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04.02.2013
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Tuberkulose

Neuer Impfstoff enttäuscht bei Babys

CDC/Janice Carr

Tuberkulose-Bakterien unterm Elektronenmikroskop: Gefährliche Seuche

Jährlich sterben mehr als eine Million Menschen weltweit an Tuberkulose, mehr als acht Millionen infizieren sich mit dem Erreger. Ein neuer Impfstoff sollte die Ausbreitung der Seuche eindämmen. Bei einer großen Studie in Südafrika zeigte sich allerdings, dass er zumindest Babys nicht schützen kann.

In den letzten 90 Jahren hat sich die Medizin enorm weiterentwickelt - beim Schutz gegen eine der weltweit gefährlichsten Seuchen, die Tuberkulose, allerdings ist sie stehengeblieben. Noch immer existiert nur ein Impfstoff gegen die von Bakterien hervorgerufenen Infektionen. Mit dem 1921 entwickelten, als Bacille Calmette-Guérin (kurz BCG) bekannten Serum werden Neugeborene in Ländern mit hohen Tuberkulose-Raten routinemäßig geimpft. Doch das Mittel ist gegen die am meisten verbreitete Tuberkulose-Form machtlos, die bei Jugendlichen und Erwachsenen die Lunge befällt.

Ein neuer Impfstoff sollte das ändern. MVA85A, so der Name, sollte in Kombination mit BCG die Schutzwirkung verbessern. Eine jetzt veröffentlichte Studie brachte allerdings Ernüchterung: Zumindest Kleinkindern bietet der neue Impfstoff keinen Vorteil, berichten die Entwickler von der Oxford University im britischen Fachmagazin "The Lancet".

Für ihre Studie hatten die Forscher den Impfstoff in Südafrika an knapp 2800 gesunden Babys im Alter von vier bis sechs Monaten getestet. Alle hatten zwischen 2009 und 2011 bereits eine herkömmliche BCG-Impfung erhalten. Rund die Hälfte behandelten die Forscher zusätzlich mit dem neuen Impfstoff, die andere Hälfte bekam als zweites Mittel nur ein wirkungsloses Placebo. Zwar vertrugen die Babys den Impfstoff gut. Innerhalb der drei Jahre nach den Impfungen erkrankten aus der MVA85A-Gruppe jedoch 32 Kleinkinder an Tuberkulose, verglichen mit 39 aus der Placebo-Gruppe. Der Unterschied von 17 Prozent zwischen den beiden Gruppen war damit so gering, dass er statistisch nicht signifikant war.

Laut den Forschern war der Schutz des neuen Impfstoffs bei den Kindern viel geringer als bei Erwachsenen, an denen das Mittel zuvor getestet worden war. Weitere Studien müssen zeigen, was hinter dem Unterschied steckt. "Natürlich hätten wir alle gerne einen besseren Schutz gesehen", sagt Ann Ginsberg von Area, einem nicht gewinnorientierten Biotechnologieunternehmen, das neben dem Wellcome Trust und dem Oxford-Emergent Tuberculosis Consortium die Entwicklung des Impfstoffs unterstützte. Dennoch versuchen die Forscher, ihre Ergebnisse positiv zu sehen: "Dies ist die erste Studie zur Effizienz einer neuen Tuberkulose-Impfung seit Bacille Calmette-Guérin", sagt Helen McShane von der Oxford University in einer Stellungnahme. "Das für sich ist schon ein wichtiger Schritt. Es gibt viel, was wir und andere aus der Studie und den Daten lernen können."

Nicht entmutigen lassen

MVA85A war der bisher am weitesten entwickelte, neue Tuberkulose-Impfstoff. Daneben existieren allerdings noch weitere, aussichtsreiche Kandidaten in der Pipeline. "Es wäre ein riesiger Fehler für die ganze Welt, sich jetzt entmutigen zu lassen und aufzugeben", sagt Ginsberg. Dafür seien die Tuberkulose ein viel zu dringendes Problem und die Mittel, mit denen man die Seuche bisher bekämpfen könne, seien viel zu mangelhaft. Sichere, wirksame und bezahlbare Impfstoffe seien die einzige Möglichkeit, die Tuberkulose-Epidemie unter Kontrolle zu bekommen. "Wir können uns nicht leisten, die Bemühungen herunterzufahren", appelliert Ginsberg.

Tuberkulose zählt neben Aids und Malaria zu den verheerendsten Seuchen der Welt. 2011 haben sich laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 8,7 Millionen Menschen neu infiziert, 1,4 Millionen sind an einer Infektion gestorben. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung trägt laut WHO den Tuberkulose-Erreger in sich. Sind die Personen gesund, merken sie davon in der Regel nichts. Ihr Immunsystem hält die Bakterien so weit in Schach, dass keine Symptome auftreten. Ein kleiner Teil der Infizierten allerdings - häufig mit einem geschwächten Immunsystem - erkrankt an Tuberkulose. Vor allem der Körper von HIV-Infizierte hat dem Keim kaum etwas entgegenzusetzen - die Betroffenen haben ein 20- bis 30-mal höheres Tuberkulose-Risiko als andere Infizierte.

In Deutschland sind Tuberkulose-Infektionen hingegen nur ein relativ geringes Problem. Seit 1998 empfiehlt die hierzulande zuständige Ständige Impfkommission die BCG-Impfung nicht mehr. Grund dafür sind die geringe Wirksamkeit des Impfstoffs, die häufigen unerwünschten Nebenwirkungen und die relativ geringen Fallzahlen. In den letzten Jahren gab es in Deutschland laut Robert Koch-Institut jeweils um die 4300 gemeldete Neuinfektionen. 2010 sind 136 Patienten an Tuberkulose gestorben.

Tuberkulose
Erreger
Das Mycobacterium tuberculosis hat eine Stäbchenform. Es wächst relativ langsam, ist säurefest und zählt zu der Familie der Mykobakterien, die unter anderem Lepra und Rindertuberkulose auslösen. Das Mycobacterium tuberculosis dringt vor allem durch eine Tröpfcheninfektion über die Atemwege, die Schleimhäute und die Lungenbläschen in Blut und Organe des Menschen ein.
Krankheit
Tuberkulose ist eine chronische Infektionskrankheit mit weltweiter Verbreitung. Erkrankt der Infizierte direkt nach der Ansteckung, spricht man von Primärtuberkulose. Häufig kapseln sich die Erreger ab (geschlossene Tbc) oder brechen in das Bronchialsystem ein (offene Tbc). Fieber, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust und Husten sind typische Symptome. Bei etwa jedem Zehnten bricht die Erkrankung erst zu einem späteren Zeitpunkt aus, dann führen oft blutiger Auswurf und Husten zur Diagnose. Der Betroffene ist dann hoch ansteckend. Die Bakterien können später auch Organe wie die Haut, Knochen, Darm oder Gehirn befallen. Für die Therapie der unkomplizierten Tuberkulose setzen Ärzte normalerweise zwei Monate lang vier Antibiotika ein (Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid). Über weitere vier Monate folgt eine Zweierkombination aus Isoniazid und Rifampicin.
Resistenzen
2006 haben sich weltweit 490.000 Menschen mit multiresistenten Bakterien infiziert, die gleichzeitig mindestens auf Isoniazid und Rifampicin nicht mehr reagieren. Experten sprechen von MDR-Tbc (multi drug resistant tuberculosis). Bei 40.000 Patienten handelte es sich offenbar sogar um extrem resistente Keime (XDR-Tbc, extended drug resistant tuberculosis), die nicht nur gegen die gängigen Medikamente Isoniazid und Rifampicin resistent sind, sondern zusätzlich auch gegen mehrere Ersatzarzneien. Die Therapie wird dann schwieriger, dauert länger und kostet mehr.
Ausmaß weltweit
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind derzeit mehr als zwei Milliarden Menschen mit dem Mycobacterium tuberculosis infiziert - das ist ein Drittel der Weltbevölkerung. Nur etwa jeder Zehnte erkrankt jedoch an Tuberkulose. 2007 steckten sich fast 9,3 Millionen Menschen neu an, knapp 1,8 Millionen starben an der Infektionskrankheit. Die WHO-Initiative "Stop TB Partnership" verfolgt die Vision einer Tuberkulose-freien Welt. Das nächste Ziel: Bis 2015 soll die Zahl der Fälle weltweit um 50 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden.
Tbc in Deutschland
2007 wurden nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts 5020 Tuberkulose-Fälle in Deutschland registriert, 139 Menschen starben. Knapp die Hälfte der Erkrankten wurde im Ausland geboren. Insgesamt nimmt die Fallzahl der Erkrankten in Deutschland langsam ab, 2002 litten noch 7701 Menschen an Tuberkulose. Auch die Anzahl von Resistenzen geht im Gegensatz zur weltweiten Entwicklung zurück: Während es 2006 noch 79 Fälle gab, waren es 2007 insgesamt 66 Fälle.
Tbc und HIV
Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind besonders anfällig für das Mycobacterium tuberculosis. Eine Tuberkulose-Infektion ist daher die häufigste Todesursache bei HIV-Infizierten in Afrika. Nach Schätzungen der WHO ist mindestens ein Drittel der 33 Millionen HIV-Positiven gleichzeitig Träger der Tuberkulose-Bakterien. Sie haben ein 20- bis 30-fach größeres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken als HIV-Negative.

irb/Reuters

Forum

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insgesamt 15 Beiträge
1. reicht
realburb 04.02.2013
Herdenschutz reicht doch auch, das hilft Kleinkindern genauso, außer man hat zu viele Impfverweigerungsspinner in der Bevölkerung.
Herdenschutz reicht doch auch, das hilft Kleinkindern genauso, außer man hat zu viele Impfverweigerungsspinner in der Bevölkerung.
2. Wetten,...
Bowie 05.02.2013
...dass es nicht lange dauert, bis hier ein wohlstandsverdorbener Impfkritiker auftaucht, der das Ergebnis auch noch gutheißt...
...dass es nicht lange dauert, bis hier ein wohlstandsverdorbener Impfkritiker auftaucht, der das Ergebnis auch noch gutheißt...
3. Wie rechtfertigt man eigentlich moralisch...
ItchyDE 05.02.2013
...Placebo-Feldstudien an Babys in Südafrika? Ok, in diesem Fall hats wohl keinen Unterscheid gemacht - was aber, wenn die "richtg" geimpften Kinder allesamt gesund geblieben wären? In diesem Falle hätten die Forscher [...]
...Placebo-Feldstudien an Babys in Südafrika? Ok, in diesem Fall hats wohl keinen Unterscheid gemacht - was aber, wenn die "richtg" geimpften Kinder allesamt gesund geblieben wären? In diesem Falle hätten die Forscher direkt Schuld an der Erkrankung von 39 Kindern gehabt, wie gut, dass ich meinen ursprünglichen Plan, Pharmazie zu studieren, schnell aufgegeben hatte.
4. optional
Medienkenner 05.02.2013
Hier ist der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Man erschießt einem Säugling sein sich erst konstituierendes Immunsystem mit Krankheitserregern und toxischen Zusatzstoffen.
Hier ist der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Man erschießt einem Säugling sein sich erst konstituierendes Immunsystem mit Krankheitserregern und toxischen Zusatzstoffen.
5. Impfung entspricht natürlicher Immunreaktion!
firenafirena 05.02.2013
Die sogenannten "toxischen Zusatzstoffe" sind absolut vernachlässigbar. Einmal kräftig an der Spielrassel aus chinesischer Herkunft gelutscht und schon hat Baby die dreifache Dosis intus. Und ein sich [...]
Zitat von MedienkennerHier ist der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen. Man erschießt einem Säugling sein sich erst konstituierendes Immunsystem mit Krankheitserregern und toxischen Zusatzstoffen.
Die sogenannten "toxischen Zusatzstoffe" sind absolut vernachlässigbar. Einmal kräftig an der Spielrassel aus chinesischer Herkunft gelutscht und schon hat Baby die dreifache Dosis intus. Und ein sich entwickelndes Immunsystem ist ständig und permanent seiner Umgebung ausgesetzt und entwickelt sich gerade dadurch! Die gezielte Konfrontration mit einem gefährlichen Krankheitserreger löst eine ganz normale Immunreaktion aus, lediglich mit dem Vorteil, dass die Erkrankung nicht ausbricht oder deutlich leichter verläuft. Eine Impfung ist nicht´s anderes als das gezielte Herbeiführen einer natürlichen Immunreaktion und weder schädlich noch sinnlos sondern hat unzähligen Kindern und Erwachsenen bereits das Leben gerettet. Dass diese spezielle Impfung (noch) nicht so funktioniert, wie sie sollte, ist natürlich richtig. Die Methode an sich ist jedoch unbestritten, trotz diverser Horror-Geschichten irgendwelcher Impfgegner.

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