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30.12.2012
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Eine rätselhafte Patientin

Kaiserschnitt zwischen Leben und Tod

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Geburt per Kaiserschnitt: Der Eingriff bringt immer Risiken mit sich.

Vier Kinder hat die 43-jährige Frau schon geboren, ohne Probleme und auf natürlichem Weg. Doch das fünfte Kind müssen Ärzte per Not-Kaiserschnitt auf die Welt holen, nachdem die Schwangere mit heftigen Blutungen in die Klinik kommt. Kurz nach der Geburt bleibt plötzlich das Herz der Mutter stehen.

Vier problemlose Schwangerschaften hat die 43-jährige Frau schon hinter sich, alle Kinder konnte sie komplikationslos zur Welt bringen, alle auf natürlichem Weg. Doch jetzt kommt die hochschwangere Frau - es sind nur noch vier Wochen bis zum errechneten Geburtstermin - mit starken Blutungen ins Massachusetts General Hospital in Boston, dem Lehrkrankenhaus der renommierten Harvard Medical School. Diesmal ist nichts in Ordnung.

Schon zwei Mal musste die Patientin in dieser Schwangerschaft wegen Blutungen behandelt werden, allerdings hatte sich das Problem beide Male mit Bettruhe und Medikamenten beheben lassen. Bei den Untersuchungen war den Medizinern bereits aufgefallen, dass der Mutterkuchen der Frau, die Plazenta, in der Nähe des Geburtskanals liegt. Diese im Fachjargon Placenta praevia genannte Fehllage kann eine natürliche Geburt unmöglich machen.

Diesmal sind ihre Ärzte daher alarmiert, berichten der Gynäkologe Jeffrey Ecker und seine Kollegen im Fachmagazin "New England Journal of Medicine". Die schwere Blutung gefährdet Mutter und Kind, ihre Blutwerte sind bereits aus dem Gleichgewicht geraten - die Ärzte planen einen Not-Kaiserschnitt.

Die Lippen werden weiß, die Atmung stockt

Die Patientin bekommt eine Spinalanästhesie, eine regionale Betäubung, bei der die Gebärende keinen Schmerz durch den Kaiserschnitt verspürt, während des Eingriffs aber wach ist. Kurz danach holen die Geburtshelfer einen gesunden Jungen auf die Welt. Sie entnehmen auch die Plazenta, anschließend verschließen sie die Operationswunde.

Plötzlich verlangsamt sich der Herzschlag der Frau: In weniger als einer Minute fällt ihre Herzfrequenz von 81 Schlägen pro Minute - einem normalen Wert - auf zunächst 42 Schläge und schließlich knapp über 30 Schläge pro Minute. Die Patientin klagt über Schmerzen, greift sich an die Brust, verdreht die Augen und wird bewusstlos. Ihre Lippen werden weiß, die Atmung stockt.

Die Anästhesisten reagieren schnell: Sofort legen sie der jungen Mutter einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre. Zwar sehen die Ärzte auf dem EKG noch die typischen elektrischen Erregungen des Herzens, und sie hören, wie sie über den Beatmungsschlauch Luft in die Lunge blasen und diese wieder zurückströmt - doch sie können weder einen Puls messen, noch zeigen die Überwachungsgeräte eine funktionierende Atmung an. Das Herz der Patientin steht still.

Das Medizinerteam beginnt mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung, der Reanimation. Gleichzeitig beginnt die fieberhafte Suche nach der Ursache der plötzlichen Katastrophe.

Herzinfarkt? Narkosefolge? Embolie?

Hätte die Frau nicht gerade eben per Kaiserschnitt ein Kind zur Welt gebracht, wäre die wahrscheinlichste Ursache im Herzen der Patientin zu suchen. Allerdings gab es vor der Geburt keine Hinweise auf Herz-Kreislauf-Probleme der Frau, und die gibt es auch jetzt nicht. Denkbar wäre auch ein durch die Spinalanästhesie ausgelöstes Problem. Allerdings ist seit dem Beginn der Schmerzbehandlung schon eine ganze Weile vergangen, so dass ein Zusammenhang mit der Narkose unwahrscheinlich erscheint.

Die behandelnden Ärzte konzentrieren sich daher auf eine andere Komplikation, die Gynäkologen fürchten: Eine sogenannte Embolie, die zu einem plötzlichen Kreislaufstillstand führen kann.

Bei einer Embolie verstopft ein Blutgefäß. Am häufigsten und bekanntesten sind die Folgen von Beinvenenthrombosen: Blutpfropfen in den Blutgefäßen der Beine lösen sich, werden in die Lungengefäße gespült und verstopfen diese - ein solcher Zwischenfall kann schnell tödlich enden. Eine solche Embolie ist bei dieser Patientin unwahrscheinlich. Bei einem Kaiserschnitt könnte auch Luft in die Blutgefäße gelangt sein. Schließlich bleibt eine Fruchtwasserembolie: Während der Geburt kann Fruchtwasser durch die Plazenta in den Blutkreislauf der Mutter gelangen.

Mutter an der Herz-Lungen-Maschine

Fruchtwasserembolien sind extrem selten - es kommt nur bei einer von 10.000 bis zu einer von 100.000 Geburten zu einem solchen Problem. Doch wenn sie auftreten, sterben bis zu 20 Prozent der Patientinnen. Was genau die Fruchtwasserembolie auslöst, wodurch es zu Herzversagen, Lungenversagen und schließlich dem Zusammenbruch des gesamten Kreislaufs kommt, wissen Mediziner bis heute nicht.

Das in den Blutkreislauf der Mutter gelangende Fruchtwasser scheint eine Vielzahl von Reaktionen auszulösen, die einer allergischen Reaktion ähneln und dafür sorgen, dass die Lungengefäße dem Herzen einen so großen Widerstand bieten, dass die Pumpfunktion nach kurzer Zeit versagt. Anschließend kommt es häufig zu Blutungen. Eine Fruchtwasserembolien, schreiben die Harvard-Mediziner, sei "unvorhersehbar und nicht abwendbar".

Nach einer Ultraschalluntersuchung des Herzens noch während der Reanimation legen sich die Ärzte fest: Sie gehen von einer Fruchtwasserembolie aus, nachdem sie keine Hinweise auf andere Probleme der Frau finden können. Um Herz und Lunge zu ersetzen, schließen sie die Patientin an eine Herz-Lungen-Maschine (ECMO), die so lange das Blut mit Sauerstoff anreichert und durch den Körper pumpt, bis die Organe der Mutter sich hoffentlich erholt haben.

Bereits nach einer Nacht auf der Intensivstation können die Ärzte die Herz-Lungen-Maschine wieder ausstellen, das Herz der Patientin schlägt wieder. Nach einer Woche am Beatmungsgerät entfernen die Ärzte auch den Schlauch aus der Luftröhre. In den ersten zehn Tagen nach dem Aufwachen hat die Patientin noch Probleme mit dem Sprechen, doch nach insgesamt einem Monat im Krankenhaus darf sie die Klinik mit ihrem gesunden Baby wieder verlassen.

Forum

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insgesamt 45 Beiträge
1. Hausgeburt
Martin Franck 05.01.2013
Deshalb sollte man auch eine Hausgeburt vorziehen. Vier Kinder hatte die Frau schon geboren, ohne Probleme und auf natürlichem Weg. Die Hebamme konnte also von einem problemlosen Verlauf ausgehen, und hätte schnell mal eben [...]
Zitat von sysopGetty ImagesVier Kinder hat die 43-jährige Frau schon geboren, ohne Probleme und auf natürlichem Weg. Doch jetzt holen Ärzte mit einem Not-Kaiserschnitt ihr fünftes Kind. Wegen heftiger Blutungen war die Schwangere in die Klinik gekommen - kurz nach der Geburt bleibt das Herz der Mutter stehen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wiederbelebung-herz-kreislauf-stillstand-nach-kaiserschnitt-a-874946.html
Deshalb sollte man auch eine Hausgeburt vorziehen. Vier Kinder hatte die Frau schon geboren, ohne Probleme und auf natürlichem Weg. Die Hebamme konnte also von einem problemlosen Verlauf ausgehen, und hätte schnell mal eben die ECMO angeschlossen. Bei einer Schwangerschaft kommt es erstens anders, und zweitens als man denkt. Das Argument, dass früher eine Geburt auch ohne High-Tech möglich war, zieht nicht. Außer man will auf den damaligen Standard zurück fallen.
2. Hochinteressanter Fall...
dochooli 05.01.2013
...zeigt er doch, wie ein an sich natürlicher Vorgang schnell zur Lebensbedrohung für Mutter und Kind werden kann...mit bestem Gruß an Hausgeburten und Geburtshäuser!
...zeigt er doch, wie ein an sich natürlicher Vorgang schnell zur Lebensbedrohung für Mutter und Kind werden kann...mit bestem Gruß an Hausgeburten und Geburtshäuser!
3. Spinalanästhesie ist keine Narkose!
dr.magill 05.01.2013
Da der Autor, wie ich, Facharzt für Anästhesiologie ist, sollte er eigentlich wissen, daß eine Spinalanästhesie eben keine Narkose ist! Narkose ist das Synonym für Allgemeinanästhesie. Deshalb gibt es auch keine Teil- oder [...]
Da der Autor, wie ich, Facharzt für Anästhesiologie ist, sollte er eigentlich wissen, daß eine Spinalanästhesie eben keine Narkose ist! Narkose ist das Synonym für Allgemeinanästhesie. Deshalb gibt es auch keine Teil- oder Vollnarkosen. Der Oberbegriff ist Anästhesie. Man unterscheidet Lokal- und Regionalanästhesien von Allgemeinanästhesien (Narkosen). Folglich ging es in dem referierten Fall auch nicht um Narkosefolgen, sondern um Anästhesiefolgen.
4. Glück gehabt
DarkSpir 05.01.2013
Da hatte die gute Frau Glück, dass sie quasi schon auf dem OP-Tisch gelegen hat. Meine Mutter war wegen einer Trombose im Krankenhaus, die sich zu einer Embolie entwickelte und hat dadurch einen Herzstillstand erlitten während [...]
Da hatte die gute Frau Glück, dass sie quasi schon auf dem OP-Tisch gelegen hat. Meine Mutter war wegen einer Trombose im Krankenhaus, die sich zu einer Embolie entwickelte und hat dadurch einen Herzstillstand erlitten während der behandelnde Arzt zur Visite an ihrem Bett war. Die Wiederbelebung dauerte über eine halbe Stunde, am Ende war durch die Unterversorgung das Gehirn so stark geschädigt, dass sie erst eineinhalb Jahre lang im Wachkoma lag und seitdem schwer behindert im Bett liegt. Ihr Langzeitgedächtnis ist durcheinander, vieles ist einfach weg. Sie erinnert sich an ihre Ausbildung nicht mehr, erkennt mich als ihren Sohn nicht wieder. Und sie vergisst fast alles wieder, was vor 10 Minuten war. Ihre linke Körperhälfte ist gelähmt und verkrampft. Sie hat immer wieder Halluzinationen und Flashbacks bei denen sie von jetzt auf gleich anfängt zu weinen und zu schreien und man sie kaum in die Realität zurück holen kann. Sprechen fällt ihr schwer, sitzen geht ohne Hilfe gar nicht, alleine Essen nur mit Mühe. Die gute Frau war Anfang 50 als sie den Herzstillstand hatte. Damals war ich froh, dass sie dem Tod so knapp von der Schippe gesprungen ist. Heute denke ich es wäre für uns besser gewesen sie hätte nicht überlebt. Ich mag meine Mutter aber sie ist nur noch ein Schatten von dem was sie mal war und hilflos zuzusehen wie sie in unserem unterbezahlten und unterbesetzten Pflegesystem vor sich hin vegetiert tut weh. Da ist es fast tröstend wenn sie mich alle 10 Minuten fragt wer ich bin oder mich mit einem ihrer Exfreunde verwechselt und mich nicht für eine ihrer Halluzinationen hält.
5. Bms
Martin Franck 05.01.2013
Sie hatte außerdem Glück gehabt im Massachusetts General Hospital (http://de.wikipedia.org/wiki/Massachusetts_General_Hospital) gelegen zu haben. Nicht umsonst wurde im House of God die Harvard Medical School [...]
Zitat von DarkSpirDa hatte die gute Frau Glück, dass sie quasi schon auf dem OP-Tisch gelegen hat. Meine Mutter war wegen einer Trombose im Krankenhaus, die sich zu einer Embolie entwickelte und hat dadurch einen Herzstillstand erlitten während der behandelnde Arzt zur Visite an ihrem Bett war. Die Wiederbelebung dauerte über eine halbe Stunde, am Ende war durch die Unterversorgung das Gehirn so stark geschädigt, dass sie erst eineinhalb Jahre lang im Wachkoma lag und seitdem schwer behindert im Bett liegt. Ihr Langzeitgedächtnis ist durcheinander, vieles ist einfach weg. Sie erinnert sich an ihre Ausbildung nicht mehr, erkennt mich als ihren Sohn nicht wieder. Und sie vergisst fast alles wieder, was vor 10 Minuten war. Ihre linke Körperhälfte ist gelähmt und verkrampft. Sie hat immer wieder Halluzinationen und Flashbacks bei denen sie von jetzt auf gleich anfängt zu weinen und zu schreien und man sie kaum in die Realität zurück holen kann. Sprechen fällt ihr schwer, sitzen geht ohne Hilfe gar nicht, alleine Essen nur mit Mühe. Die gute Frau war Anfang 50 als sie den Herzstillstand hatte. Damals war ich froh, dass sie dem Tod so knapp von der Schippe gesprungen ist. Heute denke ich es wäre für uns besser gewesen sie hätte nicht überlebt. Ich mag meine Mutter aber sie ist nur noch ein Schatten von dem was sie mal war und hilflos zuzusehen wie sie in unserem unterbezahlten und unterbesetzten Pflegesystem vor sich hin vegetiert tut weh. Da ist es fast tröstend wenn sie mich alle 10 Minuten fragt wer ich bin oder mich mit einem ihrer Exfreunde verwechselt und mich nicht für eine ihrer Halluzinationen hält.
Sie hatte außerdem Glück gehabt im Massachusetts General Hospital (http://de.wikipedia.org/wiki/Massachusetts_General_Hospital) gelegen zu haben. Nicht umsonst wurde im House of God die Harvard Medical School (http://de.wikipedia.org/wiki/Harvard_Medical_School) als BMS (Best Medical School) bezeichnet. Am Ende sind sie noch für Impfungen und nehmen keine Globuli? Vielleicht würden Sie bei der Auswahl des Kreissaals danach fragen wie denn die Besetzung mit Anästhesie und Kinderarzt ist, und die Ausstattung mit Intensivbetten? Dabei ist es doch wesentlicher zu wissen, ob auch Akupunktur angeboten wird, und die Farbe der Zimmer harmoniert.

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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