Lade Daten...
29.03.2013
Schrift:
-
+

Medizin-Apps

Selbstcheck auf der Couch

Von Astrid Viciano
Fotos

Sie messen die Herzströme, simulieren Mikroskope oder testen die Reaktionsfähigkeit: Mittlerweile existieren fast 100.000 verschiedene Apps, die Krankheiten diagnostizieren und jede Körperregung überwachen sollen. Doch die Arztpraxis im Wohnzimmer birgt Risiken.

Die Idee ergab sich fast zwingend: "Wir alle müssen pinkeln, und wir alle haben ein Mobiltelefon", beschrieb der indische Ingenieur Myshkin Ingawale das Leitmotiv seiner neuesten Erfindung. Auf der renommierten TED Conference in Long Beach, Kalifornien, stellte der 29-Jährige kürzlich sein Produkt "Uchek" vor. Es soll seinen Kunden ermöglichen, ihren Urin auf Anzeichen zum Beispiel von Diabetes oder Harnwegsinfektionen, Krebsleiden oder Lebererkrankungen zu testen. Mit Hilfe einer Smartphone-App.

Spätestens Anfang April soll "Uchek" erhältlich sein, zunächst fürs iPhone, später auch für Android-Geräte, erklärt Ingawale SPIEGEL ONLINE. Seine Erfindung reiht sich ein in einen Wust von fast 100.000 Applikationen, die einen medizinischen Nutzen versprechen. "In diesem Bereich tut sich sehr viel", sagt Urs-Vito Albrecht, App-Experte an der Medizinischen Hochschule Hannover. Laut Schätzungen der Berliner Beratungsfirma Research2Guidance erwirtschaftete die Industrie 2012 mit Smartphone-Apps im Bereich Gesundheit weltweit fast 1,1 Milliarden Euro, eine halbe Milliarde mehr als im Jahr zuvor.

Gefährliche Fehleinschätzung: Hautkrebsdiagnose per Handy-App

Fast ein Drittel des Umsatzes erbrachten Apps mit einer Messfunktion, die - wie auch die "Ucheck"-App - noch zusätzliche Produkte benötigen. Während die App zum Beispiel nur 0,99 Dollar kostet, bezahlen die Kunden für fünf Urinteststreifen und eine Testmatte, mit der sie die Farbe der Streifen abgleichen und deuten können, noch 19,99 Dollar extra.

Andere Applikationen bieten externe Sensoren an, die an das Handy gestöpselt werden können. Die Firma AliveCor etwa vermarktet in den USA ein Gerät, das die elektrischen Ströme des Herzens mittels EKG misst, die Firma iHealth bietet eine kostenlose App zur Blutdruckmessung an, verbunden mit einer zum Smartphone passenden Blutdruckmanschette. Meist versuchen die Angebote, den Nutzern das Leben mit ihrer Erkrankung zu erleichtern. "Sie können Menschen auch dazu bringen, sich mehr mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen", sagt Albrecht. Oder überhaupt einen Arzt aufzusuchen, wenn die Messwerte des Mobiltelefons auffällig sind.

Manche Apps nutzen auch nur die Eigenschaften der Smartphones, um Messungen durchzuführen. Sie bieten Hör- oder Sehtests an oder nutzen den Touchscreen, um die Reaktionsfähigkeit zu überprüfen. "Doch hängt es sehr von der Qualität der Geräte ab, wie gut die Daten erfasst werden", sagt Albrecht. Die Testergebnisse könnten allenfalls Richtwerte sein, die von einem Arzt überprüft werden müssten.

Die Anwendung mancher Medizin-Apps kann sogar die Gesundheit gefährden. So haben Dermatologen der Uni Pittsburgh in einer Studie vier Applikationen geprüft, bei denen mit Hilfe der Handy-Kamera und einer speziellen Software Vorstufen von schwarzem Hautkrebs - dem malignen Melanom - frühzeitig entdeckt werden sollten. Drei der vier untersuchten Angebote waren hoch unzuverlässig, selbst jenes mit der besten Erkennungsrate stufte 30 Prozente der Melanome als gutartig ein. Bei der vierten App schickten die Kunden die Bilder direkt an einen Hautarzt, der die Aufnahmen beurteilte. Sie schnitt deutlich besser ab als seine Konkurrenten.

