Happy End). Während sein Freund Elliott sich vom bereits in einer Kühlkammer aufgebahrten E. T. verabschieden will - die möglichen psychischen Folgen für den Jungen werden im Fallbericht nicht thematisiert - erwacht der Patient wieder zum Leben und wiederholt ständig die gleiche Phrase: "E. T. telefonieren nach Haus."

Scott macht für dieses unter Medizinern als Perseveration bekannte Verhalten eine Schädigung des Frontalhirns durch einen Sauerstoffmangel während des Aufenthalts in der Kühlkammer verantwortlich. Trotz dieses Schadens gelingt es dem sich schnell erholenden Patienten, nur wenig später die Erde wieder zu verlassen.

Die britischen Ärzte kommentieren in ihrem Fallbericht, der durchschnittliche Hausarzt werde zwar unter Umständen nie in Kontakt mit einem außerirdischen Patienten kommen - nichtsdestotrotz gelte es, sich angesichts der Entwicklungen der bemannten Raumfahrt auf Patienten wie E. T. vorzubereiten.

Der vorgestellte Fall "Case report of E. T. - The Extra-Terrestrial" über den gleichnamigen Außerirdischen aus Steven Spielbergs Film "E. T. - Der Außerirdische" von 1982 ist in der Weihnachtsausgabe des Fachmagazins "British Medical Journal" erschienen, in der jedes Jahr nicht ganz ernst gemeinte - aber mit großem wissenschaftlichen Ernst durchgeführte - Studien und Fallberichte erscheinen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
1. Humor....
ThaddäusTentakel 23.12.2012
ist ja eine schöne Sache, aber was soll das bitte? Jetzt kenne ich aber wenigstens die exakte Körpergröße und das Gewicht von ET.....
ist ja eine schöne Sache, aber was soll das bitte? Jetzt kenne ich aber wenigstens die exakte Körpergröße und das Gewicht von ET.....
2. Spitze!
felix1961 23.12.2012
Habe mich köstlich über den Artikel amüsiert. Danke, SPON!
Habe mich köstlich über den Artikel amüsiert. Danke, SPON!
3.
Hans58 23.12.2012
Dito! Ich brauchte erst einige Sekunden, um festzustellen, welche "Person" hier Herzstillstand nach einem Ferngespräch hatte....(nach hause..)
Zitat von felix1961Habe mich köstlich über den Artikel amüsiert. Danke, SPON!
Dito! Ich brauchte erst einige Sekunden, um festzustellen, welche "Person" hier Herzstillstand nach einem Ferngespräch hatte....(nach hause..)
4.
lieselweppen 23.12.2012
Warum berichtet SPON immer nur über E.T.? Warum schreibt ihr niemals was über den armen Alf und seinen tragischen Tod im Hotelzimmer nach der Überdosis Katzen?
Zitat von sysopEin kleinwüchsiger Patient liegt kollabiert im Badezimmer.
Warum berichtet SPON immer nur über E.T.? Warum schreibt ihr niemals was über den armen Alf und seinen tragischen Tod im Hotelzimmer nach der Überdosis Katzen?
5. Offensichtlich...
not_arzt 23.12.2012
... hat" chalchiuhtlicue" hier etwas nicht verstanden obwohl der humoristische Hintergrund des Artikels im Nachsatz erklärt wird. Häufig werden derartige Artikel zum Jahresende in renommierten Fachblättern (so wie das [...]
... hat" chalchiuhtlicue" hier etwas nicht verstanden obwohl der humoristische Hintergrund des Artikels im Nachsatz erklärt wird. Häufig werden derartige Artikel zum Jahresende in renommierten Fachblättern (so wie das BMJ) veröffentlicht um neben stur wissenschaftlichen Themen auch mal ein wenig Unterhaltung zu bieten. Das zeigt, dass hochrangige Wissenschaftler in ihrer Freizeit durchaus mit trivialen Dingen beschäftigen so wie manche Menschen eben meinen, sich mit dem kommentieren eines Artikels profilieren zu müssen.

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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