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12.01.2013
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Ein rätselhafter Patient

Wasserglas des Grauens

Von
Corbis

Harmloses Wasser: Unwillkürliche Abwehr beim Anblick von Flüssigkeiten

Ein Mann kommt ins Krankenhaus, weil er Schwierigkeiten beim Trinken hat: Sieht er ein gefülltes Glas, muss er würgen. Die Angst vor Wasser ist so groß, dass er auch nicht mehr duschen kann. Kurz zuvor hatte der Patient sich noch gesund gefühlt - doch sein Zustand verschlechtert sich dramatisch.

Fünf Tage bevor er ins Krankenhaus kommt, fühlt sich der 63-jährige Mann noch gesund. Einen Tag später beginnt sein linker Ellbogen plötzlich zu schmerzen. Ein Schmerzmittel verschafft ihm Linderung. Dann kommen Beschwerden im rechten Arm hinzu, und er hat keinen Appetit mehr.

Tags darauf fällt ihm das Sprechen schwer. Und der Mann macht eine weitere merkwürdige Erfahrung: Will er ein Glas Wasser trinken, überkommt ihn ein Würgereiz. Er ringt nach Luft und kann das Wasser nicht herunterschlucken. Erst als er die Flüssigkeit ausspuckt, löst sich das Gefühl zu ersticken. Erneute Versuche, etwas zu trinken, bleiben erfolglos. Der Mann bekommt es mit der Angst zu tun.

Am Tag, bevor der Mann die Notaufnahme aufsucht, kann er schließlich nicht mehr duschen - die Angst vor dem Wasser ist zu groß. Das Sprechen fällt ihm immer schwerer, zusätzlich juckt es ihn im Nacken. Er fürchtet, einen Schlaganfall erlitten zu haben, und fährt in die Klinik.

Dort untersuchen ihn die Ärzte. Seine Körpertemperatur ist mit 37,8 Grad Celsius leicht erhöht, sein Puls ebenfalls (97 Schläge pro Minute). Der Blutdruck ist normal, aber er atmet angestrengt und schnell und ist ängstlich. Die Mediziner wollen ihren Patienten probeweise Wasser und Saft trinken lassen. Doch in dem Moment, in dem sich der Becher seinem Mund nähert, würgt der Mann. Beim Versuch, die Flüssigkeiten zu schlucken, muss er husten. Festes Essen dagegen bereitet ihm keine Schwierigkeiten.

Weiter in die nächste Klinik

Den Ärzten fällt ansonsten nichts Ungewöhnliches auf. Sie geben ihrem Patienten das Mittel Lorazepam, das seine Angst lösen soll und gleichzeitig beruhigend wirkt. Anschließend schicken sie ihn in das Massachusetts General Hospital, der Klinik der Harvard Medical School in Boston.

Dort angekommen wird der Patient von seinen Ärzten genau zu seiner Krankengeschichte befragt. Im Fachblatt "New England Journal of Medicine" berichten der Neurologe David Greer und seine Kollegen über ihren Patienten: An Fieber konnte dieser sich nicht erinnern, auch Magen-Darm-Beschwerden hatte er nicht. Er gab lediglich an, dass er sechs Monate zuvor von einem Insekt gebissen worden war. Ärzte hatten den infizierten Biss mit einem Antibiotikum behandelt. Außerdem litt er an Bluthochdruck, wogegen er ein Arzneimittel nahm und zusätzlich täglich ein niedrig dosiertes Aspirin schluckte, um einem Herzinfarkt vorzubeugen.

Gemeinsam mit seiner Frau lebt der Patient in einem alten Haus in einer abgelegenen Gegend Neuenglands an der US-Ostküste. An einen Tierbiss, nach dem die Ärzte ihn fragten, kann sich der Mann nicht erinnern. Auch die Bostoner Ärzte überprüfen ihren Patienten noch einmal gründlich. Ihnen fallen neue Symptome auf: Bei der neurologischen Untersuchung gibt es Hinweise auf Nervenschäden, er hat Schwierigkeiten beim Gehen und vernuschelt gelegentlich Worte.

Atemnot und Herzrasen

Am ersten Tag im Massachusetts General Hospital nimmt die Ängstlichkeit des Patienten zu. Die Alarmsignale der Überwachungsgeräte genügen, um ihn aufzuschrecken. Seine Furcht vor Flüssigkeiten wächst. Am frühen Morgen des zweiten Tages wird der Patient zunehmend unruhig, er wirkt verwirrt. Die Ärzte nehmen ihm aus dem Wirbelkanal Nervenwasser ab, um die - auch Liquor genannte - Flüssigkeit auf Veränderungen und Entzündungszeichen zu untersuchen.

Kurz nach der Liqourpunktion steigen Blutdruck und Herzfrequenz des Patienten dramatisch an, er atmet schnell, ein Messgerät zeigt jedoch an, dass sein Blut nur noch zu weniger als der Hälfte mit Sauerstoff gesättigt ist. Die Ärzte beobachten im EKG die Herzfrequenz von 150 Schlägen pro Minute, im nächsten Moment fällt die Frequenz auf normale 60 Schläge, um sodann wieder loszurasen. Mit Medikamenten können die Ärzte den Puls schließlich normalisieren. Sie müssen ihrem Patienten einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre legen und bringen ihn auf die Intensivstation.