"Großes Potential": iPhone-Kamera mit Mikroskop-Funktion

Wenn keine Hightech-Medizin zur Verfügung steht, können Medizin-Apps allerdings eine wertvolle Hilfe sein. So arbeiten Tropenmediziner seit Jahren daran, Smartphones mit Hilfe spezieller Kameraaufsätze in einfache Mikroskope zu verwandeln. Aktuell berichten Forscher im American Journal of Tropical Medicine and Hygiene darüber, dass sie bei einem Feldversuch in Tansania mit einem umfunktionierten iPhone Infektionen mit Darmwürmern in Stuhlproben von Kindern feststellen konnten - allerdings längst nicht so zuverlässig wie mit einem Lichtmikroskop. "Die Methode ist noch nicht ausgereift, hat aber großes Potential", sagt der Tropenmediziner Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg.

Noch findet der Boom der Medizin-Apps vor allem in den USA und Asien statt. "In Europa entwickelt sich der Markt nur langsam" sagt Ralf Jahns, Geschäftsführer von Research2Guidance. Dennoch warnt der Hannoveraner Mediziner Albrecht schon heute davor, den Smartphone-Apps allzu blauäugig zu vertrauen. "Oft bleibt unklar, inwiefern ein Anbieter die angepriesenen Leistungen zuverlässig bringen kann", sagt er. Auch wüssten die Kunden meist nicht, wie es um die Sicherheit ihrer persönlichen Daten steht.

Daher, so Albrecht, sollten die Hersteller die wesentlichen Informationen über ihre App für die Kunden verständlich zusammenfassen und zum Beispiel im jeweiligen App-Store veröffentlichen. "Dann kann der Nutzer besser entscheiden, ob er der App vertrauen möchte", sagt der Arzt.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
1. Da hat wohl auch jemand
Mancomb 29.03.2013
den Colbert Report von vor drei Tagen gesehen ;) Darin stellte der amerikanische Kardiologe Eric Topol sein Buch vor, in dem es um dasselbe Thema geht. Ein hochinteressantes Thema, das aber nach wie vor Risiken in sich birgt: [...]
den Colbert Report von vor drei Tagen gesehen ;) Darin stellte der amerikanische Kardiologe Eric Topol sein Buch vor, in dem es um dasselbe Thema geht. Ein hochinteressantes Thema, das aber nach wie vor Risiken in sich birgt: Fehlalarme, übersehene Krankheiten etc. etc. Im Moment ist das nichts weiter als eine Spielerei, den Gang zum Arzt ersetzt das jedoch noch lange nicht. Allerdings kann ich mir durchaus vorstellen, dass dadurch einige Krankheiten früher erkannt werden können. Vor allem das Vitalparameter-Monitoring klingt vielversprechend, damit könnte - ähnlich einer konventionellen Langzeitblutdruckmessung - der eigene Blutdruck viel engmaschiger kontrolliert und die medikamentöse Therapie ggf. angepasst werden. Ein Langzeit-EKG klingt auch interessant, da es z.B. eventuell Extrasystolen detektiern kann, die dem Benutzer wahrscheinlich noch nicht einmal aufgefallen waren. Die einzige medizinische App, die ich übrigens je auf Smartphones von Medizinern gesehen habe, war ein Arzneimittelkatalog, also nichts mit Sensorik. Die ist heute noch relativ ungenau und unterscheidet sich auch von Telefon zu Telefon. Vielleicht ändert sich da was, wenn die Smartphonehersteller eigens Sensoren zum Überwachen der Vitalparameter einbauen.
2.
schnuffschnuff 29.03.2013
Wenn die nicht auffallen, dann haben die in der Regel auch keinen Krankheitswert. Selbst wenn das bemerkt wird, macht es sich auch nur als Stoplern bemerkbar und kann in aller Regel ignoriert werden. So die Aussage des [...]
Zitat von Mancomb.... Ein Langzeit-EKG klingt auch interessant, da es z.B. eventuell Extrasystolen detektiern kann, die dem Benutzer wahrscheinlich noch nicht einmal aufgefallen waren...
Wenn die nicht auffallen, dann haben die in der Regel auch keinen Krankheitswert. Selbst wenn das bemerkt wird, macht es sich auch nur als Stoplern bemerkbar und kann in aller Regel ignoriert werden. So die Aussage des Kardiologen, bei dem ich deswegen zur Konsultation war. Das vorangegangen 24-Stunden-EKG hatte ca. 5500 Extrasystolen registriert.
3. optional
chalchiuhtlicue 29.03.2013
Diese ganzen Gesundheits-Apps liegen deswegen derzeit so im Trend, weil Menschen ungerne die Kontrolle über ihr Leben abgeben. Bei einem Arztbesuch haben sie das Gefühl keine Kontrolle zu haben, bei Anwendung von Apps meinen sie, [...]
Diese ganzen Gesundheits-Apps liegen deswegen derzeit so im Trend, weil Menschen ungerne die Kontrolle über ihr Leben abgeben. Bei einem Arztbesuch haben sie das Gefühl keine Kontrolle zu haben, bei Anwendung von Apps meinen sie, die Kontrolle zu behalten. Zudem gibt es ihnen die Möglichkeit, erste Anzeichen von Krankheiten übersehen zu können, denn Menschen wollen nicht krank sein und machen oft alles, Krankheiten nicht wahr zu nehmen. Das kann extreme Formen annehmen. -------------- Manch anderer hat psychosomatische Beschwerden, will sich die aber nicht eingestehen, denn wer irgendetwas mit "psycho" im Namen hat, der ist ja geisteskrank - und das will man absolut nicht sein! Also wird mit allen Mitteln nach körperlichen Krankheiten gesucht, die nicht da sind, es wird ein Arzt nach dem anderen aufgesucht und schließlich die Apps genutzt, um etwas zu finden, was nicht existiert. Etwa 40% aller Patienten in Hausarztpraxen haben psychosomatische Beschwerden. Das ist eine riesige Zahl. --------------- Die dritte Gruppe der App-Nutzer sind die Gesundheitsfanatiker, die ihr Leben straff durchorganisiert haben: Vegetarische oder vegane Kost, Sport rund um die Uhr und esoterische Seelenmassagen. Da paßt dann die komplette Selbstvermessung durch Apps bestens dazu. Es werden Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Körpergewicht, Stuhlgang und Farbe des Urins protokolliert, Kalorien und zurückgelegte Kilometer gezählt. Alles in dem Aberglauben, daß einen das ganze Theater vor einem häßlichen Tod schützen würde ... Schlechte Nachrichten für euch Gesundheitsfreaks: Arteriosklerose könnt auch ihr kriegen, denn es sind mittlerweile mehrere Gene identifiziert, die dazu führen, selbst wenn keine anderen Risikofaktoren vorhanden sind. Und auch viele Karzinome jucken sich nicht, ob der Patient "gesund" gelebt hat. ----------- Es ist wie immer: Wer einfach nur vernünftig, ausgewogen und mit Maß lebt, der kann sich solche Apps schenken, denn sie bringen ihm nichts, sie bringen nur ihren Programmierern Geld.
4. Gibt's schon lange...
aechz 29.03.2013
Ich sehe jetzt keine bahnbrechende Erfindung. Seit Raumschiff Enterprise wissen wir, dass es so etwas längstens gibt. Nennt sich "Tricorder", und ist ein kleines Gerät zur berührungslosen Analyse des Krankheitsbildes [...]
Ich sehe jetzt keine bahnbrechende Erfindung. Seit Raumschiff Enterprise wissen wir, dass es so etwas längstens gibt. Nennt sich "Tricorder", und ist ein kleines Gerät zur berührungslosen Analyse des Krankheitsbildes beim Patienten. Allerdings kann ein Tricorder nicht telefonieren.
5. Schon gewusst ...
karlsiegfried 29.03.2013
... das ganze Leben birgt Risiken - bis hin zum regelmässigen Tod. Eine Erfahrung die Millionen Jahre alt ist. Also was soll der Quatsch mit den Apps?
... das ganze Leben birgt Risiken - bis hin zum regelmässigen Tod. Eine Erfahrung die Millionen Jahre alt ist. Also was soll der Quatsch mit den Apps?

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Zur Autorin

  • Tinka Dietz
    Astrid Viciano hat in Deutschland, Frankreich und Spanien Medizin studiert, war nach ihrer Promotion Redakteurin bei "Focus", "Die Zeit" und beim "Stern", zuletzt für zwei Jahre in Los Angeles. Seit Juli 2012 lebt sie als freie Autorin in Paris.

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Apps
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten