Lade Daten...
15.01.2013
Schrift:
-
+

Studie zu Cannabiskonsum

Macht Kiffen dumm?

Von Irene Berres
AFP

Cannabispflanze: Die Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung sind umstritten

Die Studie sorgte im vergangenen Sommer für Aufsehen: Jahrelanger Konsum von Cannabis lässt angeblich den IQ sinken. Doch nun widerspricht ein norwegischer Forscher - er will in der Untersuchung methodische Fehler entdeckt haben.

Hamburg - Schadet Kiffen der Intelligenz? Wissenschaftler streiten über diese Frage seit Jahren. Ergebnisse von Tierversuchen hatten auf einen geistigen Verfall durch Cannabiskonsum hingewiesen, doch beim Menschen ließ sich dies nur schwer nachweisen. Dann, vergangenes Jahr, schien eine Studie dieser Diskussion ein für alle Mal ein Ende zu setzen.

Eine Forschergruppe um Terrie Moffit von der Duke University hatte 1037 Neuseeländer von ihrer Geburt an bis zu ihrem 38. Lebensjahr begleitet und dokumentiert, ob und wie exzessiv die Teilnehmer kifften - und welche Auswirkungen das für sie hatte. Das Fazit fiel eindeutig aus: Wer schon vor seinem 18. Lebensjahr regelmäßig Cannabis konsumiert (im Fall der Studie bedeutete das mehr als einmal pro Woche), schadet seiner Intelligenz. Etwa acht IQ-Punkte büßten die Betroffenen zwischen dem Alter von 13 und 38 Jahren ein, schrieben die Wissenschaftler im Fachblatt "PNAS".

Jetzt, etwa ein halbes Jahr später, ist ein weiterer Artikel eines norwegischen Forschers im Fachmagazin "PNAS" erschienen. Er wirft den Wissenschaftlern der neuseeländischen Studie vor, dass ihre Ergebnisse vollkommen verzerrt seien. Nicht der Cannabiskonsum, sondern der sozioökonomische Status der jugendlichen Konsumenten könnte für den Effekt verantwortlich sein, schreibt Ole Rogeberg vom Ragnar Frisch Centre for Economic Research in Oslo. Worauf stützt Rogeberg seine Kritik?

Der Ansatz der ersten Forschergruppe war aufwendig. Moffit und ihre Kollegen hatten eine Gruppe von mehr als tausend Personen über einen langen Zeitraum beobachtet. Dabei schlossen sie mehrere Faktoren aus, die sich ebenfalls auf die Intelligenz auswirken könnten. So sicherten sie beispielsweise ab, dass die Studienteilnehmer nicht alkoholabhängig oder schizophren waren.

Fehlt das Bindestück?

Dennoch hatte ihre Studie, wie alle Studien dieser Art, einen Haken: Sie konnte keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Cannabiskonsum und dem Intelligenzquotienten nachweisen, also keine direkte Wirkung im Gehirn, die einen Zusammenhang erklärt hätte. Fehlt dieses Bindestück, ist es immer auch möglich, dass nicht der Cannabiskonsum für den IQ-Verlust verantwortlich ist, sondern ein anderer Faktor, den die jugendlichen Kiffer gemein haben. Dass genau das der Fall ist, will Rosenberg jetzt nachgewiesen haben: Er führt den sozioökonomischen Status als eben jenen Faktor ins Feld.

Zwar hatten die Forscher der Cannabisstudie keine detaillierten Informationen zum sozioökonomischen Umfeld der Neuseeländer veröffentlicht, dazu gehören die Bildung, das Einkommen und die Berufstätigkeit. Aus den Daten anderer Studien, die ebenfalls auf der neuseeländischen Gruppe basierten, schloss Rogeberg allerdings, dass ein Cannabiskonsum in der Jugend vor allem bei Personen vorkommt, die aus einem ärmeren, weniger gebildeten Umfeld stammen. Sie, so Rogeberg, liefen auch eher Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln.

Basierend auf dieser Annahme entwickelte er eine alternative Erklärung für den schwankenden IQ: Mehrere Studien haben gezeigt, dass das Umfeld einen großen Einfluss auf den Intelligenzquotienten haben kann. Kinder aus bildungsfernen Familien profitieren dabei stärker von der Schule als Kinder aus bildungsstarken Familien. Ihr IQ steigt. Verlassen sie die Schule, werden sie wieder weniger gefordert. Dadurch kann, so Rogebergs Theorie, auch der Intelligenzquotient sinken. Die Kinder aus gutem Elternhaus hingegen bleiben in einem anspruchsvollen Umfeld, ihre Werte bleiben stabil.

"Die Methodik ist ziemlich fehlerhaft"

Dies könnte, so Rogebergs Theorie, eine Erklärung für die beobachteten Unterschiede im Intelligenzquotienten bei jugendlichen Kiffern sein. Mit einer mathematischen Simulation, die er auf die Daten der Neuseeländischen Gruppe aufbaute, untermauerte er seine Argumentation. "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der kausale Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum in der Jugend und dem Intelligenzquotienten in der Studie mindestens überschätzt wurde und die tatsächlichen Effekte vielleicht sogar gegen null gehen könnten", schreibt Rogeberg. Man würde zwar zu weit gehen, wenn man die Ergebnisse diskreditieren wollte, schreibt er weiter. "Aber die Methodik ist ziemlich fehlerhaft."

