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08.02.2013
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Paracetamol

Kleinere Packungen retten Hunderte Leben

Von
DPA

Paracetamol: Nur kleine Spanne zwischen therapeutischer und giftiger Wirkung

Eine Überdosis Paracetamol kann tödlich sein. In Deutschland gibt es deswegen nur kleine Mengen des Schmerzmittels frei zu kaufen. Britische Forscher haben jetzt nachgewiesen: Nach der Begrenzung der Packungsgröße sind dort weniger Menschen an Vergiftungen gestorben.

Neben Labello und Taschentüchern darf die Notfallration Schmerzmittel in vielen Handtaschen nicht fehlen. Welche Tabletten man dabei hat, gleicht einer Glaubensfrage: Der eine schwört auf Ibuprofen, die andere auf Acetylsalicylsäure (ASS), der nächste schluckt am liebsten Paracetamol, manche mögen es gemischt mit ASS und Koffein als vermeintlichen Wirkungsverstärkern.

Unabhängig von den Vorlieben bergen alle der von vielen als harmlos eingestuften Mittelchen massive Nebenwirkungen. Als besonders kritisch gilt das Schmerzmittel Paracetamol: Nach Alkohol belegt es Platz zwei auf der Liste der häufigsten chemischen Vergiftungsursachen, die zwischen 2002 und 2012 beim deutschen Giftinformationszentrum Nord eingegangen sind. Um das Leben der Betroffenen zu retten, hilft im Extremfall nur eine Transplantation der Leber.

Das Tückische an dem Wirkstoff ist die geringe Spanne zwischen verträglicher und giftiger Dosis. Je nach Körpergewicht und Vorschäden der Leber können schon sechs bis acht Gramm gefährlich werden - eine Tablette enthält in der Regel 500 Milligramm. Auf Anraten der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beschloss das Bundesgesundheitsministerium deshalb 2009, die Packungsgrößen zu beschränken. Seitdem dürfen Apotheker die Tabletten ohne Rezept nur noch in Schachteln mit maximal zehn Gramm verkaufen.

Kleinere Packungen: Menschen schlucken geringere Mengen

In Großbritannien hatte die Regierung bereits 1998 angeordnet, das Schmerzmittel nur noch in kleineren Schachteln abzugeben, nachdem die Todesfälle und Lebertransplantationen nach Vergiftungen zugenommen hatten. Apotheker dürfen dort seitdem nur noch Packungen mit 32, Drogerien und andere Läden nur noch Schachteln mit höchstens 16 Tabletten ausgeben. Offensichtlich mit großem Erfolg: Laut einer Langzeitstudie starben in den zehn Jahren nach Einführung der kleineren Schachteln in England und Wales Hunderte Menschen weniger an Paracetamol-Vergiftungen als in den Jahren zuvor.

