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16.01.2013
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Noroviren

"Der perfekte Erreger"

CDC/ Charles D. Humphrey

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Noroviren: Das Virus überträgt sich sehr leicht

Experten fürchten eine schwere Noroviren-Welle für diesen Winter. Ernst Tabori, Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg, erklärt, welche Verbreitungsstrategie die Viren verfolgen, wie man sich davor schützt und wie man Kranke pflegt, ohne sich selbst anzustecken.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das Norovirus so ansteckend?

Tabori: Schon 10-100 Virus-Partikel reichen aus, um sich zu infizieren, und bei jedem Durchfall oder Erbrechen eines Erkrankten werden Billionen ausgeschieden. In einem Gramm Stuhl wurden eine Milliarde Erreger nachgewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie steckt man sich an?

Tabori: Viren gelangen durch das Erbrechen oder den Durchfall auf die Hände oder auf Oberflächen. Durch Berührung gelangen sie dann auf die Hände eines bisher Gesunden, der sie sich in den Mund schmiert.

SPIEGEL ONLINE: Ist auch eine Ansteckung über die Luft möglich?

Tabori: Die Noroviren, die den Menschen infizieren, lassen sich schlecht untersuchen, weil sie sich im Labor nicht vermehren. Es gibt aber gute Hinweise, dass sie über die Luft übertragen werden - wenn beim Erbrechen virushaltige Aerosole, also kleinste Tröpfchen, in die Luft geschleudert werden. Die können dann Oberflächen kontaminieren oder direkt über den Mund in den Verdauungstrakt gelangen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich auch anstecken, wenn ein mit Noroviren Infizierter einem gegenüber in der U-Bahn sitzt?

Tabori: Die Wahrscheinlichkeit ist ohne direkten Kontakt gering, sie steigt aber, wenn dieser Mensch einen Griff angefasst hat, den Sie danach berühren. Das Norovirus ist sehr stabil. In einem Flugzeug hatte ein Mann eine Norovirus-Infektion. Er musste sich übergeben. Danach wurde der Platz den Vorschriften gemäß gesäubert - und noch eine Woche später haben sich Menschen, die dort oder um den Platz herum saßen, infiziert. Das Norovirus kann sich also selbst auf trockenen Oberflächen bis zu zwei Wochen halten. Es übersteht Temperaturen von minus 20 bis plus 60 Grad Celsius. Man nennt das Virus auch den perfekten Erreger.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ja schrecklich - wie kann man sich schützen?

Tabori: Wie immer durch regelmäßiges und gründliches Händewaschen. Für denjenigen, der mit Infizierten Kontakt hat oder sogar im gleichen Haushalt lebt, ist das gründliche Händewaschen mit Wasser und Seife ganz wichtig. In der Akutphase erscheint es sinnvoll, zusätzlich ein alkoholhaltiges Hände-Desinfektionsmittel zu benutzen. Ebenso der Erkrankte - und wenn möglich sollte er in dieser Zeit eine separate Toilette benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man einem Infizierten helfen, am besten mit Mundschutz?

Tabori: Problematisch kann ein heftiger Brech-Durchfall aufgrund des Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes für Kleinkinder, ältere Menschen, Abwehrgeschwächte und Menschen mit chronischen Krankheiten werden; sie müssen unter Umständen auch stationär behandelt werden. Ansonsten gesunde Menschen brauchen keine intensive Pflege und können ihren Flüssigkeitsverlust durch Trinken ausgleichen. Nach zwei Tagen sind in der Regel die Symptome verschwunden und nach weiteren 48 beschwerdefreien Stunden kann man auch wieder arbeiten gehen. Ein Mundschutz wird bei sehr engem Kontakt bei der Pflege im Krankenhaus getragen. In der häuslichen Umgebung kann man auf ihn verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es den Hygienikern egal, wenn normale Menschen sich infizieren, Hauptsache, das medizinische Personal ist geschützt?

Tabori: Nein, es ist uns nicht egal. Aber der Mundschutz wird nur bei der intensiven, also sehr engen Pflege eingesetzt. Auch im Krankenhaus benutzt man keinen Mundschutz, wenn man sich mit dem Patienten nur unterhält oder ihm etwas bringt. Die Infektion findet wirklich in erster Linie über den Kontakt (Fläche-Hand-Mund) statt. Und Aerosole sind so klein, dass der klassische Mundschutz sie nicht abfiltert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Erkrankte nicht mehr infektiös, wenn die Symptome verschwunden sind?

Tabori: Erkrankte sollen während der Akutphase und für etwa weitere zwei Wochen peinlich genau auf ihre Händehygiene vor allem nach dem Toilettengang achten, da sie in dieser Phase noch Viren ausscheiden. Die Ansteckungsgefahr sinkt deutlich, wenn der Brechdurchfall vorbei ist - sofern die Hygieneregeln konsequent eingehalten werden.

SPIEGEL ONLINE: Was macht man mit der kontaminierten Wohnung?

Tabori: Viren an der Kleidung und Wäschestücken werden durch einen Waschgang mit einem Vollwaschmittel bei 60° C ausreichend inaktiviert. Das Geschirr kann wie üblich im Geschirrspüler gereinigt werden. Mit Stuhl oder Erbrochenem verschmutzte Oberflächen müssen, am besten mit Einweghandschuhen und mit Einwegtüchern gereinigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet man eine Lebensmittelvergiftung von einer Norovirus-Infektion?

Tabori: Im Labor. Aber auch ohne eine solche Untersuchung kann man eine Vermutung äußern: Norovirus-Infektionen treten im Herbst und Winter zehnmal häufiger auf als im Sommer. Die Viren werden von Mensch zu Mensch übertragen. Sie können zwar auch über kontaminierte Speisen übertragen werden, wie uns die Tiefkühlerdbeeren aus China leider sehr eindrücklich gezeigt haben. Sie vermehren sich allerdings im Gegensatz zu Bakterien wie Salmonellen nicht in den Speisen. Lebensmittelvergiftungen werden durch Bakterientoxine verursacht. Sie sind im Sommer häufiger, weil sich die Bakterien in Lebensmitteln stark vermehren müssen und das funktioniert bei hohen Außentemperaturen besser. Eine Lebensmittelvergiftung ist nicht ansteckend und macht länger Beschwerden, als ein Norovirus-Infekt. Das flächenbrandmäßige Auftreten von Brechdurchfällen zwischen November und März ist typisch für Noro.

SPIEGEL ONLINE: Erst seit wenigen Jahren hört man oft von diesen Viren - haben sich da in kurzer Zeit neue Superviren entwickelt?

Tabori: Nein, es handelt sich um die gleichen Erreger, die schon seit vielen Jahren Magendarm-Infektionen verursachen. Nur der Name Noro ist neu. Er geht zurück auf die Erstbeschreibung eines Ausbruchs 1968 in Norwalk im US-Bundesstaat Ohio.

In einer früheren Version des Artikels stand, dass der Name Noro auf einen Ausbruch in Norfolk zurückgeht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Das Interview führte Frederik Jötten

Forum

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insgesamt 20 Beiträge
1. Ansteckung bei Noro-Viren
wolfon1 16.01.2013
Haufig übersehene Infektionsquellen sind Türgriffe, Griffe an Einkaufswagen und Geld (Münzen und Scheine).
Haufig übersehene Infektionsquellen sind Türgriffe, Griffe an Einkaufswagen und Geld (Münzen und Scheine).
2. Unterschied zu anderen Magen-Darm-Erkrankungen
DianaSimon 17.01.2013
Ich hatte vor einigen Monaten auch diese Erkrankung (Selbstdiagnose). Der Unterschied zu anderen Magen-Darm-Verstimmungen ist folgender: ist bei einer anderen Erkrankung der Magen leer, hört das Erbrechen auf. Das ist beim [...]
Ich hatte vor einigen Monaten auch diese Erkrankung (Selbstdiagnose). Der Unterschied zu anderen Magen-Darm-Verstimmungen ist folgender: ist bei einer anderen Erkrankung der Magen leer, hört das Erbrechen auf. Das ist beim Norovirus nicht so. Der Brechreiz kommt in regelmäßigen Abständen und das Erbrechen ist noch unangenhmer mit leerem Magen. Dasselbe gilt für den Darm. Zum Glück ist es bald wieder vorbei. Sollte die Krankheit allerdings in meiner Gegend grassieren, bliebe ich mit Sicherheit zu Hause undf würde mich von meinen Vorräten ernähren. Sollte ich das Haus verlassen müssen, dann mit Mundschutz und Einweghandschuhen.
3. Noroviren kommen aus dem Wasserwerk
wilfriedsoddemann 17.01.2013
Norovirus-Infektionen mit heftigem Brechdurchfall werden allein durch Fäkalien entweder in Lebensmitteln oder im Trinkwasser ausgelöst, bevor sie sekundär übertragen werden können, besonders augenfällig in Krankenhäusern, [...]
Norovirus-Infektionen mit heftigem Brechdurchfall werden allein durch Fäkalien entweder in Lebensmitteln oder im Trinkwasser ausgelöst, bevor sie sekundär übertragen werden können, besonders augenfällig in Krankenhäusern, Altenheimen, Schulen oder Kindergärten. In unseren Gewässern, auch im Grundwasser, kommen Viren vor. Wasserwerke können Viren regelmäßig nicht filtern. Kaltes Wasser konserviert ansteckende Viren. Offensichtlich folgen die Norovirus-Infektionen jedes Jahr streng dem Verlauf der Kälte im Wasser und in den Wasserleitungen. Unsere Lebensmittel haben das ganze Jahr über in etwa die gleiche Temperatur. Das Trinkwasser nicht. Es hat sein Temperaturminimum im Februar/März. Also muss das Trinkwasser die Norovirus-Infektionen auslösen! Unsere Wasserwerke müssen so nachgerüstet werden, dass auch Viren abgefiltert werden. Dipl.-Ing. Wilfried Soddemann soddemann-aachen@t-online.de http://sites.google.com/site/trinkwasservirenalarm/Trinkwasser-Viren
4. So ein Quatsch!
Mardor 17.01.2013
"Also muss das Trinkwasser die Norovirus-Infektionen auslösen!" Der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität sollte eigentlich auch einem Ingenieur bekannt sein. Zeigen Sie uns den PCR-Nachweis von [...]
Zitat von wilfriedsoddemannNorovirus-Infektionen mit heftigem Brechdurchfall werden allein durch Fäkalien entweder in Lebensmitteln oder im Trinkwasser ausgelöst, bevor sie sekundär übertragen werden können, besonders augenfällig in Krankenhäusern, Altenheimen...
"Also muss das Trinkwasser die Norovirus-Infektionen auslösen!" Der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität sollte eigentlich auch einem Ingenieur bekannt sein. Zeigen Sie uns den PCR-Nachweis von Noroviren im Trinkwasser, bevor Sie einen solchen Kokolores verbreiten!
5. 'Das ist ja schrecklich'
rst2010 17.01.2013
sehr distanziert....lol andere würden diese eigenschaften faszinierend nennen...
sehr distanziert....lol andere würden diese eigenschaften faszinierend nennen...

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