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24.01.2013
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Pflege

Hilfe für die Helfer

Corbis

Hilfe im Alltag: Pflegende beginnen ihre Arbeit oft hochmotiviert, doch nach einiger Zeit setzt Erschöpfung ein.

Die Pflege für Angehörige zu übernehmen, ist kräftezehrend. Unterstützung finden Betroffene oft nur, wenn es ums Ausfüllen von Formularen oder das Beantragen von Geldern geht. Noch nötiger hätten sie manchmal aber jemanden, der ihnen einfach nur zuhört.

Berlin - Angehörige zu pflegen, ist ein Knochenjob. Und er zehrt an den Nerven. Manchmal zieht er sich über lange Zeit hin, im Durchschnitt sind es rund acht Jahre, die Angehörige pflegen. Sie stehen nachts auf, wenn der Pflegebedürftige ruft, reichen Essen an, helfen beim Anziehen und Waschen. Dabei müssen sie mitansehen, wie der geliebte Mensch immer mehr abbaut. All das kann enorm belasten.

Pflegende Angehörige benötigen Unterstützung. Vor allem aber brauchen sie jemanden, der ihnen zuhört. Tatsächlich engagieren sich Ehrenamtliche in Freiwilligeninitiativen und Kirchengemeinden, die pflegende Angehörige besuchen und mit ihnen reden. Daneben gibt es weitere Angebote, an die sich Pflegende wenden können: Pflegebegleiter, Beratungstelefone und sogar eine Online-Beratung.

"Wir gehen davon aus, dass pflegende Angehörige sehr viel leisten müssen und oft keine Möglichkeit haben, Unterstützungsangebote wahrzunehmen", sagt Elisabeth Bubolz-Lutz vom Forschungsinstitut Geragogik in Witten. Im Wirrwarr der verschiedenen Beratungs- und Hilfsangebote hätten sie schlicht nicht die Zeit, "von Pontius zu Pilatus zu laufen, um irgendwelche Informationen zu sammeln". Also pflegten sie weiter alleine, bis sie irgendwann am Ende ihrer Kräfte sind.

Zwischen Versagensängsten und fehlender Wertschätzung

Um das zu ändern, hat Bubolz-Lutz ein Projekt gestartet, aus dem sich das bundesweite Netzwerk pflegeBegleitung entwickelt hat. Die ehrenamtlich arbeitenden Pflegebegleiter bieten aber keine Dienstleistungen an, wie etwa eine stundenweise Betreuung von Pflegebedürftigen. Sie verstehen sich als Vermittler. Sie wollen Pflegenden Mut machen, aus der Isolation der häuslichen Pflege herauszukommen und Hilfe von außen anzunehmen. Denn das ist gar nicht so einfach.

Manche Menschen haben das Gefühl, die Pflege ganz allein stemmen zu müssen. Andere glauben, dass sie versagt haben, wenn sie Hilfe holen. Sie brauchen jemanden, der mit ihnen redet und ihre Arbeit wertschätzt. Genau das leisten die Pflegebegleiter.

Das Projekt wurde im Jahr 2002 ins Leben gerufen. Inzwischen haben sich 2500 Ehrenamtliche zu Pflegebegleitern ausbilden lassen. Sie kooperieren häufig mit Sozialstationen oder Wohlfahrtsverbänden, sind aber unabhängig. Die meisten haben in der Vergangenheit selbst gepflegt - als professionelle Pflegekräfte oder Angehörige. Sie wissen daher gut, vor welchen Herausforderungen Betroffene stehen.

Wie die Begleitung abläuft, entscheiden die Hilfesuchenden selbst. Sie können den Pflegebegleiter treffen oder mit ihm telefonieren. Manche wollen erstmal nur erzählen, andere haben konkrete Fragen. Die Pflegebegleitung kann nach zwei, drei Treffen zu Ende sein oder sich über Monate erstrecken. Sie ist für die Angehörigen immer kostenlos.

Sich kümmern bis zur totalen Erschöpfung

Wer bei Problemen in der Pflege dringend jemanden zum Reden braucht, kann sich auch an die Beratungs- und Krisentelefone für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen wenden. Sie werden von Wohlfahrts- und Sozialverbänden, Verbraucherzentralen und Vereinen getragen. Manche beraten vor allem zu Konflikten in Heimen, andere zur häuslichen Pflege.

Denn trotz aller guten Vorsätze kann es bei der Pflege zu Hause zu Streit und Krisen kommen. "Viele Menschen übernehmen die Pflege hochmotiviert. Sie möchten ihren Angehörigen so gut es geht unterstützen", sagt Gabriele Tammen-Parr vom Beratungstelefon Pflege in Not des Diakonischen Werks Berlin. "Doch auch wenn Sie liebevoll pflegen, kann es vorkommen, dass Sie ungeduldig und laut werden oder aggressive Gedanken haben."

Einmal einen Wutausbruch zu haben, ist kein großes Problem. Kritisch wird es, wenn Pflegende ständig gereizt sind und schimpfen. Das ist ein sicheres Zeichen für chronische Überlastung. "Manche Angehörige pflegen bis zur totalen Erschöpfung", sagt Tammen-Parr. "Dann ist es wichtig, innezuhalten und zu gucken, was nicht stimmt."

Die Sorgen von der Seele schreiben

"Oft sagen die Anrufer als Erstes: "Ich kann nicht mehr, ich schmeiß alles hin", erzählt Erika Jacker vom Krisentelefon Gewaltig überfordert in Böblingen. Sie und andere Ehrenamtliche sitzen seit 2006 jeden Nachmittag unter der Woche für zwei Stunden am Telefon und hören Pflegenden zu. "Nach und nach entwickelt sich dann ein Gespräch. Oft haben die Pflegenden schon eine Lösung im Kopf, sie brauchen aber jemanden, mit dem sie darüber sprechen können und der sie unterstützt."

Wer sich seine Sorgen lieber von der Seele schreibt, der ist bei der psychologischen Online-Beratung pflegen-und-leben.de in Berlin richtig. Pflegende Angehörige können dort kostenlos ein Postfach einrichten und anonym ihre Probleme schildern. Die Berater versuchen Wege aufzuzeigen, um den Druck aus dem Pflegealltag zu nehmen.

Die Beratung kann sich auf ein oder zwei Kontakte beschränken, aber auch über mehrere Wochen hinziehen. "Das dauert dann in der Regel zehn Wochen - oder auch länger, je nachdem wie regelmäßig jemand schreibt", sagt Kristina Köhler, Diplom-Psychologin bei pflegen-und-leben.de.

Die Teilnehmer bekommen unter anderem Schreibaufgaben, die sie im Laufe einer Woche erledigen. "Schon allein sich einmal in der Woche für eine Stunde hinzusetzen und seine Gedanken aufzuschreiben, hilft", sagt Köhler. "Das ist der erste Schritt zur Selbstfürsorge. Wir sind oft selbst überrascht, wie viel in den zehn Wochen passiert."

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
1. wichtig...
Spiegelleserin57 24.01.2013
ist auch für pflegende Angehörige in der Woche auch mal wenigstens einen Nachmittag für sich zu haben, eben eine Vertretung, aber die kostet.
ist auch für pflegende Angehörige in der Woche auch mal wenigstens einen Nachmittag für sich zu haben, eben eine Vertretung, aber die kostet.
2.
bolek1234 24.01.2013
der Staat komm nicht herum das Geld für die Leute zu stellen.
der Staat komm nicht herum das Geld für die Leute zu stellen.
3. komisch-wenn es um uns
frommerstop 25.01.2013
ältere Menschen geht die zu Hause von Tochter oder Schwiegertochter versorgt werden ist jeder dabei zu sagen _das muss bezahlt werden wenn man Opa loieber daheim versogt als im Altersheim. Wenn man das gleiche für Babies tut [...]
Zitat von bolek1234der Staat komm nicht herum das Geld für die Leute zu stellen.
ältere Menschen geht die zu Hause von Tochter oder Schwiegertochter versorgt werden ist jeder dabei zu sagen _das muss bezahlt werden wenn man Opa loieber daheim versogt als im Altersheim. Wenn man das gleiche für Babies tut ist es eine verwerfliche "Herdprämie" denn die Kinder gehören von Fachleuten gepflegt die das allemal besser können als die Mutter daheim-die soll gefälligst arbeiten gehen. Kann es sein dass da etwas nicht ganz stimmt in der Betrachtung?

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