Bereits 2001 und 2004 hatte eine Forschergruppe um Keith Hawton vom Centre for Suicide Research an der University of Oxford Hinweise darauf gefunden, dass die kleineren Schachteln die Zahl der Toten und die Menge der bei Vergiftungen geschluckten Tabletten in England und Wales verringern konnten. Kritiker der Maßnahme hatten allerdings bemängelt, dass es sich bei dem beobachteten Effekt nur um kurzzeitige, vielleicht auch natürliche Schwankungen handeln könnte. Jetzt konnten die Forscher ihre Ergebnisse mit Beobachtungen über mehr als zehn Jahre weiter untermauern.
Die Studie im Detail
Ziel
Nach einer steigenden Zahl von Todesfällen durch Paracetamol-Vergiftungen beschränkte die Regierung in Großbritannien 1998 die Packungsgröße des Schmerzmittels. Ziel der Studie war, zu überprüfen, wie sich der Schritt über längere Zeit auf die Vergiftungsfälle mit dem Schmerzmittel ausgewirkt hat.
Design
Für ihre Studie untersuchten die Forscher die Zahl der Todesfälle durch Paracetamol-Vergiftungen in England und Wales im Zeitraum von 1993 bis 2009 bei den über 10-Jährigen. Desweiteren analysierten sie die Datenbanken zur Registrierung und Durchführung von Lebertransplantationen in den beiden Ländern von 1995 bis 2009 bei den über 10-Jährigen. Mithilfe statistischer Analysen verglichen sie die geschätzte Entwicklung von Todesfällen und Transplantationen nach der Verkleinerung der Packungen 1998 mit den realen. Außerdem setzten sie die Entwicklung der Todesfälle durch Paracetamol-Vergiftungen in Bezug zu den generellen Todesfällen infolge von Medikamentenmissbrauch.
Ergebnisse
Die Zahl der Selbstmorde, aber auch die Todesfälle mit ungeklärter Intention und die Todesfälle nach einer versehentlichen Paracetamol-Vergiftungen nahmen in den elf Jahren nach der Einführung der kleineren Packungen deutlich ab. Bei den Selbstmorden und unklaren Todesfällen sank die Zahl nach der Begrenzung der Packungsgröße um 43 Prozent ab, innerhalb der 11,25 untersuchten Jahre kam es geschätzt zu 765 weniger Todesfällen in England und Wales. Bei den versehentlichen Vergiftungen beobachteten die Forscher einen ähnlichen Effekt. Der Rückgang der Todeszahlen lässt sich nicht alleine durch einen generellen Rückgang der Vergiftungen mit Medikamenten erklären. Auch bei den Registrierungen für die Liste der Lebertransplantationen gab es in den Jahren nach 1998 einen deutlichen Rückgang nach Paracetamol-Vergiftungen von durchschnittlich 61 Prozent pro Quartal. Statistisch nicht signifikant war hingegen der Unterschied der tatsächlichen Lebertransplantationen vor und nach 1998.
Schwächen der Studie
Die Studienautoren beschränkten ihre Analyse auf Todesfälle, bei denen Paracetamol mit oder ohne Alkohol eingenommen wurde, entweder in reiner Form oder als Gemisch. Nicht beachtet wurden hingegen Todesfälle, bei denen Paracetamol in Kombination mit einem anderen Medikament geschluckt wurde. Dies schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse leicht ein, war aus Sicht der Autoren allerdings notwendig, um sicherzugehen, dass sich die Ergebnisse nur auf die Wirkung von Paracetamol beziehen und nicht durch andere, giftigere Medikamente verzerrt werden.
Interessenkonflikte und Finanzierung
Die Studie wurde vom unabhängigen National Institute for Health Research (NIHR) finanziert, abgesehen von den Zahlungen des Instituts wurden die Forscher nach eigenen Angaben nicht finanziell unterstützt. Alle Autoren geben an, in den letzten drei Jahren in keiner Organisation Mitglied gewesen zu sein, die ein Interesse am Ausgang der Studie hatte.

Die Wissenschaftler analysierten, wie sich die Zahl der Todesfälle durch Paracetamol im Zeitraum von 1993 bis 2009 in England und Wales entwickelt hat. Vergiftungen in Kombination mit weiteren Medikamenten schlossen sie aus, ebenso wie Vergiftungsfälle bei unter Zehnjährigen. Desweiteren untersuchten sie die Anmeldungen für und tatsächlich stattgefundene Lebertransplantationen nach Paracetamol-Vergiftungen in den beiden Ländern im Zeitraum von 1995 bis 2009.

Eindeutiger Trend

Die Ergebnisse zeigen einen eindeutigen Trend: Nach der Einführung der kleineren Packungen reduzierte sich die Zahl der Suizide und der Paracetamol-Vergiftungen mit ungeklärter Ursache um 43 Prozent. Innerhalb der etwas mehr als elf untersuchten Jahre nach der Einführung der kleineren Packungen habe es geschätzt 765 Todesfälle weniger gegeben, schreiben die Forscher im "British Medical Journal". Bei zusätzlichem Einbezug der versehentlichen Vergiftungen kamen sie auf geschätzte 990 Todesfälle weniger.

