Lade Daten...
26.01.2013
Schrift:
-
+

Ein rätselhafter Patient

Gefährliche Luft im Bauch

Von
BMJ

Röntgenaufnahme des Bauches: Der Pfeil zeigt auf Luft im Darm

Krampfhafte Schmerzen und Erbrechen treiben einen Briten ins Krankenhaus. Dass mit dem Darm des Patienten etwas nicht stimmt, merken seine Ärzte schnell. Unmengen an Luft sammeln sich in seinen Eingeweiden. Nur, wo kommt die her?

Seit zwei Wochen schon leidet der 82-jährige Patient an Verstopfung. In den Tagen, bevor er sich auf den Weg ins britische Royal Liverpool University Hospital macht, werden die Beschwerden schlimmer, am Tag vor der Aufnahme muss er nach dem Essen erbrechen.

Seinen Ärzten um den Chirurgen Tejinderjit Athwal schildert der Mann, wie ihn kolikartig Schmerzen überfallen und dass er unter Blähungen leidet. Bei der Untersuchung stellen die Ärzte fest, dass der Mann ausgetrocknet ist, wie sie im Fachmagazin "BMJ Case Reports" beschreiben. Die Bauchdecke ist schmerzempfindlich, aber nicht angespannt, der Bauch gebläht. Beim Abhören fällt den Ärzten auf, dass die Darmgeräusche metallisch klingen.

Sechs Monate vor dieser dramatischen Verschlechterung seines Zustands war der Mann schon einmal in der Klinik. Damals behandelten ihn die Ärzte wegen Schmerzen im rechten Oberbauch - Gallensteine hatten den Weg der Gallenflüssigkeit in den Darm blockiert und mussten entfernt werden. Damals hatten die Ärzte auch einen großen Gallenstein in der Gallenblase entdeckt. Da diese aber nicht entzündet war und der Patient zusätzlich an Herz- und Lungenkrankheiten litt, hatten die Ärzte sich damals dafür entschieden, die Gallenblase nicht zu entfernen.

Wie kommt die Luft in die Gallenblase?

Bei der Blutuntersuchung entdecken die Mediziner nun deutliche Hinweise auf eine Entzündung. Sie schicken ihren Patienten in die Radiologie, wo der Bauch geröntgt wird. Auf der Aufnahme fällt auf, dass der Dickdarm mit sehr viel Luft gefüllt ist (Pfeil im oberen Bild) - ein Hinweis auf eine Verstopfung. Doch nicht nur das sehen die Röntgenärzte, sondern auch Luft im Bauch, die nicht den Darm ausfüllt, sondern offenbar die Gallenblase (Pfeilspitze im oberen Bild).

Um sicher zu gehen, muss der Patient auch noch in einen Computertomografen (CT). Die Bilder millimeterdünner Scheiben, in die der Körper des Patienten dabei unterteilt wird, zeigen besser, wie die Luft in die Gallenblase gekommen ist. Außerdem finden die Ärzte so vielleicht die Ursache der Darmverstopfung, die vermutlich für die Beschwerden des Patienten verantwortlich ist. Eine mögliche Ursache, an die Ärzte bei einem alten Menschen mit einem solchen Darmverschluss automatisch denken, ist ein bösartiger Tumor.

Tatsächlich sehen die Radiologen auf dem Bild nicht nur Luft im Darm, sondern auch Luft in der Gallenblase. Dort sollte normalerweise keine Luft hinkommen. Sie entdecken einen Kanal, eine Fistel, zwischen Darm und Gallenblase. Was fehlt, ist der Gallenstein, der noch vor kurzem in der Gallenblase gelegen hatte. Auf den CT-Bildern des Darms auf der Höhe der Blase finden die Ärzte den Stein wieder: Er liegt im letzten Teil des Dickdarms, dem Sigma.

