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01.01.2013
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Transplantationen

Uni Leipzig gibt Manipulation bei Organspende zu

DPA

Von 2010 bis 2011 sollen bei bis zu 37 Patienten falsche Angaben gemacht worden sein

Am Universitätsklinikum Leipzig sind Patienten kranker gemacht worden, als sie tatsächlich waren. Mit dieser Manipulation wurden sie auf der Warteliste für neue Organe weiter nach oben geschoben. Der zuständige Direktor und zwei Oberärzte wurden beurlaubt.

Leipzig - Patienten sind am Transplantationszentrum Leipzig fälschlicherweise als Patienten für ein Nierenersatzverfahren ausgegeben worden, um sie auf der Warteliste zur Organtransplantation besser zu positionieren. Dies teilte die Bundesärztekammer am Dienstagabend mit. Der medizinische Vorstand des Uni-Klinikums Leipzig, Wolfgang Fleig, bestätigte dies SPIEGEL ONLINE. Als Konsequenz sind der Direktor des Transplantationszentrums sowie zwei Oberärzte mit sofortiger Wirkung beurlaubt worden. Die Unregelmäßigkeiten müssten nun aber noch weiter geprüft werden, hieß es.

Es handele sich um maximal 37 Patienten, zu denen in den Jahren 2010 sowie 2011 falsche Angaben gemacht worden seien, sagte Fleig SPIEGEL ONLINE. "Wir gehen davon aus, dass die Angaben von den suspendierten Oberärzten gekommen sind", sagte Fleig. "Für unseren Ruf ist das nicht zuträglich."

Bei der Meldung von Wartelistenpatienten seien "fälschlicherweise Nierenersatzverfahren angegeben worden", hieß es in einer Erklärung des Leipziger Klinikums. Für eine erhebliche Zahl von so gemeldeten Patienten, "konnte die tatsächliche Durchführung dieser Therapie von den verantwortlichen Transplantationschirurgen nicht nachgewiesen werden". Diese Falschangaben hätten für den einzelnen Patienten zu einer Erhöhung des Punktwertes und "damit zu einer Erhöhung der Priorität auf der Warteliste bei Eurotransplant geführt".

Im vergangenen Jahr wurde eine solche Falschangabe bei einem von zehn Patienten mit der Angabe Dialyse festgestellt, heißt es weiter in der Erklärung.

Herausgekommen sind die Unregelmäßigkeiten durch Untersuchungen der Prüfungs- und der Überwachungskommission der Bundesärztekammer, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und des GKV-Spitzenverbandes.

Seitdem im Sommer Manipulationen bei der Organvergabe aus den Universitätskliniken Göttingen, Regensburg und München bekannt wurden, habe die Uni-Klinik Leipzig eine Innenrevision beauftragt, um die Akten von Transplantationspatienten zu prüfen, sagte Fleig.

In einer Erklärung der Universitätsklinik Leipzig vom Dienstag heißt es zudem, die Innenrevision wurde beauftragt, um "Strukturen und Prozesse zur Meldung von Kandidaten zur Lebertransplantation bei Eurotransplant sowie die Führung der gelisteten Patienten bis zum Zeitpunkt der Transplantation ebenso kritisch zu prüfen wie sämtliche Meldevorgänge an Eurotransplant bei allen seit 01.01.2007 am Transplantationszentrum Leipzig lebertransplantierten Patienten."

Ärzteschaft, Krankenhausträger und Kassen hatten erst im November eine neue Anlaufstelle für Unregelmäßigkeiten bei der Organspende geschaffen. Bei der unabhängigen Vertrauensstelle "Transplantationsmedizin" kann jeder - auch anonym - Auffälligkeiten und mögliche Verstöße melden.

kha/dpa/dapd/AFP

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insgesamt 66 Beiträge
1. optional
heute_morgen 01.01.2013
und immer universitätskliniken. das ganze scheint system zu haben.
und immer universitätskliniken. das ganze scheint system zu haben.
2.
weserwasser 01.01.2013
man gut das ich mein Organ spende-ausweis , den ich fast 20 Jahre am Mann hatte , seit August 2012 nicht mehr habe
Zitat von heute_morgenund immer universitätskliniken. das ganze scheint system zu haben.
man gut das ich mein Organ spende-ausweis , den ich fast 20 Jahre am Mann hatte , seit August 2012 nicht mehr habe
3. ...der werfe den ersten Stein
global payer 01.01.2013
jetzt kann man sich aufregen über Ärzte, die sich nicht an Spielregeln halte, aber ist der Arzt nicht zuerst der Rettung "seines" Patienten verpflichtet? Wieviel mutet man einem Arzt zu, der ehrliche Angaben macht, [...]
jetzt kann man sich aufregen über Ärzte, die sich nicht an Spielregeln halte, aber ist der Arzt nicht zuerst der Rettung "seines" Patienten verpflichtet? Wieviel mutet man einem Arzt zu, der ehrliche Angaben macht, vielleicht ahnend, dass in anderen Häusern das nicht so ist. Würden wir uns als Patient nicht alle wünschen, dass mein Arzt etwas mogelt, damit er mir hilft? Man muss also fragen, ob die Kriterien des Systems zur Vergabe von Organen in der Mangelsituation angemessen ist.
4. das ist doch
disisit 01.01.2013
bestimmt überall mehr oder weniger gemacht worden. wie sieht es mit dem ausland aus ? sollen jetzt alle transplantationschirurgen den goldenen handschlag erhalten ?
bestimmt überall mehr oder weniger gemacht worden. wie sieht es mit dem ausland aus ? sollen jetzt alle transplantationschirurgen den goldenen handschlag erhalten ?
5. Und was bedeutet dies für potentiell alle Klinikinsassen?
vincentius 01.01.2013
Nun hat man die strukturelle Gefahr (und schon "potentielle Realität") schwarz auf weiß: man stelle sich vor, mit weitgehend gesunden Organen in einem voll auf Transplantationen ausgerichteten Klinikum zu liegen. [...]
Nun hat man die strukturelle Gefahr (und schon "potentielle Realität") schwarz auf weiß: man stelle sich vor, mit weitgehend gesunden Organen in einem voll auf Transplantationen ausgerichteten Klinikum zu liegen. Zusatzkonstellation: wie gesagt, überwiegend gesund, aber vielleicht schon etwas älter UND mit bzgl. Abrechenbarkeit weniger Geld einbringenden Beschwerden/Behandlungen als es eine mögliche Verwendung für Organtransplantion erbrächte: wie sieht dann die "vorgenommene Datenlage" aus? Es geht hier um eine RISIKOSTRUKTUR, die sich bestimmt aus Alternativ-"Behandlungs"-Nutzen/-Einnahmen des liegenden Patienten und vorhandenen Einrichtungskapazitäten im Bereich "stationärer Transplantation." Wieviele Patienten werden in diesem (man möchte sagen, Zukunftsszenario) solange konventionell im Krankenhaus behandelt, bis sie - vor dem Hintergrund sich "sich laut Datenblatt auftuender negativer körperlicher Entwicklungen" - als "toter" Organlieferant enden? Dann leider nicht mehr sehr gesund, aber lukrativ?!

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Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland

Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd

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