Zwar gingen in der Zeit auch generell die Todeszahlen durch Medikamentenmissbrauch zurück. Allerdings war diese Entwicklung schwächer als die beim Paracetamol beobachtete, auch setzte sie nicht abrupt 1998 ein, schreiben die Forscher. Ähnliche wie die Zahl der Todesfälle sank nach 1998 auch die wegen einer Paracetamol-Vergiftung für eine Lebertransplantation registrierter Patienten. Einzig nicht statistisch auffällig war der Rückgang der Lebertransplantationen nach einer Paracetamol-Vergiftung - die Wissenschaftler begründen dies mit den geringen Fallzahlen.

"Einfach nicht genug Tabletten da, um sich zu vergiften"

"Es ist wichtig zu beachten, dass in der Zeit nach 1998 die Zahl der Krankenhausbesuche mit nichttödlichen Überdosierungen von Paracetamol nicht zurückgegangen ist", schreiben die Forscher in der Studie. "Das bedeutet, dass sich die Ergebnisse nicht mit einem generellen Rückgang der Paracetamol-Überdosierungen erklären lassen." Der beobachtete Effekt durch die kleineren Packungen zeige vielmehr, dass viele Menschen, die absichtlich eine Überdosis schlucken, häufig aus einem Impuls heraus handeln - und nehmen, was sie im Medikamentenschrank vorrätig haben.

Trotz der Erfolge fordern die Forscher, sich weiter mit dem Vertrieb des Schmerzmittels auseinanderzusetzen. Zwischen 2000 und 2009 starben in England und Wales pro Jahr immer noch durchschnittlich 121 Menschen an einer Paracetamol-Vergiftung, zum Teil verbunden mit Alkohol. "Die Erfolge sollten nicht zur Nachlässigkeit führen", schreiben die Forscher. Sie schlagen vor, die Packungsgrößen noch weiter zu reduzieren oder die Konzentration des Wirkstoffs in den Tabletten zu verringern.

Auch in Deutschland, wo bereits kleinere Packungen als in Großbritannien Pflicht sind, kämpfen Paracetamol-Kritiker für noch kleinere Schachteln oder eine Verschreibungspflicht des Medikaments. Hierzulande nehmen etwa zwei Drittel der Paracetamol-Vergifteten die Tabletten vorsätzlich ein. Der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser vom Fachmagazin "arznei-telegramm" plädierte deshalb Ende 2011 im SPIEGEL für strengere Regeln: "Bei kleineren Packungsgrößen sind dann einfach nicht genug Tabletten da, um sich zu vergiften."