BMJ

CT-Bilder des Patienten: Verbindung von Darm und Gallenblase (linker Pfeil), Gallenstein im Enddarm (rechter Pfeil)

Die Ärzte müssen operieren, sonst wäre das Leben des Patienten in Gefahr. Zunächst denken die Mediziner über ein schonendes Verfahren nach, schreiben sie in ihrem Fallbericht. Sie überlegen, den Gallenstein im Darm wie einen Harnstein mit Hilfe von Stoßwellen zu zerstören. Nach kurzer Rücksprache mit den Urologen lassen sie sich aber davon überzeugen, dass der Gallenstein zu groß ist. Die Variante würde keinen Erfolg versprechen.

Sieben mal viereinhalb mal vier Zentimeter großer Gallenstein

Stattdessen schieben die Chirurgen den Patienten schließlich in den OP und öffnen seinen Bauch. Sie haben beträchtliche Schwierigkeiten, den großen Stein aus dem Stück des Enddarms, in dem er steckengeblieben ist, wegzubewegen. Erst als sie die Wand des Darmes aufschlitzen, gelingt es ihnen, den Stein herauszuholen. In den Händen halten sie einen sieben mal viereinhalb mal vier Zentimeter großen Gallenstein.

Die Mediziner äußern sich in ihrem Fallbericht überrascht: Zwar ist die Darmschleimhaut entzündlich geschwollen, allerdings finden sie keinen Hinweis auf einen Darmtumor. Sie hatten sich nicht vorstellen können, dass der Gallenstein ausreichen könnte, um den Darm zu verstopfen. Doch tatsächlich verursachte der Stein allein die Beschwerden des Patienten.

Die Ärzte legen ihrem Patienten noch einen künstlichen Darmausgang an, den Fistelkanal zwischen Gallenblase und Darm versuchen sie erst gar nicht zu verschließen. Der Patient erholt sich von der Operation ohne weitere Probleme und kann bald darauf entlassen werden.

Ungewöhnlich an ihrem Patienten ist für die britischen Mediziner vor allem der Ort, an dem der Gallenstein sich festgesetzt hat. Normalerweise, so schreiben sie, würde man eine Verstopfung noch im Dünndarm erwarten - und nicht erst am Ende des Darmes, so wie in diesem Fall.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
1.
sorry ich bin bloß arzt 26.01.2013
Mit Verlauf an den Autor: Das ist kein "rätselhafter" Fall, sondern "einfache" Medizin. Zugegeben, der Fall ist selten. Das CT zeigt hier die wegweisende Diagnose - ohne Zweifel eine einfache Diagnose. Mit [...]
Mit Verlauf an den Autor: Das ist kein "rätselhafter" Fall, sondern "einfache" Medizin. Zugegeben, der Fall ist selten. Das CT zeigt hier die wegweisende Diagnose - ohne Zweifel eine einfache Diagnose. Mit moderner Bildgebung. In einem solchen akuten Fall sprechen die Symptome, das Labor (Entzündung) und die konventionelle Röntgenaufnahme dafür, dass ein CT gemacht werden muss - und die zeigt die Diagnose ganz klar und eindeutig. An dem Fall ist nichts rätselhaft. Es ist tagtägliche Routine in der akuten Chirurgie - der Arbeistablauf ist immer der gleiche - mit am Ende allerdings unterschiedlicher Diagnose.
2.
CancunMM 26.01.2013
Finde an dem Fall auch nichts rätselhaftes. Eher rätselhaft ist das Verhalten der Kollegen beim ersten mal nicht die Gallenblase zu entfernen und im akuten Fall bei freier Luft im Abdomen und Perforation den Stein zertrümmern [...]
Finde an dem Fall auch nichts rätselhaftes. Eher rätselhaft ist das Verhalten der Kollegen beim ersten mal nicht die Gallenblase zu entfernen und im akuten Fall bei freier Luft im Abdomen und Perforation den Stein zertrümmern wollten.
3.
hinne71 26.01.2013
Scheinbar hat der Autor nicht sehr lange "Narkose gemacht". Um den Fall zu erklären, benötigt man noch nicht einmal ein allgemeines Chirurgie.Lehrbuch, sondern es reicht, bei wikipedia mal "Gallensteinileus" [...]
Scheinbar hat der Autor nicht sehr lange "Narkose gemacht". Um den Fall zu erklären, benötigt man noch nicht einmal ein allgemeines Chirurgie.Lehrbuch, sondern es reicht, bei wikipedia mal "Gallensteinileus" einzugeben. Ob es dem englischen Chirurgen Tejinderjit Athwal gefällt, in diesem Artikel aufzutachen, darf getrost bezweifelt werden. Schließlich wurden offenbar erhebliche Fehlentscheidungen getroffen. Jetzt hat der Patient einen (vorher vermeidbaren) künstlichen Darmausgang und lebt. Bravo!
4. Titellos
UnitedEurope 26.01.2013
Dr. House kommt eben leider nicht einmal die Woche vor. Wenn Sie aber ein echtes medizinisches Rätsel hören wollen, können Sie mir gerne helfen: Ein Mann, mitte 50, bekam während der Reanimation überall, besonders im [...]
Zitat von sorry ich bin bloß arztMit Verlauf an den Autor: Das ist kein "rätselhafter" Fall, sondern "einfache" Medizin. Zugegeben, der Fall ist selten. Das CT zeigt hier die wegweisende Diagnose - ohne Zweifel eine einfache Diagnose. Mit moderner Bildgebung. In einem solchen akuten Fall sprechen die Symptome, das Labor (Entzündung) und die konventionelle Röntgenaufnahme dafür, dass ein CT gemacht werden muss - und die zeigt die Diagnose ganz klar und eindeutig. An dem Fall ist nichts rätselhaft. Es ist tagtägliche Routine in der akuten Chirurgie - der Arbeistablauf ist immer der gleiche - mit am Ende allerdings unterschiedlicher Diagnose.
Dr. House kommt eben leider nicht einmal die Woche vor. Wenn Sie aber ein echtes medizinisches Rätsel hören wollen, können Sie mir gerne helfen: Ein Mann, mitte 50, bekam während der Reanimation überall, besonders im Gesicht, dem Thorax und seiner Glatze, blaue Flecken. Diese wurden nach der (erfolgreichen) Reanimation ein wenig besser, verschwanden aber erst nach einiger Zeit. Weder die Oberschwester der Intensivstation, noch der Chefarzt konnten mir sagen woran das lag. Beide sahen das zum ersten Mal. Haben Sie eine Erklärung für mich?
5.
sorry ich bin bloß arzt 26.01.2013
Aber nur passagär, denn in so einem Falle erfolgt der zeitweise angelegte künstliche Darmausgang nur zur Entlastung. In einer zweiten OP (auch nicht schön, klar) erfolgt die Widerherstellung des Ausgangszustandes.
Zitat von hinne71Scheinbar hat der Autor nicht sehr lange "Narkose gemacht". Um den Fall zu erklären, benötigt man noch nicht einmal ein allgemeines Chirurgie.Lehrbuch, sondern es reicht, bei wikipedia mal "Gallensteinileus" einzugeben. Ob es dem englischen Chirurgen Tejinderjit Athwal gefällt, in diesem Artikel aufzutachen, darf getrost bezweifelt werden. Schließlich wurden offenbar erhebliche Fehlentscheidungen getroffen. Jetzt hat der Patient einen (vorher vermeidbaren) künstlichen Darmausgang und lebt. Bravo!
Aber nur passagär, denn in so einem Falle erfolgt der zeitweise angelegte künstliche Darmausgang nur zur Entlastung. In einer zweiten OP (auch nicht schön, klar) erfolgt die Widerherstellung des Ausgangszustandes.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Ein rätselhafter Patient

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Ein rätselhafter Patient
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten