04.01.2013
Personalisierte Medizin
Datenturbo für den Kampf gegen Krebs
Krebszelle (Computer-Illustration): Forscher setzen auf personalisierte Medizin
Es heißt, jemand verliere leichter die Furcht vor etwas, wenn er es erst einmal gesehen hat. Für die Anschauungsstunde zum Thema Krebs, wie sie in der Pathologie an der Berliner Charité möglich ist, gilt das nur bedingt. In einem der Räume hinter der roten Klinkerfassade bearbeiten Laboranten in weißen Kitteln Gewebeteile, die auf Plastikbrettchen liegen, es riecht beißend nach Konservierungsmittel. Mit einer Art Rasiermesser schneidet ein Mitarbeiter eine Niere auf - in ihr wucherte ein tennisballgroßer Zellhaufen so stark, dass er aus dem Organ quoll. Gleich am Tisch daneben liegt, scheibchenweise, eine Brust.
Die Arbeit des Teams ist aber durchaus das Hinschauen wert. In einem Projekt will die Charité Krebstherapie mit Computertechnologie verbinden, die bisher vor allem Firmen für ihr Rechnungswesen nutzen. Der erste Schritt ist die Laborarbeit.
Die Mitarbeiter markieren das Wachstum der Tumore mit verschiedenen Farben, um die Stadien der Ausbreitung zu kennzeichnen. "Das kommt alles direkt aus dem OP", erklärt Christian Regenbrecht, der die Projektgruppe mit leitet. Der Ansatzpunkt der Forscher: Tumor ist nicht gleich Tumor. Modernste Technik kann die Unterarten und ihre Ursachen immer genauer aufschlüsseln und so im Idealfall Therapieansätze verfeinern.
Nicht jeder Krebspatient profitiert von einer Chemo
"Der Schlüssel dazu liegt in der DNA", sagt Regenbrecht. So individuell wie das Erbgut bei jedem sei, so individuell könnten Therapien aussehen. Hierzulande gebe es etwa 60.000 neue Brustkrebsfälle pro Jahr. Nach einer OP bekämen die Erkrankten in der Regel Chemotherapien. "Aber nur etwa 40 Prozent profitieren davon auch im Nachhinein", sagt Regenbrecht. Der Rest leide an den Nebenwirkungen.
Mediziner arbeiten deshalb an der maßgeschneiderten Behandlung für jeden Patienten. Davon versprechen sie sich nicht nur eine bessere Wirkung. Im Idealfall erspart man sich unnötige Nebenwirkungen - und unnötige Kosten. In Deutschlands Gesundheitssystem mit der wachsenden Zahl alter Menschen ist auch das ein Treiber bei Projekten wie dem in der Charité. Eine Chemotherapie kann die Krankenkasse durchaus 100.000 Euro kosten.
An einem Schaubild einer Zelle erklärt der promovierte Biologe Regenbrecht, dass Standardtherapien wie die Chemo vieles über einen Kamm scherten und gleich den ganzen Körper belasteten. Mit Hilfe des Plakates verdeutlicht er die moderne Antikörpertherapie, die die Krebszellen direkt angreift. Das sei immer öfter möglich, denn das Entziffern des Erbguts werde günstiger und bei immer mehr Tumorarten wisse die Medizin, auf welche Mutationen in der DNA sie zurückzuführen sind.
Daten eines Krebskranken können ganze Festplatten füllen
Doch je genauer der Krebs eines Patienten analysiert werden kann, desto ausufernder werden die Datenfluten und Kombinationen diverser Behandlungsformen. Die Daten eines Krebskranken können ganze Festplatten füllen. Dort kommt die Verbindung des Projektes zur Computerwelt ins Spiel. Die Charité nutzt die Echtzeit-Technologie Hana vom Softwareriesen SAP, die riesige Datensätze blitzschnell im Arbeitsspeicher und nicht mehr auf Festplatten bewegt. Yodobashi, ein Handelsunternehmen in Japan, brauchte früher zur Berechnung von Treueprogrammen ganze drei Tage. Mit Hana sind es zwei Sekunden.
Dieser Zeitvorteil soll auch Medizinern helfen. Per Tablet-PC haben sie noch am Patientenbett in Sekundenschnelle Zugriff auf die Krankheitshistorie und zusätzlich auf relevante Studien etwa über Medikamentenwirksamkeit oder Therapieerfolge. "Im Alltag müssen Ärzte heute in Instituten anrufen, Akten und Präparate anfordern oder auf die Erreichbarkeit von Experten warten", sagt Regenbrecht. Die Zukunft könnte sein, dass Therapiedaten online global vereint sind.