Forum

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insgesamt 85 Beiträge
1. Natürliche Auslese
Pango 08.02.2013
Ist das gleiche wie bei den Packungsgrößen im Supermarkt. Gewicht bzw. in diesem Fall Dosierung, stehen immer drauf! Risiken und Nebenwirkungen im Beipackzettel! Wer sich weigert zu lesen und zu verstehen, ist selbst schuld. Ja [...]
Ist das gleiche wie bei den Packungsgrößen im Supermarkt. Gewicht bzw. in diesem Fall Dosierung, stehen immer drauf! Risiken und Nebenwirkungen im Beipackzettel! Wer sich weigert zu lesen und zu verstehen, ist selbst schuld. Ja für was können denn Arzt oder Apotheker im Zweifelsfall gefragt werden? Aber wenn ich schon höre, dass auf Rentner-Treffs munter untereinander Pillen getauscht werden, "weil es ja was bringen könnte" oder die Patienten ihre Pillen nach Größe/Farben, anstatt nach Wirkstoffen wahrnehmen ... Neeneee, hier soll wieder Verantwortung abgewälzt werden. Kann so langsam zum eigenen Berufsstand werden: "Verantwortlicher"
2. Nun ja...
funkstar76 08.02.2013
... dann kauft man eben mehr als eine "kleine" Packung. Wer will, der kriegt.
... dann kauft man eben mehr als eine "kleine" Packung. Wer will, der kriegt.
3. Bitte um Aufklärung
chuckal 08.02.2013
Ich bin mal wieder zu doof. Wenn ich mich mit Paracetamol vergiften will, kaufe ich in Apotheke A eine Packung, in Apotheke B eine zweite und in Apotheke c eine dritte usw usf.. Bei der Apothekendichte hierzulande, genügt [...]
Zitat von sysopDPAEine Überdosis Paracetamol kann tödlich sein. In Deutschland gibt es deswegen nur kleine Mengen des Schmerzmittels frei zu kaufen. Britische Forscher haben jetzt nachgewiesen: Nach der Begrenzung der Packungsgröße sind dort weniger Menschen an Vergiftungen gestorben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/paracetamol-kleine-packungen-von-schmerzmittel-retten-leben-a-881999.html
Ich bin mal wieder zu doof. Wenn ich mich mit Paracetamol vergiften will, kaufe ich in Apotheke A eine Packung, in Apotheke B eine zweite und in Apotheke c eine dritte usw usf.. Bei der Apothekendichte hierzulande, genügt es in manchen Großstädten einfach die Strassenseite zu wechseln. Genügt mir das immer noch nicht oder wohne ich auf dem Lande, kaufe ich mir bei Doc Morris Online mehrere Packungen (ging zumindest Mitte 2012 noch)... Wenn das Zeug nicht verschreibungspflichtig ist, dann gibt es da keine Probleme. Und dieser simple Vorgang hält hunderte Menschen davon ab sich das Leben zu nehmen. Erstaunlich. Ebenfalls nicht kapiert habe ich, wie man sich versehentlich so viele Tabletten einwirft, dass die Leber sich verabschiedet (Kinder ausgenommen)
4. Kleiner Packungsgrößen dienen ausschließlich der Verteuerung der Einzeldosis!
Privatier 08.02.2013
Zum hinterlistigen Verstecken maßlos gesteigerter Gewinne von Apothekern und Herstellern! Die Zahl der Suizidwilligen, denen die planerisch-kognitiven Fähigkeiten oder gar der Lagerraum fehlen, zum Zeitpunkt X genügend [...]
Zitat von sysopDPAEine Überdosis Paracetamol kann tödlich sein. In Deutschland gibt es deswegen nur kleine Mengen des Schmerzmittels frei zu kaufen. Britische Forscher haben jetzt nachgewiesen: Nach der Begrenzung der Packungsgröße sind dort weniger Menschen an Vergiftungen gestorben. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/paracetamol-kleine-packungen-von-schmerzmittel-retten-leben-a-881999.html
Zum hinterlistigen Verstecken maßlos gesteigerter Gewinne von Apothekern und Herstellern! Die Zahl der Suizidwilligen, denen die planerisch-kognitiven Fähigkeiten oder gar der Lagerraum fehlen, zum Zeitpunkt X genügend Schachteln - oder platzsparender: nur noch deren Nutzinhalt - verfügbar zu haben, dürfte vernachlässigbar sein. Und da für eine letale Dosis höchstwarscheinlich kein allzu pedantisches Einhalten der Mindesthaltbarkeitsdauer erforderlich ist, dürften in der Praxis nicht einmal die Langsamsten unter der Schnittmenge von Suizidanten und Vorratssammlern ernsthaft behindert werden.
5. Ist ja auch überall drin...
Arthur Zahn 08.02.2013
Eines der großen Probleme dürfte sein, dass das Zeug ja auch überall drin ist. Und dann nehmen die Leute diesen Hustensaft und jenes Grippemittel und wegen des Fiebers noch zwei drei Tabletten obendrauf... ...und schon [...]
Eines der großen Probleme dürfte sein, dass das Zeug ja auch überall drin ist. Und dann nehmen die Leute diesen Hustensaft und jenes Grippemittel und wegen des Fiebers noch zwei drei Tabletten obendrauf... ...und schon ist es passiert....

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Zur Autorin

  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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