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29.01.2013
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Unzureichende Hilfe

Contergan-Opfer fordern bessere Versorgung

dapd

Contergan-Geschädigte (Archivbild): "Beeindruckende Kompensationsleistungen"

Sie kämpfen mit verschlissenen Gelenken und chronischen Schmerzen: Die Opfer des Contergan-Skandals sind nach einer aktuellen Studie in vielen Bereichen unterversorgt. Jetzt fordert der Opferverband ein neues Gesetz, um das Versorgungssystem zu verbessern.

Berlin - Lange Zeit forderten sie eine Entschuldigung vom Arzneimittelhersteller Grünenthal. Diese kam - nach mehr als 50 Jahren. Jetzt haben Contergan-Opfer eine schnelle Verbesserung ihrer medizinischen Versorgung und finanziellen Lage verlangt. "Uns läuft die Zeit davon", sagte die Vorsitzende des Bundesverbands Contergan-Geschädigter, Margit Hudelmaier, am Montag in Berlin.

Denn nach Angaben einer aktuellen Studie der Universität Heidelberg zur Situation von Contergan-Opfern sind die Betroffenen in vielen Bereichen unterversorgt. Die Studie zeige, so Hudelmaier, dass es sich um begründete Ansprüche und keine subjektiven Begehrlichkeiten handele. Der Opferverband fordert ein neues Gesetz.

Auch die Conterganstiftung steht hinter den Empfehlungen der Studie: "Wir hoffen auf eine möglichst weitgehende Umsetzung", sagte die Vorstandsvorsitzende Antje Blumenthal. An diesem Freitag beschäftigt sich der Familienausschuss des Bundestags mit der Studie.

"Die Betroffenen haben in den vergangenen Jahrzehnten beeindruckende Kompensationsleistungen vollbracht. Wenn diese auch in Zukunft fortgesetzt werden sollen, bedarf es eines sehr viel differenzierteren, passgenauen Versorgungssystems", sagte der Leiter des Heidelberger Instituts für Gerontologie und Hauptautor der Studie, Andreas Kruse, der dpa. Durch das Fehlen einzelner Gliedmaßen beanspruchten Betroffene andere Körperteile übermäßig. Bei vielen seien massive Verschleißerscheinungen der Gelenke wie Arthrosen und starke Schmerzen die Folge. "Diese Zustände werden in Zukunft wahrscheinlich an Intensität gewinnen", ergänzte Kruse.

Schmerzen durch dauernde Fehlhaltung

Etwa jedes dritte der überwiegend 53-jährigen Opfer könne nicht mehr arbeiten. Mit zunehmenden Beschwerden bräuchten die Betroffenen aber immer teurere Hilfsmittel und Umbauten in den Wohnungen. Zu den Empfehlungen zählen daher neben mehr Geld auch neue Kompetenzzentren für eine bessere medizinische Versorgung, ein leichterer Zugang zu Assistenzen und Hilfsmitteln - unabhängig von familiären und finanziellen Verhältnissen. Die gesundheitliche Entwicklung vieler Geschädigter stehe an einem Wendepunkt. Eine rasche Verbesserung der Versorgung sei dringend notwendig. Angehörige um Hilfe zu bitten, werde zunehmend schwerer, ergänzte Hudelmaier. Die meisten Eltern der Opfer seien heute mehr als 80 Jahre alt und die eigenen Kinder oft aus dem Haus. Zudem habe nicht jeder Betroffene einen Partner.

Für die auf Beschluss des Bundestags erstellte Studie wurden 870 Betroffene und damit ein Drittel der noch lebenden Contergan-Opfer in Deutschland befragt. Fast jeder Betroffene (84,2 Prozent) klagt demnach über Schmerzen als Folge ständiger Fehlhaltung. "Unsere Körper sind vorzeitig gealtert", sagte Hudelmaier.

Bei dem größten Medikamenten-Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte hatte die Firma Grünenthal 1957 das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht. In Deutschland kamen etwa 5000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt.

cib/dpa

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insgesamt 18 Beiträge
1. Die Solidarität der Gesellschaft ist gefordert,
vantast64 29.01.2013
da sie im Schutz vor schädlichen Pillen und gierigen Managern schmählich versagt hat. Hier ist zu zeigen, was Solidarität bedeutet, die Hilfen kommen sowieso Jahrzehnte zu spät. Für alles Mögliche gibt es viel Geld, hier [...]
da sie im Schutz vor schädlichen Pillen und gierigen Managern schmählich versagt hat. Hier ist zu zeigen, was Solidarität bedeutet, die Hilfen kommen sowieso Jahrzehnte zu spät. Für alles Mögliche gibt es viel Geld, hier sind aber Menschen durch Nachlässigkeit und Gier über Jahrzehnte geschädigt, ihr Leben unter Schmerzen behindert.
2. optional
dalir 29.01.2013
Haben keine Lobbyisten im Kanzlerinnenamt bringen zu wenige Wählerstimmen und sind erst gar nicht Systemrelevant, noch Fragen zu unsrer Gesellschaft und denkt immer daran wir leben noch in einer Demokratie jeder hat die Macht [...]
Haben keine Lobbyisten im Kanzlerinnenamt bringen zu wenige Wählerstimmen und sind erst gar nicht Systemrelevant, noch Fragen zu unsrer Gesellschaft und denkt immer daran wir leben noch in einer Demokratie jeder hat die Macht etwas zu Ändern, will anscheinen nur keiner, ist ja auch so gemütlich auf dem Sofa nicht?
3.
Rainer Helmbrecht 29.01.2013
Der ganze Contergan Skandal ist und bleibt was er von Anfang an war, ein Skandal. Von der Zulassung des Medikaments, bis zur Versorgung der Opfer. Richter und Staatsanwälte hatten nie den Wunsch Gerechtigkeit für die Opfer [...]
Zitat von vantast64da sie im Schutz vor schädlichen Pillen und gierigen Managern schmählich versagt hat. Hier ist zu zeigen, was Solidarität bedeutet, die Hilfen kommen sowieso Jahrzehnte zu spät. Für alles Mögliche gibt es viel Geld, hier sind aber Menschen durch Nachlässigkeit und Gier über Jahrzehnte geschädigt, ihr Leben unter Schmerzen behindert.
Der ganze Contergan Skandal ist und bleibt was er von Anfang an war, ein Skandal. Von der Zulassung des Medikaments, bis zur Versorgung der Opfer. Richter und Staatsanwälte hatten nie den Wunsch Gerechtigkeit für die Opfer zu erlangen. Staatsanwälte sind Weisungsgebunden, nun müsste man nur noch eruieren, wer da seit Jahrzehnten auf der Bremse steht. Beim S21 und BER werden Kostensteigerungen von 100% geschluckt, aber wenn es wirklich Opfer gibt, dann ist Tote Hose. Pfui Deibel. MfG. Rainer
4. Skandal
agua 29.01.2013
Es war ein Skandal und ist ein Skandal,betrachtet man die Art und Weise,wie mit den Betroffenen umgegangen wird.Auch ich koennte betroffen sein,weil auch meiner Mutter wurde Contergan verschrieben.Die Flasche landete Dank meiner [...]
Es war ein Skandal und ist ein Skandal,betrachtet man die Art und Weise,wie mit den Betroffenen umgegangen wird.Auch ich koennte betroffen sein,weil auch meiner Mutter wurde Contergan verschrieben.Die Flasche landete Dank meiner Grossmutter im Muelleimer(Schwangere nehmen keine Medikamente,war ihre Begruendung).In meiner Schulklasse gab es drei betroffene Kinder.Es ist schaendlich,zumal die Verantwortlichen bekannt sind,wie mit mit diesem Fall umgegangen wird.Die geforderte Hilfe,sollte eigentlich eine Selbstverstaendlichkeit sein.
5. leider
lollopa1 29.01.2013
Ironiean: leider sind die betroffenen Menschen nicht systemrelevant! Ironie aus! Es ist eigentlich ein Trauerspiel was hier mit menschen passiert, eine Arzneimittelfirma verdient Millionen, braucht Jahre um endlich zu der [...]
Ironiean: leider sind die betroffenen Menschen nicht systemrelevant! Ironie aus! Es ist eigentlich ein Trauerspiel was hier mit menschen passiert, eine Arzneimittelfirma verdient Millionen, braucht Jahre um endlich zu der Verantwortung zu stehen, zahlt dann lächerliche Unterstützung, und meint damit dann alles wieder gutgemacht zu haben. Was wäre eigentlich in den USA passiert? Ich hoffe für alle betroffenen das ihnen schnell und unkompliziert geholfen wird. Denke aber auch das von der selbstgewählten Bundesregierung keine Hilfe kommt.

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