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09.02.2013
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Ein rätselhafter Patient

Lähmendes Entsetzen

Von
dapd

Schlaganfall-Untersuchung im Rettungswagen: Eine eindeutige Diagnose?

Lähmung, Sinnesstörungen, Bewusstlosigkeit - die Symptome einer Patientin sprechen für einen Schlaganfall. Doch in der Krankengeschichte der Frau stoßen die Ärzte auf Überraschungen. Und auch die Untersuchungsbefunde wollen nicht recht zur Diagnose passen.

Die Frau kommt mit eindeutigen Beschwerden in das Hillingdon Hospital der britischen Stadt Uxbridge im Westen Londons: Ihre linke Körperseite ist gelähmt und fühlt sich taub an. Kurz nachdem die Symptome eingesetzt hatten, verlor sie für eine halbe Stunde das Bewusstsein, wird den Ärzten berichtet.

Jonathan Segal und seine Kollegen reagieren schnell. Sie behandeln die Frau auf der "Stroke Unit", der auf Schlaganfälle spezialisierten Station. Die Symptome erscheinen eindeutig, Lähmung und Sinnesstörungen sind typische Beschwerden bei einem blockierten Gefäß im Kopf, durch das Hirngewebe abzusterben droht.

Die Patientin kann noch ohne Probleme schlucken und sprechen - beides bereitet bei einem Schlaganfall häufig Probleme. Ihre Schilddrüse produziert zu wenig Hormone, und sie ist Asthmatikerin. An Herz-Kreislauf-Krankheiten, die ein Risikofaktor für einen Hirnschlag sind, leidet sie nicht.

Um schnellstmöglich die Ursache für den Schlaganfall finden zu können, das verstopfte Gefäß oder eine ebenfalls mögliche Hirnblutung, untersuchen die Ärzte ihre Patientin im Computertomografen (CT), berichten sie im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Auf den Bildern können sie allerdings nichts Besonderes entdecken.

Schnelles Auflösen des Gefäßverschlusses

Da der Beginn der Beschwerden noch nicht lange zurückliegt, geben die Ärzte der Frau Medikamente. Die Mittel sollen das Blutgerinnsel auflösen, das die Mediziner im Gehirn vermuten. Dafür verabreichen sie ein Enzym, das einen gefäßverschließenden Thrombus beseitigen kann. Diese Therapie, im Fachjargon als Thrombolyse bezeichnet, kann nur kurz nach den ersten Symptomen eines Schlaganfalls begonnen werden. In Deutschland geben die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ein Zeitfenster von maximal viereinhalb Stunden vor.

Nachdem sie mit der Thrombolyse begonnen haben, untersuchen die britischen Mediziner ihre Patientin noch in einem Kernspintomografen. Sowohl die Aufnahmen des Gehirns als auch spezielle Bilder der Hirngefäße liefern allerdings keinen Hinweis auf eine Ursache für die Beschwerden der Frau: Es sieht alles normal aus.

Die Ärzte untersuchen die Patientin noch einmal genau, sie versuchen, neurologische Besonderheiten aufzuspüren. Was sie dabei feststellen, passt nicht so recht zur Schlaganfalldiagnose - und auch nicht zueinander: Die Muskelspannung ist in der rechten und in der linken Körperhälfte normal, die Patientin kann aber weder den linken Arm noch das linke Bein bewegen oder im Sitzen das Gleichgewicht halten. Auch spürt die Frau Berührungen in der linken Körperhälfte nur schwach. Die Reflexe lassen sich normal auslösen, auch die Hirnnerven funktionieren alle normal.

Mit Hilfe eines Tests wollen Jonathan Segal und seine Kollegen herausfinden, ob die Lähmungen der Patientin tatsächlich, wie bislang vermutet, eine körperliche Ursache haben - oder ob sich hinter dem vermeintlichen Schlaganfall etwas ganz anderes verbirgt. Der Test macht sich eine unbewusste Reaktion zunutze: Will man, flach auf dem Rücken liegend, ein Bein anheben und das andere liegen lassen, spannt man das liegende Bein unwillkürlich gegen die Unterlage an. Bei einer Lähmung wäre das nicht möglich - doch die Patientin spannt beim Anheben des rechten Beins tatsächlich die Muskulatur im linken Bein an. Das Testergebnis weist darauf hin, dass womöglich eine psychische Ursache hinter den Beschwerden der Frau steckt.

Schon zweimal in der Klinik mit ähnlichen Beschwerden

Die britischen Mediziner lesen in alten Krankenakten nach. Die Patientin wurde schon zweimal wegen vergleichbarer Symptome behandelt: 2002 war ebenfalls die linke Körperseite gelähmt gewesen, 2008 dagegen die rechte, bei beiden Klinikaufenthalten hatte die neurologische Untersuchung nicht zu einem Schlaganfall gepasst. Eine Diagnose hatte die Frau allerdings nicht bekommen - die Beschwerden waren beide Male von selbst wieder verschwunden.

So ist es auch dieses Mal. Schon nach kurzer Zeit kann die Frau wieder mit Hilfe eines Stocks laufen. Nach zwölf Tagen in der Klinik entlassen die Ärzte sie nach Hause.

Die Diagnose der Ärzte lautet Konversionsstörung, ein Begriff, den Sigmund Freud geprägt hat. Freud verstand darunter, grob erklärt, Umstände, unter denen Gefühle körperliche Reaktionen hervorrufen. Mittlerweile verstehen Ärzte darunter eine psychische Störung, bei der Patienten unter neurologischen Beschwerden leiden, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt.

Die genauen Ursachen einer Konversionsstörung sind unklar. Vermutet wird, dass den körperlichen Symptomen eine psychische Belastung zugrunde liegt. Haben Ärzte den Verdacht, müssen sie - wie im Fall der britischen Patientin geschehen - zunächst körperliche Ursachen ausschließen und überprüfen, ob der Patient seine Beschwerden simuliert. Das war bei der Frau offenbar nicht der Fall: Willentlich konnte sie die Muskeln im linken Bein wohl tatsächlich nicht anspannen - unwillkürlich dagegen schon.

Die Symptome bei einer Konversionsstörung passen, wie im Fallbericht, häufig nicht zu den Abläufen im menschlichen Körper. Es sind nur wenige Risikofaktoren für die Krankheit bekannt, dazu gehört ein junges Alter. Tatsächlich hatte die mittlerweile über 40-jährige Patientin ihre erste Krankheitsepisode mit unter 35 Jahren. Auch scheint die Störung bei Frauen häufiger aufzutreten als bei Männern. Gefährdet sind zudem Menschen, die selbst Kontakt zu Menschen mit neurologischen Krankheiten haben - die Frau arbeitet im Gesundheitswesen. Als auslösende psychische Belastung vermuten die Ärzte die Scheidung der alleinerziehenden Mutter.

Die britische Patientin wurde noch in der Klinik von Psychologen behandelt. Bei der Entlassung überwiesen die Ärzte sie an eine ambulante psychiatrische Einrichtung. Die Behandlung des vermeintlichen Schlaganfalls mit gerinnungslösenden Medikamenten hat bei der Patientin nicht zu Nebenwirkungen geführt.

Forum

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insgesamt 35 Beiträge
1. Vor die Therapie hat der liebe Gott die Diagnostik gestellt!
Latexia 09.02.2013
Eine Thrombolyse - ohne Korrelat in der Bildgebung?? Eine Thrombolyse - bevor die Patientin anständig körperlich untersucht wurde? Bin ich froh in Deutschland zu leben und nicht in Großbritannien. Eine Thrombolyse ist sehr [...]
Eine Thrombolyse - ohne Korrelat in der Bildgebung?? Eine Thrombolyse - bevor die Patientin anständig körperlich untersucht wurde? Bin ich froh in Deutschland zu leben und nicht in Großbritannien. Eine Thrombolyse ist sehr risikoreich und nur bei strengster Indikation durchzuführen. Banalste Untersuchungen hätten der Frau diese diagnostischen und therapeutischen Exzesse erspart!
2. bekanntes Phänomen
darkview 09.02.2013
Ich kenne auch eine Person, die im Rahmen einer psychischen Erkrankung infolge einer schweren langanhaltenden Traumatisierung im Rollstuhl saß, ohne nachweisbare physische Schäden zu haben. Nach längerer Therapie besserte sich [...]
Ich kenne auch eine Person, die im Rahmen einer psychischen Erkrankung infolge einer schweren langanhaltenden Traumatisierung im Rollstuhl saß, ohne nachweisbare physische Schäden zu haben. Nach längerer Therapie besserte sich diese Symptomatik. Jedoch gab es später wieder einen "Rückfall", da weitere verdrängte Traumainhalte hochkamen.
3. Auweia
Lorbeerblatt 09.02.2013
Was wird in dieser "Aufklärungsreihe" für ein Bild psychosomatischer Krankheiten vermittelt? Das ist ja tiefstes Mittelalter! Psychosomatik = simulierte Beschwerden? Bei so viel gepflegtem Vorurteil [...]
Zitat von sysopdapdLähmung, Sinnesstörungen, Bewusstlosigkeit - die Symptome einer Patientin sprechen für einen Schlaganfall. Doch in der Krankengeschichte der Frau stoßen die Ärzte auf Überraschungen. Und auch die Untersuchungsbefunde wollen nicht recht zur Diagnose passen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/patientin-mit-schlaganfallsymptomen-psychische-stoerung-als-ursache-a-882047.html
Was wird in dieser "Aufklärungsreihe" für ein Bild psychosomatischer Krankheiten vermittelt? Das ist ja tiefstes Mittelalter! Psychosomatik = simulierte Beschwerden? Bei so viel gepflegtem Vorurteil überkommt einem ja nun wirklich lähmendes Entsetzen. Da muss man ja glatt dankbar sein, dass der Vorschlag ein paar Entspannungsübungen zu machen, nicht noch auftaucht. Ein Basiskurs Psychosomatik täte gut, nein Not!
4.
rydd 09.02.2013
Interessanter Artikel. Der Fall erinnert mich an eine Patientin, die wir im Unikurs Psychiatrie hatten. Eine (Profi-)Tänzerin, die plötzlich nicht mehr laufen konnte. Alle klinischen Prüfungen waren unauffällig, sie hatte [...]
Interessanter Artikel. Der Fall erinnert mich an eine Patientin, die wir im Unikurs Psychiatrie hatten. Eine (Profi-)Tänzerin, die plötzlich nicht mehr laufen konnte. Alle klinischen Prüfungen waren unauffällig, sie hatte jedoch keine Willkürkontrolle über ihre Beine. Auslöser war bei ihr enormer Stress und ständiger Druck, immer die Beste sein zu müssen. Erstaunlich, wie sich der Körper seine Auszeit nimmt, wenn sie ihm nicht selbst zugestanden wird.
5. Eingebildete Krankheiten ...
JaguarCat 09.02.2013
... gibt es oft. Wobei der konkrete Fall schon heftig ist, wo die Frau zeitweilig sogar ihn Ohnmacht fällt. Allerdings könnte die Symptomatik auch zu einer heftigen Migräne passen. Insofern stellt sich die Frage, ob die Frau zu [...]
... gibt es oft. Wobei der konkrete Fall schon heftig ist, wo die Frau zeitweilig sogar ihn Ohnmacht fällt. Allerdings könnte die Symptomatik auch zu einer heftigen Migräne passen. Insofern stellt sich die Frage, ob die Frau zu Anfang auch eine Aura und/oder Kopfschmerzen hatte. Wobei die Kopfschmerzen bei Migräne meist erst hinterher kommen. Jag

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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