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03.01.2013
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Fibromyalgie

Der Schmerz, der aus dem Nichts kommt

dapd

Schmerzen am Körper: Die Symptome von Fibromyalgie-Patienten sind sehr unspezifisch

Der Kopf schmerzt, der Bauch, der Arm, das Bein. Doch eine organische Ursache gibt es nicht. Menschen mit dem Fibromyalgiesyndrom hasten häufig jahrelang von einem Arzt zum nächsten, bis ihre Diagnose feststeht. Heilen lässt sich die Krankheit nicht. Sport kann aber helfen.

Sie sind nicht verrückt. Und sie bilden sich ihren Schmerz nicht ein. Menschen mit dem Fibromyalgiesyndrom (FMS) sind zwar organisch gesund. Dennoch schmerzt ihr Körper an den verschiedensten Stellen: am Rücken, den Armen und Beinen, am Bauch. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt das FMS als Krankheit auf. Heilen lässt es sich nicht. Stattdessen müssen die Betroffenen lernen, mit den Schmerzen umzugehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei Bewegung.

In den westlichen Industrieländern leiden rund ein bis zwei Prozent der Bevölkerung an dem Syndrom. Meistens trifft es Frauen im mittleren Alter, heißt es in der kürzlich aktualisierten Leitlinie zum FMS, die Ärzten Behandlungsempfehlungen gibt. Die Krankheit setzt in der Regel schleichend ein. "Manche Betroffene hatten schon als Kinder häufiger Schmerzen", sagt Winfried Häuser von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Schmerztherapie. Häufig tue am Anfang nur ein Körperteil weh. Nach und nach aber breite sich der Schmerz über den Körper aus.

Der schleichende Verlauf ist ein Grund dafür, dass das Fibromyalgiesyndrom häufig erst nach Jahren diagnostiziert wird. "Bei vielen Betroffenen schmerzt am Anfang das untere Kreuzbein. Dann geht man zum Arzt, bekommt eine Spritze, und das hilft erstmal", sagt Margit Settan, Vorsitzende der Deutschen Fibromyalgie-Vereinigung (DFV) in Seckach. "Irgendwann werden die Schmerzabstände geringer, die Spritze hilft nicht mehr, und der Schmerz tritt an mehr Körperstellen auf."

Diagnose im Schnitt nach drei bis fünf Jahren

In der Vergangenheit habe es im Schnitt sieben bis neun Jahre gedauert, bis Patienten die Diagnose Fibromyalgiesyndrom bekamen, erklärt Settan. Jahre, in denen sie von einem Facharzt zum nächsten gingen, weil ihnen keiner die Schmerzen nehmen konnte. Heute bekämen Betroffene im Schnitt nach drei bis fünf Jahren die richtige Diagnose.

Damit das noch schneller geht, müssen sich Patienten öffnen. "Beim Fibromyalgiesyndrom ist es besonders wichtig, dass der Patient beim Arzt alle Beschwerden schildert", erklärt Häuser, der am Klinikum Saarbrücken arbeitet. Dazu gehören neben den Schmerzen zum Beispiel auch Schlafstörungen, Erschöpfung oder seelische Beschwerden wie Unruhe und Niedergeschlagenheit.

Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte den Arzt darauf hinweisen. Die diffusen Schmerzen können eine Nebenwirkung bestimmter Arzneien sein, etwa der weit verbreiteten Cholesterinsenker, sagt Bernhard Arnold von der Deutschen Schmerzgesellschaft in Berlin. Über eine Laboruntersuchung des Blutes lässt sich klären, ob der Schmerz körperliche Ursachen hat und zum Beispiel auf eine rheumatische Erkrankung oder eine Schilddrüsenfehlfunktion zurückzuführen ist. Das FMS lässt sich durch solche Untersuchungen nicht nachweisen. Der Arzt schließt lediglich aus, dass die Schmerzen andere Ursachen haben.

Ob Samba tanzen oder Walken: Bewegung hilft

Das Fibromyalgiesyndrom ist nicht heilbar. Treten die Schmerzen auf, bleiben sie in der Regel ein Leben lang. Angst vor Invalidität oder einem vorzeitigen Tod müssen Betroffene aber nicht haben. Und es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern: Menschen mit einer leichten Form des FMS empfiehlt die Leitlinie regelmäßige Bewegung. "Es ist egal, ob die Patienten Samba tanzen, an Fitnessgeräten trainieren oder walken. Wichtig ist, dass sie Spaß dabei haben", sagt Arnold, der an der Schmerztagesklinik am Klinikum Dachau tätig ist. Nur so bleiben sie regelmäßig dabei. Um einen Trainingseffekt zu haben, sollten sich die Betroffenen dauerhaft zwei- bis dreimal pro Woche bewegen.

Bei schweren Formen des FMS rät die Leitlinie ebenfalls zu leichtem Ausdauer-, Funktions- oder Krafttraining und Sportarten wie Tai Chi oder Yoga. Empfehlenswert sei außerdem eine Kombination aus Entspannungstherapie, Ausdauertraining und Verhaltenstherapie. Denn oft hängen körperliche und seelische Beschwerden zusammen. Medikamente werden inzwischen kritischer gesehen. Sie sollen nur zeitlich befristet eingenommen werden.

Die Leitlinie empfiehlt einige physikalische Therapien, etwa Thermalbäder, Fango und Lymphdrainage. Gleiches gilt für eine zeitlich befristete Akupunktur. Andere Behandlungsansätze wie die Laser- und Magnetfeldtherapie, Reiki und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln erhalten keine Empfehlung, weil die Wirksamkeit unklar ist oder unerwünschte Nebenwirkungen drohen.

Leitlinien-Empfehlungen beruhen auf den Ergebnissen großangelegter internationaler Studien. Doch nicht zu jeder Therapie liegen aussagekräftige Untersuchungen vor. Winfried Häuser hat deshalb gemeinsam mit Kollegen FMS-Patienten zu Nutzen und Schaden bestimmter Behandlungen befragt. Besonders hilfreich empfanden die Befragten Wärmeanwendungen, Thermalbäder und Schulungsprogramme zum FMS. Als schädlichste Therapie beziehungsweise mit besonders vielen unerwünschten Nebenwirkungen nannten sie Medikamente wie Opioide, Antiepileptika und Antidepressiva sowie die Kältetherapie.

Margit Settan von der DFV rät Patienten, sich regelmäßig mit anderen Betroffenen auszutauschen. "Wir haben Schmerzen, aber es sieht uns keiner an. In einer Gruppe bekommt man viele Informationen." Und man werde akzeptiert, ohne viel erklären zu müssen.

Carina Frey, dpa

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insgesamt 86 Beiträge
1. was hilft
geestland 03.01.2013
So gut wie nichts. .. Was in 90% der Fälle hilft ist die Andullationstherapie
So gut wie nichts. .. Was in 90% der Fälle hilft ist die Andullationstherapie
2. da wird vieles in einen Topf gesteckt...
andy69 03.01.2013
... ich hatte auch mal (angeblich) Fibromyalgie und war 2010 ganze 6 Wochen in einer Schmerzklinik. Hat mir schon gut getan - aber FM hatte ich nicht. Da die Schmerzen auch danach nicht weg waren, suchte ich weiter. Am Ende [...]
Zitat von sysopdapdDer Kopf schmerzt, der Bauch, der Arm, das Bein. Doch eine organische Ursache gibt es nicht. Menschen mit dem Fibromyalgiesyndrom hasten häufig jahrelang von einem Arzt zum nächsten, bis ihre Diagnose feststeht. Heilen lässt sich die Krankheit nicht. Sport kann aber helfen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/fibromyalgiesyndrom-ursachen-symptome-und-behandlung-a-875483.html
... ich hatte auch mal (angeblich) Fibromyalgie und war 2010 ganze 6 Wochen in einer Schmerzklinik. Hat mir schon gut getan - aber FM hatte ich nicht. Da die Schmerzen auch danach nicht weg waren, suchte ich weiter. Am Ende war es eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, vor allem gegen Weissmehl und Zusatzstoffe. Heute esse ich anders (u.a. glutenreduziert, aber nicht glutenfrei und ich verzichte auch Fertigprodukte wie BBQ Saucen etc) und es geht mir wieder gut. Nur wenn ich regelmässig sündige, kommen die Schmerzen wieder. Fazit: ich habe etliche FM´ler kennengelernt, aus meiner persönlichen Sicht wird da viel vermischt: Psychosomatische Probleme, echte Phantomschmerzen - aber eben auch ganz andere Dinge wie versteckte Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die oftmal gar nicht medizinisch nachweisbar sind. Deshalb rate ich jedem Betroffenen: nicht mit der Diagnose FM leben, sondern unbeirrt weiterforschen, vielleicht findet sich ja doch ein Grund, den man abstellen kann. PS: und noch was: die Diagnose "Lyme Borreliose" wird mittlerweile auch gerne von gewissen Leuten inflationär gestellt, wenn man nicht mehr weiter weiß!!!!!!!
3. Und wo bleibt die moderne Medizin
nageleisen 03.01.2013
In den Medien ist oftmals die Rede von der modernen Medizin. Wo ist diese zu finden? Ich selbst rannte 2,5 Jahre lang von Arzt zu Arzt. Alles Mögliche wurde "auf Verdacht" diagnostiziert. Fibromyalgie, Multiple [...]
In den Medien ist oftmals die Rede von der modernen Medizin. Wo ist diese zu finden? Ich selbst rannte 2,5 Jahre lang von Arzt zu Arzt. Alles Mögliche wurde "auf Verdacht" diagnostiziert. Fibromyalgie, Multiple Sklerose, CFS Am Ende wurde Neuro-Borreliose festgestellt. Von ärztlicher Seite wurde mir nicht geglaubt. Heilungsangebote seitens der Schulmedizin: Wir probieren es mal mit Antibiotika. Oh es wirkt bei Ihnen nicht. Tja, da haben Sie wohl Pech gehabt. Erst die Naturheilkunde hat die Bakterien in Ihre Schranken verwiesen. Hätte ich mich auf die Schulmedizin verlassen, so wäre ich heute nicht mehr. Zum dummen Titel (Sorry konnte mich nicht zurückhalten) sage ich folgendes: Vom nichts kommt nichts. UND AUS DEM NICHTS, KOMMT AUCH NICHTS. Das gilt auch für Krankheiten. Bloß weil die "modernen" Mediziner nicht zugeben möchten, dass sie keine Ahnung haben, erfindet man die Sätze "Aus dem Nichts". Ich selber hatte bei der Borreliose Schmerzen am ganzen Körper. Am Herzen, an den Gelenken, und im Gehirn, da es entzündet war. Sozusagen aus dem Nichts. Aber die Bakterien befallen die Organe und verursachen Schmerzen. Nach der Heilung waren die alle Schmerzen weg. Bei nahezu allen Autoimmunerkrankungen kennt man die Ursachen nicht. Es wird vermutet, gemutmaßt und angenommen. Aber WISSEN ist da nicht vorhanden. Heute halte ich von diesem ganzen GesundheitsUNwesen gar nichts. Nur in Fernsehen Talkshows gelingt der Medizin alles. Dort wissen sie alles und sie können alles. Im realen Leben heißt es: „Kommen Sie im nächsten Quartal wieder“. Ich hab zwar keine Ahnung was Sie haben. Interessiert mich im Grunde genommen auch nicht. Das sage ich natürlich nicht so offen. Der gemeine Arzt sagt in der Regel zu dem Patienten: Da nehmen Sie bitte diese Pillen ein und es wird alles wieder Gut. Und nicht vergessen. Kommen Sie im nächsten Quartal wieder vorbei. Dann werden wir weitersehen. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den privaten und den gkv-lern. Bei den privaten wird halt mehr abgerechnet. Das Ergebnis ist das gleiche. Einen Unterschied gibt es vielleicht. Mit den privaten Patienten verbringen sie mehr Zeit mit dem Schwätzle. Bedauerlicherweise wirk sich das nur ganz ganz gering auf die Heilung aus. So, fertig.
4. Kann nur zustimmen
Lisa_can_do 03.01.2013
Also einem Kommentar, nicht dem Bericht. Es fehlt bei Letzterem vor allem an einer sozialen und psychischen Diagnostik und dann erst an einer entsprechenden Therapie. Ja, es ist so , dass Fibromyalgie-Patienten oft soziale und [...]
Also einem Kommentar, nicht dem Bericht. Es fehlt bei Letzterem vor allem an einer sozialen und psychischen Diagnostik und dann erst an einer entsprechenden Therapie. Ja, es ist so , dass Fibromyalgie-Patienten oft soziale und psycho-somatische sowie psychische Indikationen haben. Mir steht es nicht zu, diese Menschen zu bewerten, aber signifikant ist in der Tat, dass wenig Leistungsbereitschaft und auch wenig Bereitschaft, etwas gegen die Erkrankung, vorausgesetzt die Klinik und Pathologie sind tatsächlich gegeben, zu tun - schon gar nicht Bewegung. Man wird als Arzt aber auch unter Druck gesetzt, 'irgendetwas' zu finden. Keine Erklärung und keine Diagnose wird von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Wenn doch so mancher Patient diese Vehemenz bei der Bekämpfung der Symptome aufbringen würde, wie sie so oft und vehement bei Ärzten landen.
5. Ich will mal hoffen...
artusdanielhoerfeld 03.01.2013
...dass Sie entgegen Ihrem Alias kein Arzt sind, denn sonst müsste man Ihnen sofort ein Berufsverbot erteilen! Wer derart arrogant, verächtlich und abwertend über andere Menschen urteilt, ist als pathogener Soziopath eine [...]
...dass Sie entgegen Ihrem Alias kein Arzt sind, denn sonst müsste man Ihnen sofort ein Berufsverbot erteilen! Wer derart arrogant, verächtlich und abwertend über andere Menschen urteilt, ist als pathogener Soziopath eine Gefahr für seine Umwelt!

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