Die Mediziner messen die Hirnströme des Patienten, die etwas verändert sind, im EEG. Anschließend lassen sie im Computer- und im Kernspintomografen Bilder vom Kopf des Mannes anfertigen. Auf den Bildern sind Veränderungen in der Nähe der mit Gehirnflüssigkeit gefüllten Hohlräume zu sehen.

Gefahr durch Fledermäuse

Auf der Suche nach der Ursache für die dramatische Entwicklung kommen mehrere Dinge in Frage: Die Bostoner Ärzte denken an eine bakterielle Infektion, zum Beispiel mit sogenannten Clostridien, die Tetanus auslösen können. Doch zum Wundstarrkrampf passt die Angst des Patienten nicht. Auch einen möglichen Alkoholentzug diskutieren die Ärzte. Doch es gibt keinen Hinweis, dass der Mann Alkoholiker ist. Am wahrscheinlichsten aber erscheint den Ärzten eine Virusinfektion, die einem Todesurteil gleichkäme: Tollwut.

Zwar kann der Patient sich nicht an einen Tierbiss erinnern. Doch obwohl die meisten Menschen bei Tollwut an Hunde oder Füchse denken, kann das tödliche Rabies-Virus auch von Fledermäusen übertragen werden. Die Symptome des Mannes passen zur sogenannten enzephalitischen Form der Tollwut: Ängstlichkeit, Appetitlosigkeit, Jucken an der Bisswunde, Krämpfe der Schlundmuskulatur - und Angst vor Wasser. Sowohl die Kernspinaufnahmen als auch die untersuchte Hirnflüssigkeit passen zur Diagnose Tollwut.

Schließlich kann sich die Frau des Patienten an eine Nacht wenige Monate zuvor erinnern, in der eine Fledermaus ins Schlafzimmer geflogen war. Diese muss den Mann gebissen haben, ohne dass er es bemerkt hat.

Für den Patienten kommt jede Hilfe zu spät. Gegen Tollwut gibt es keine wirksame Therapie. Bis auf einzelne Ausnahmen verläuft die Infektion innerhalb weniger Tage nach Symptombeginn tödlich. Zwar gibt es experimentelle Therapien - auch die Bostoner Ärzte versuchen, ihren Patienten mit einer solchen zu behandeln. Doch am 30. Tag seines Krankenhausaufenthaltes stirbt der Patient. Hätte er den Biss bemerkt, wäre sein Leben zu retten gewesen: Auch ohne eine vorherige Schutzimpfung kann der Ausbruch von Tollwut direkt nach einem Biss durch einen Impfstoff verhindert werden.

Forum

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insgesamt 96 Beiträge
1. kannit verstahn
cobaea 12.01.2013
Sorry - um es mit dem alemannischen Dieter Johann Peter Hebel zu sagen: kannit verstahn (kann ich nicht verstehen). Ohne Arzt zu sein: sobald in dem Text die plötzliche Wasserscheu des Patienten erwähnt wurde, hätte ich [...]
Zitat von sysopCorbisEin Mann kommt ins Krankenhaus, weil er Schwierigkeiten beim Trinken hat: Sieht er ein gefülltes Glas, muss er würgen. Die Angst vor Wasser ist so groß, dass er auch nicht mehr duschen kann. Kurz zuvor hatte der Patient sich noch gesund gefühlt - doch sein Zustand verschlechtert sich dramatisch. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/angst-vor-wasser-us-patient-stirbt-nach-fledermausbiss-a-876990.html
Sorry - um es mit dem alemannischen Dieter Johann Peter Hebel zu sagen: kannit verstahn (kann ich nicht verstehen). Ohne Arzt zu sein: sobald in dem Text die plötzliche Wasserscheu des Patienten erwähnt wurde, hätte ich jede Wette darauf abgeschlossen, dass der Mann Tollwut hatte. Das war das Erste, was wir bereits als Jugendliche zur Tollwuterkennung lernten: infizierte Tiere oder Menschen werden hochgradig wasserscheu. Aber vermutlich wäre diese Kontrolle für die behandelten Mediziner zu einfach gewesen. Abgesehen davon, hätte es dem Patienten auch nichts mehr genützt, hätten sie die Tollwut sofort erkannt.
2. langweilig, nicht rätselhaft
emma 12.01.2013
Nach dem ersten Satz brauchte man nicht mehr weiter zu lesen, Tollwut. Wie überaus spektakulär. Von der Abneigung gegen Wasser bei infizierten Tieren oder Menschen weiß doch jedes Kind.
Nach dem ersten Satz brauchte man nicht mehr weiter zu lesen, Tollwut. Wie überaus spektakulär. Von der Abneigung gegen Wasser bei infizierten Tieren oder Menschen weiß doch jedes Kind.
3. ...
Newspeak 12.01.2013
Faszinierend und unheimlich, oder? Wie ein Virus das Verhalten eines Menschen so verändern kann. Bei Wasserscheu habe ich ja sofort an Tollwut gedacht, aber ich hatte keine Ahnung, daß die Symptome doch so ausgeprägt sind, [...]
Faszinierend und unheimlich, oder? Wie ein Virus das Verhalten eines Menschen so verändern kann. Bei Wasserscheu habe ich ja sofort an Tollwut gedacht, aber ich hatte keine Ahnung, daß die Symptome doch so ausgeprägt sind, daß man Angst vor dem Duschen hat z.B. Was mich außerdem interessieren würde...woran stirbt man bei Tollwut genau? Ist das nicht vor allem eine Gehirnschwellung, ausgelöst durch die Immunreaktion. Ich habe mal irgendwo gelesen, daß es nicht die Virusvermehrung allein ist, die zum Zelltod führt, sondern daß man diese eigentlich überstehen können müsste.
4. Erstaunlich
abominog 12.01.2013
Wie kann man bereits bestehende Immunitäten eigentlich nachhaltig neutralisieren? Könnte der sogenannte "Aderlass" diesbezüglich hilfreich sein?
Wie kann man bereits bestehende Immunitäten eigentlich nachhaltig neutralisieren? Könnte der sogenannte "Aderlass" diesbezüglich hilfreich sein?
5. Ein tragisches Schicksat ...
recando 12.01.2013
aber will sich SPON wirklich den Journalismus des einzelfalls anschließen? Taglich sterben Menschen auf der Straße, weil sich die Autofahrer nicht im klaren sind wie gefährlich autofahren eigentlich ist ... Unnötiger [...]
aber will sich SPON wirklich den Journalismus des einzelfalls anschließen? Taglich sterben Menschen auf der Straße, weil sich die Autofahrer nicht im klaren sind wie gefährlich autofahren eigentlich ist ... Unnötiger Wahnsinn, eintragische Einzelfall, und in der Zeit in der ich den Kommentar geschrieben habe sind bestimmt etliche in Syrien gestorben ...

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Tollwut in Deutschland

Risiko
Tollwut verläuft beim Menschen fast immer tödlich.

In Deutschland besteht laut Robert Koch-Institut (RKI) keine Gefahr, sich bei einem Wildtier mit klassischen Tollwutviren anzustecken. Deutschland gilt seit 2008 als frei von klassischer Tollwut, seit 2006 wurde das Virus bei keinem Wirldtier in Deutschland mehr festgestellt.

Allerdings ist die Fledermaus-Tollwut, eine Virusvariante, auch in Deutschland noch verbreitet, auch Menschen können sich anstecken, in Europa gibt es bisher fünf dokumentierte Erkrankungen. Gefahr droht wie beim klassischen Tollwutvirus vor allem durch einen Biss, aber auch über Schleimhäute und infektiöse Körperflüssigkeiten.
Krankheitsverlauf
Zunächst sind die Symptome allgemein: Schwäche, Unwohlsein, Ängstlichkeit, Appetitlosigkeit. Die Bisswunde - der Biss selbst kann bei Fledermäusen unbemerkt bleiben - kann jucken.

Zwei bis zehn Tage später beginen die das Nervensystem betreffenden Beschwerden: Bei der enzephalitischen Form nehmen Unruhe und Angst zu, vor allem die Schlundmuskulatur krampft, die Patienten entwickeln die typische Wasserangst (Hydrophobie). Bei der paralytischen Form fallen vor allem Lähmungen der Hals- und Rachenmuskeln auf, die Reflexe des Patienten können nicht mehr ausgelöst werden.

Körperliche und mentale Funktionen des Patienten gehen unaufhaltsam verloren, er fällt ins Koma. Es kommt zu Atem- und Herzversagen und dem Ausfall lebenswichtiger Hirnzentren. Die Patienten sterben im Multiorgansversagen.
Vorbeugung
Es gibt eine Schutzimpfung vor Tollwut, die in Deutschland beruflich Gefährdeten und zum Beispiel ehrenamtlich mit Fledermäusen arbeitenden Menschen empfohlen wird und die gut verträglich ist. Auch für Reisen in Länder mit einer hohen Rate tollwutinfizierter Tiere wird die Impfung empfohlen.
Impfung nach einem Biss
Wird nach einem Biss unverzüglich mit einer Postexpositionsprophylaxe (PEP, Impfung nach dem eindringen des Erregers) begonnen, können fast alle Gebissenen gerettet werden. Die Patienten bekommen bei der PEP meistens vier Impfungen.
Nach dem Ausbruch von Symptomen ist eine Heilung der Tollwut nicht möglich. Es gibt experimentelle Heilversuche, die auf Erfahrungen mit einem 15-järhigen Mädchen beruhen, das 2005 eine Tollwutinfektion überlebt hat. Allerdings gibt es bis heute keine Hinweise, dass die nach diesem Fall entwickelte Therapie bei anderen Patienten funktioniert hätte.

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