Das Team um Moffitt erfuhr von diesen Vorwürfen weder durch Rogeberg noch durch das Fachmagazin "PNAS". Aufmerksam wurde Moffitt erst, als ein Journalist sie vor einer Woche zu der Kritik befragen wollte. In einem Statement hat sie nun wiederum das Vorgehen Rogebergs zerpflückt: Seine Ideen seien zwar interessant, basierten aber nur auf Simulationen.

Moffitt und ihre Gruppe berufen sich auf die Daten von mehr als tausend Personen, die Rogebergs Thesen nicht stützen. Nur ein kleiner Teil der untersuchten jugendlichen Kiffer (23 Prozent) stamme aus Familien, bei denen die Geldverdiener eher niedrigqualifizierten Arbeiten wie dem Verpacken von Nahrungsmitteln nachgingen. Zudem zeige die Langzeitauswertung, dass die IQ-Werte von Kindern niedrigerer Schichten generell stabil blieben.

"Schon bevor wir unsere Studie im vergangenen Jahr geschrieben haben, wussten wir, dass Cannabiskonsum in der Jugend nicht mit dem sozioökonomischen Status verbunden ist", erklärt Moffit. "In den USA und Großbritannien konsumieren junge Menschen aller sozialen und ökonomischen Schichten Cannabis, der Konsum beschränkt sich nicht auf die Armen." Dies sei allgemein bekannt und treffe auch auf die Versuchsgruppe in Neuseeland zu.

Der Streit über die Intelligenz von Kiffern dürfte noch nicht beendet sein.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 198 Beiträge
1.
neu_ab 15.01.2013
Ob es dumm macht, bezweifle ich mal. Aber es macht gleichgültig. Das ist mir aber egal...
Ob es dumm macht, bezweifle ich mal. Aber es macht gleichgültig. Das ist mir aber egal...
2.
twan 15.01.2013
Und darauf erst einmal einen Johnny.
Zitat von sysopDie Studie sorgte im vergangenen Sommer für Aufsehen: Jahrelanger Cannabis-Konsum lässt angeblich den IQ sinken. Doch nun widerspricht ein norwegischer Forscher - er will in der Untersuchung methodische Fehler entdeckt haben. Kiffen und Intelligenz: Forscher streiten über Cannabis-Wirkung auf IQ - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kiffen-und-intelligenz-forscher-streiten-ueber-cannabis-wirkung-auf-iq-a-877475.html)
Und darauf erst einmal einen Johnny.
3.
rroggenbrot 15.01.2013
Naja, was man an Fähigkeit, mathematische Aufgaben zu lösen wie sie IQ-Tests beinhalten einbüßt, gewinnt man an Denkvermögen dazu. Zusammenhänge werden leichter erkannt und Verhalten oder Situationen aus allen möglichen [...]
Naja, was man an Fähigkeit, mathematische Aufgaben zu lösen wie sie IQ-Tests beinhalten einbüßt, gewinnt man an Denkvermögen dazu. Zusammenhänge werden leichter erkannt und Verhalten oder Situationen aus allen möglichen Blickwinkeln betrachtet, nicht nur dem eigenen.
4.
silberstern 15.01.2013
Da Rauchen bereits die Nervenzellen schädigt und Hasch in aller Regel unter Beimischung von Tabak ohne jegliche Filter geraucht wird dürfte das bereits ausreichen, um eine Wirkung auf das Denkvermögen nachweisen zu können.
Da Rauchen bereits die Nervenzellen schädigt und Hasch in aller Regel unter Beimischung von Tabak ohne jegliche Filter geraucht wird dürfte das bereits ausreichen, um eine Wirkung auf das Denkvermögen nachweisen zu können.
5. Interessante Diskussion ....
spon-facebook-1378976258 15.01.2013
über etwas, wovon diejenigen die denken sie wissen worüber sie spreche, keinerlei Relevanz haben. Mal was wirklich relevantes hierzu, ein kleiner, aber feiner, auszug aus dem offiziellen englischen Bericht: S.20 Abs.#3 [...]
über etwas, wovon diejenigen die denken sie wissen worüber sie spreche, keinerlei Relevanz haben. Mal was wirklich relevantes hierzu, ein kleiner, aber feiner, auszug aus dem offiziellen englischen Bericht: S.20 Abs.#3 Cannabis - das gutartige Kraut Die offiziellen Empirischen Studien, welche die tatsächliche Verwendung von Cannabis untersuchten und analysierten, lassen folgende Schlüsse zu: 1) die Verwendung von Cannabis hat keinerlei negative Auswirkungen auf die psychische oder physische Gesundheit: Cannabis ist harmlos; 2) die Verwendung von Cannabis verursacht keinerlei Beeinträchtigung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten: Cannabis ist sicher; 3) Moderne Medizinische Fallstudien belegen gar das Cannabis zahlreiche positive Auswirkungen auf die Gesundheit im Allgemeinen hat: Cannabis ist gutartig. ... so, wo liegt nun eigentlich das Problem, hm? Im Original nachzulesen: THE REPORT. CANNABIS: THE FACTS, HUMAN RIGHTS AND THE LAW ISBN 9781902848204.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Video

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Cannabis
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten