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24.01.2013
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Stiftung Warentest

Schlaumacher für Kinder wirken nicht

Sie sollen aus normalen Kindern Schlaumeier machen: Nahrungsergänzungsmittel werden mit ihrer angeblich günstigen Wirkung auf das Gehirn beworben. Tatsächlich ist dieser Nutzen aber nicht belegt. Die Stiftung hält zwölf untersuchte Mittel für "wenig geeignet".

"So kauen die Schlauen", steht auf einer Packung. Ein anderes Präparat soll den "Gehirn-Motor schmieren". Ein Drittes wird als "Klugstoff" angepriesen. Nahrungsergänzungsmittel sollen Kindern die Konzentration und das Lernen erleichtern, so die Werbebotschaften. Aber Stiftung Warentest urteilt jetzt: Die Versprechen halten kann keines der Mittel.

Für ihre Untersuchung hatten die Tester zwölf Produkte ausgewählt, die das Kindergehirn positiv beeinflussen sollen. Sieben davon richten sich als Nahrungsergänzungsmittel an gesunde Kinder. Fünf sind speziell für Kinder mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS konzipiert. Mit Hilfe aktueller wissenschaftlicher Studien versuchten die Prüfer, die auf den Packungen und in den Beilagen versprochenen Wirkungen zu belegen. Ihr Fazit war eindeutig: Bei keinem der Mittel ließen sich die Versprechen wissenschaftlich untermauern. Alle zwölf Präparate schnitten im Test als "wenig geeignet" ab.

Omega-3-Fettsäuren: Wichtig für das Gehirn

Die meisten der Präparate machen schon auf der Verpackung deutlich, dass sie für Kinder sind. Auf dem Produkt "Addy Plus Junior" ist ein springender Delfin zu sehen, bei "OM3 junior" schmückt ein glücklich lächelnder Zeichentrick-Fisch die Packung, auch die "Omega-3 Junior"-Tabletten von Doppelherz zieren kleine Fische und ein Krebs.

Grund für die Aufmachung sind die Inhaltsstoffe: Elf der zwölf untersuchten Mittel stützen ihre Wirkung auf Omega-3-Fettsäuren aus Seefisch, manche enthalten zudem Omega-6-Fettsäuren aus Pflanzen sowie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Für eine kinderfreundliche Einnahme versprechen die Hersteller "Softpastillen", "Gel-Tabs" oder auch "Kapseln zum Kauen". Manche der Tabletten sollen trotz ihres fischigen Inhalts fruchtig, nach Orange oder Zitrone schmecken.

Zumindest der Ansatz der Kapselproduzenten beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen: Das Gehirn braucht Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren aus der Nahrung. Auch gibt es Hinweise darauf, dass ein Mangel an diesen Fettsäuren das Risiko für ADHS steigern kann. Allerdings existieren bisher keine Studien, die belegen können, dass Nahrungsergänzungsmittel mit den Fettsäuren einen Nutzen für Kinderhirne, für Aufmerksamkeit oder Lernfähigkeit besitzen.

Studien mit Kindern ohne eine ärztliche ADHS-Diagnose

Zwar haben ein paar Studien versucht, die Wirkung der mit Nahrungsergänzungsmitteln eingenommenen Omega-3-Fettsäuren auf ADHS-Patienten zu ermitteln. Die meisten Erhebungen wiesen allerdings erhebliche Mängel auf, schreiben die Autoren von Stiftung Warentest. Manche der Untersuchungen basierten auf viel zu wenigen Kindern, um ein allgemeingültiges Ergebnis zu erzielen. Bei anderen hatten die teilnehmenden Kinder ihre ADHS-Diagnose nicht von einem Arzt erhalten. Wieder andere Untersuchungen zeigten schlicht, dass die Nahrungsergänzungsmittel keine oder nur so geringe Effekte haben, dass ihre Einnahme nicht zu empfehlen ist.

Ähnlich war die Studienlage auch bei gesunden Kindern, schreiben die Prüfer von Stiftung Warentest. Aufgrund der schwachen Studienlage scheuen sich medizinische Fachgesellschaften, die Mittel zu empfehlen. Auch die angesehene Cochrane Collaboration kam bei einer Aus- und Bewertung der Studien zu Omega-3-Fettsäuren und der Gehirnleistung von Kindern 2012 zu dem Schluss, dass die Mittel nicht zu empfehlen sind - zumindest dann nicht, wenn man vom aktuellen Wissensstand ausgeht.

Als einziges Mittel ohne Omega-3-Fettsäuren analysierten die Tester den Rotbäckchen-Saft "Lernstark" "mit Eisen und Vitamin-B-Komplex zur Unterstützung der Konzentrationsfähigkeit". Auch hier fiel das Urteil negativ aus. Laut der Eskimo-Studie zur Kinderernährung des Robert Koch-Instituts nehmen deutsche Kinder über ihre Nahrung von den Stoffen meist schon genug auf. Mit Vitamin B sind viele sogar überversorgt.

Verbotene Werbung: Slogans eigentlich nicht mehr zulässig

Nahrungsergänzungsmittel müssen im Gegensatz zu Medikamenten keine streng geregelten Studien zur Sicherheit und Wirksamkeit durchlaufen. Um die Verbraucher zu schützen, darf laut der europäischen Health-Claim-Verordnung allerdings nur noch als Werbe-Slogan genutzt werden, was wissenschaftlich nachgewiesen ist. Insgesamt 222 Werbebotschaften bewertete die Behörde als zulässig, eine positive Wirkung von Omega-Fettsäuren auf die geistige Entwicklung fand sich laut den Testern nicht darunter.

Theoretisch dürften die Hersteller der Nahrungsergänzungsmittel demnach seit dem 14. Dezember 2012 nicht mehr mit einer Wirkung auf Aufmerksamkeit und Konzentration werben. Bei Stichproben am 14. Dezember fanden die Mitarbeiter von Stiftung Warentest die gesundheitsbezogenen Aussagen allerdings noch auf den Produkten. Dabei ist unklar, ob die Hersteller die Verordnung nicht befolgen oder die Händler alte Produkte im Sortiment hatten.

Mit ihrer Werbung sprechen die Hersteller besonders besorgte Eltern an - und nutzen einen Trend: Experten warnen seit längerem, dass immer mehr unruhige Kinder die Modediagnose ADHS gestellt bekommen. Neben den USA sind auch in Deutschland die Fallzahlen in den letzten Jahren rapide angestiegen. Statt unruhigen Kindern Nahrungsergänzungsmittel zu geben, sollten die Eltern sie lieber an der frischen Luft toben lassen, raten die Autoren von Stiftung Warentest.

Auch der tägliche Bedarf an Omega-3-Fettsäuren lässt sich bei Kindern decken, wenn sie ein- bis zweimal die Woche fettigen Seefisch wie Makrele, Lachs oder Hering essen. Bei Kindern, die keinen Fisch mögen, lassen sich die positiven Fettsäuren auch in Form von Leinöl und Rapsöl oder mit ein paar Walnüssen am Tag unterjubeln.

irb

Forum

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insgesamt 27 Beiträge
1. Wußte gar nicht...
fatherted98 24.01.2013
...das es so einen Müll zu kaufen gibt.....wow...
...das es so einen Müll zu kaufen gibt.....wow...
2. Lebertran
agua 24.01.2013
faellt mir da spontan zu ein.Den gab es als wir Kinder waren.Einen Loeffel aus der Tube.Ich erinnere an zwei Varianten:Einer weiss und fischig schmeckend,der andere gelb und zitronig(wir Kinder bevorzugten natuerlich [...]
faellt mir da spontan zu ein.Den gab es als wir Kinder waren.Einen Loeffel aus der Tube.Ich erinnere an zwei Varianten:Einer weiss und fischig schmeckend,der andere gelb und zitronig(wir Kinder bevorzugten natuerlich letzteren)Eltern wollen eben immer nur das Beste fuer ihre Kinder(im Normalfall)und leider nutzt die Lebensmittelindustrie dies heute schamlos aus.
3. TV weglassen...
tulius-rex 24.01.2013
TV weglassen, PC-Spiele/Play-Station weglassen, Cola und Zuckersäfte weglassen, Frucht-Zwerge etc. weglassen, Chips/Majo/Ketchup weglassen. Die Hauptverdummer haben Sie auf diese Weise abgestellt und viel Geld gespart. Jeden [...]
TV weglassen, PC-Spiele/Play-Station weglassen, Cola und Zuckersäfte weglassen, Frucht-Zwerge etc. weglassen, Chips/Majo/Ketchup weglassen. Die Hauptverdummer haben Sie auf diese Weise abgestellt und viel Geld gespart. Jeden Tag eine Stunde gute Literatur vorlesen, zusammen ein gutes Spiel spielen, miteinander sprechen und singen, ab und zu zusammen ins Kino gehen, Gemüse/Obst essen, ausreichend gut und ruhig schlafen. Dann haben Sie das Optimum fürs Kind getan. Alles andere ist Werbe- und Psychoquatschverdummung.
4. ... nicht nur für Kinder
SysCrit 24.01.2013
Mir, erwachsen (48) wurde Addy Plus von einer 'Heilerin' als Mittel gegen meinen chronischen Dauer-Augen/Kopfschmerz empfohlen. Auch im Beipackzettel wird auf die positive Wirkung gerade für die Augen hingewiesen. Nicht, dass das [...]
Mir, erwachsen (48) wurde Addy Plus von einer 'Heilerin' als Mittel gegen meinen chronischen Dauer-Augen/Kopfschmerz empfohlen. Auch im Beipackzettel wird auf die positive Wirkung gerade für die Augen hingewiesen. Nicht, dass das 'Bild' schärfer würde, aber meine (unnatürlich frühe) Ermüdung der Augen hat stark nachgelassen seit ich Addy-Plus einnehme. Mit anderen Omega-3-Produkten funktioniert das nicht. Ich nehme an, die medizinische Forschung hat noch zu wenig Kenntnis über die Wirkweise der Inhaltstoffe dieser Produkte und es ist einmal mehr ein Stochern im Trüben und ausprobieren. Es scheint eine bestimmte Dosis einer bestimmten Kombination von Wirkstoffen zu sein, die zum Schlüssel zur Wirksamkeit wird. Für wen oder welches Kind wieviel lässt sich so nicht im voraus verallgemeinern. Die Gesundheitsbehörden sollten warnen, wenn es schädliche Nebenwirkungen zu befürchten gäbe aber ansonsten der Neugier und Experimentierfreude der Anwender keine Grenzen setzen. Jedes Kind, das weniger leidet, jeder Patient dem es subjektiv besser geht ist Existenz-Berechtigung genug für ein Produkt.
5. Mo2
Mo2 24.01.2013
Dann sind also die zahlreichen hochbegabten Kinder (wenn man Eltern so reden hört...) ausschließlich mit den hyperschlauen Genen ihrer Erzeuger zu erklären. Na dann...
Dann sind also die zahlreichen hochbegabten Kinder (wenn man Eltern so reden hört...) ausschließlich mit den hyperschlauen Genen ihrer Erzeuger zu erklären. Na dann...

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