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Gesundheit

Hysterektomien in Deutschland

Jeder sechsten Frau wird die Gebärmutter entfernt

Die Entfernung der Gebärmutter zählt zu den häufigsten OPs bei der Frau. Dabei kann die sogenannte Hysterektomie schwerwiegende Folgen haben und ist auch nicht immer nötig. Es gibt schonende Alternativen - doch viele Frauen kennen diese gar nicht.

DPA

OP-Saal: 2012 wurden in Deutschland rund 133.000 Hysterektomien durchgeführt

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Montag, 17.02.2014   14:29 Uhr

Druckschmerzen im Unterleib, sehr starke Regelblutungen, Rückenschmerzen, vermehrter Harndrang: Es gibt Beschwerden, die sehr unangenehm sind und auf die die meisten Frauen lieber verzichten würden. Doch ist es die richtige Lösung, deshalb die Gebärmutter entfernen zu lassen? Ist diese, sobald die Kinderplanung beendet ist, ein überflüssiges Organ?

Ein Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI), der vor kurzem erschienen ist, zeigt: Zwar sind die Zahlen in den vergangenen Jahren gesunken, dennoch haben 2012 Ärzte in Deutschland noch etwa 133.000 Frauen die Gebärmutter entfernt. Insgesamt wurde der Eingriff bei etwa jeder sechsten Frau im Alter zwischen 18 und 79 Jahren vorgenommen. Fast die Hälfte der Betroffenen, bei der die sogenannte Hysterektomie durchgeführt wurde, war erst zwischen 40 und 49 Jahre alt.

Dem Bericht zufolge lassen Frauen mit Kindern und übergewichtige Frauen häufiger eine Hysterektomie durchführen als kinderlose und normalgewichtige Frauen. Und je höher der Bildungsgrad der Frau ist, desto weniger häufig wird die Gebärmutter entfernt.

Möglicherweise, so die Autoren, erkläre sich das dadurch, dass gebildetere Frauen eine bessere Gesundheitsvorsorge haben, Zweitmeinungen einholen, ein größeres Wissen über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten haben und häufiger fragen: "Muss es denn wirklich sein?" Es sei zudem nicht auszuschließen, dass von ärztlicher Seite bei höher gebildeten Frauen eine größere Bereitschaft bestehe, Alternativen zur Hysterektomie aufzuzeigen.

Der Eingriff bleibt belastend

Trotz medizinischen Fortschritts: Eine Entfernung der Gebärmutter ist häufig eine größere Operation mit möglichen Folgen, derer man sich bewusst sein sollte. "Bei der OP entsteht ein Loch im Beckenboden, das wir wieder verschließen müssen", sagt Christof Sohn, Ärztlicher Direktor der Universitätsfrauenklinik Heidelberg. "Außerdem kann die Entfernung der Gebärmutter psychisch sehr belastend sein."

Wie der Körper darauf reagiert, dass die Gebärmutter entfernt wird, und ob das sexuelle Empfinden darunter leidet, lässt sich nicht vorhersagen - ein Risiko, das die Frauen also immer eingehen. Zudem können - auch später - Komplikationen auftreten: In 1,4 Prozent der Fälle kommt es zu Blasen- und Darmverletzungen sowie im Nachhinein bei 4 Prozent zu Harnwegsinfekten. Außerdem kann es sein, dass die Wechseljahre etwas früher einsetzen, weil die Hysterektomie eine wichtige Blutversorgung zu den hormonbildenden Eierstöcken kappen kann.

Zwar ist eine Entfernung der Gebärmutter mitunter unumgänglich. "Bösartige Erkrankungen der Gebärmutter und der Eierstöcke sind die wichtigsten Krankheitsbilder, die eine Hysterektomie nötig machen", sagt der Gynäkologe Sohn. Doch der Anteil der "Muss-OP" bei Krebs beträgt gerade mal 6,1 Prozent aller Gebärmutterentfernungen. Die restlichen fast 94 Prozent sind etwa durch gutartige Muskelknoten der Gebärmutter, sogenannte Myome, bedingt. Fast jede dritte Frau hat sie.

Myome lassen sich gut behandeln

Auch sehr starke Regelblutungen oder eine Gebärmuttersenkung führen die Frauen in den OP-Saal. "Bei diesen gutartigen Erkrankungen ist die Hysterektomie jedoch meist ein reiner Wahleingriff", sagt Sohn.

Wahleingriff deshalb, weil es Alternativen zur Hysterektomie gibt: Myome lassen sich, wie Sohn sagt, meist operativ durch Ausschälen beseitigen. Oder sie werden zerstört, indem man ihnen die Blutversorgung abdreht oder sie mit Ultraschallwellen beschießt.

"Nur wenn Myome deutlich wachsen, auf Nachbarorgane drücken oder Blutungen verursachen, die nicht in den Griff zu bekommen sind, ist eine Gebärmutterentfernung angebracht", sagt Sohn. "Auch wenn eine Frau viele kleine Myome hat, die die gesamte Gebärmutterwand durchsetzen, wird die Situation komplizierter." Dann gibt es jedoch die Möglichkeit, den Gebärmutterhals stehenzulassen. Davon erhofft man sich mehr Stabilität für den Beckenboden. Und auch eine Gebärmuttersenkung infolge einer Bindegewebsschwäche sei heute kein zwingender Grund mehr für eine Hysterektomie.

"Automatismen sind fehl am Platz", sagt Sohn. Entscheidungen sollten individuell gefällt werden. Zwar können Alternativen zur Hysterektomie etwas Geduld fordern. Der Eingriff, so der Gynäkologe, sollte aber nur dann durchgeführt werden, wenn der Leidensdruck hoch ist. Etwa wenn die Gebärmutter vor der Scheide liegt oder die Frau an Inkontinenz leidet. "Da die Blase fest mit der Gebärmutter- und Scheidenvorwand verwachsen ist, kann es durch die Absenkung zu einer Inkontinenz kommen oder die Blase abknicken. Letzteres fördert den Rückstau von Urin und damit Infektionen", erklärt Sohn.

Bei einer leichten oder mittleren Gebärmuttersenkung helfen dagegen gezielte Beckenbodenübungen, die die Muskulatur stärken und den haltenden Bandapparat kräftigen. "Und bei starken Blutungen kann man häufig erst einmal eine lokal wirkende Hormonspirale einsetzen", sagt Sohn.

insgesamt 77 Beiträge
taxiralle59 17.02.2014
1. Interessant
wäre allerdings noch ein Vergleich mit anderen Ländern bzw. Volksgruppen, was die Häufigkeit solcher demografisch wirksamer Eingriffe anbelangt. Unter Umständen könnte dies den Verdacht entkräften, bei uns Deutschen wäre [...]
wäre allerdings noch ein Vergleich mit anderen Ländern bzw. Volksgruppen, was die Häufigkeit solcher demografisch wirksamer Eingriffe anbelangt. Unter Umständen könnte dies den Verdacht entkräften, bei uns Deutschen wäre eine Dezimierung der Population im gange bzw. geplant.
tth 17.02.2014
2. Jede sechste?
Kann mir vielleicht jemand erklären, wie man von der Zahl 133.000/Jahr auf "jede sechste Frau" im angegebenen Altersbereich kommt?
Kann mir vielleicht jemand erklären, wie man von der Zahl 133.000/Jahr auf "jede sechste Frau" im angegebenen Altersbereich kommt?
areyoushure? 17.02.2014
3. Werbung in eigener Sache?
Herr Prof. Sohn sollte vielleicht die Risiken und Nebenwirkungen und die Indikationen für die s.g. schonenden Alternativen erwähnen? Bei der fokussierten Schallmethode gibt es bundesweit für diese sehr, sehr teure Methode [...]
Zitat von sysopDPADie Entfernung der Gebärmutter zählt zu den häufigsten OPs bei der Frau. Dabei kann die sogenannte Hysterektomie schwerwiegende Folgen haben und ist auch nicht immer nötig. Es gibt schonende Alternativen - doch viele Frauen kennen diese gar nicht. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/hysterektomie-jeder-sechsten-frau-wird-gebaermutter-entfernt-a-953374.html
Herr Prof. Sohn sollte vielleicht die Risiken und Nebenwirkungen und die Indikationen für die s.g. schonenden Alternativen erwähnen? Bei der fokussierten Schallmethode gibt es bundesweit für diese sehr, sehr teure Methode nur ein paar Handvoll Zentren. Die Indikationsstellung ist sehr eng, damit die Nebenwirkungen gering bleiben. Diese können sein: Verjauchung des Myoms, Entzündungen im Bauch etc. Gleiches gilt auch für die Embolisation der Myome/des Myoms (Verstopfung/Unterbindung der Blutversorgung) Die "Ausschälung" eines/mehrerer Myome ist schon lange Standard. Doch ist die Grenze der Methode ab einer gewissen Anzahl oder Größe erreicht. Wenn mann mit dieser Methode 3/4 der Gebärmutter durch die Myomentfernung entfernt, ist das unsinnig und langwierig (Risiko Narkosedauer z.B.) Vielen Frauen wir auch heute noch im Rahmen einer Inkontinenzoperation die Gebärmutter entfernt. Diese Frauen sind meistens deutlich über 60. Trotzdem werden Sie hier unreflektiert mit genannt. Diese Entfernung ist dabei ein "Nebeneffekt" der eigentlichen Operation. Auch in der Heidelberger Klinik werden sicher weitaus die meisten Myome mitsamt der Gebärmutter entfernt und nicht durch die anderen, genannten Methoden. Einfach schon deshalb, weil nicht jeder Befund sich gleichermaßen für alle verfügbaren Methoden eignet.
dotter101 17.02.2014
4. Krankenkassen
Sind leider teil des Problems, wie schon im Artikel erwähnt lassen sich Myome durch Schallwellen zerstören ABER es giebt nur Eine Gesetzliche Krankenkasse die dies bezahlt. Ich musste die Behandlung selber zahlen da wir in [...]
Sind leider teil des Problems, wie schon im Artikel erwähnt lassen sich Myome durch Schallwellen zerstören ABER es giebt nur Eine Gesetzliche Krankenkasse die dies bezahlt. Ich musste die Behandlung selber zahlen da wir in Zukunft Kinder haben wollen....
firenafirena 17.02.2014
5. Klar
Da knapp 70% aller Gebärmutterentfernungen im Alter zwischen 40 und 80 Jahren erfolgen, ist dies ein eindeutiger Beweis für eine Verschwörung der Regierung, welche die explosionsartige Vermehrung der Deutschen verhindern [...]
Zitat von taxiralle59wäre allerdings noch ein Vergleich mit anderen Ländern bzw. Volksgruppen, was die Häufigkeit solcher demografisch wirksamer Eingriffe anbelangt. Unter Umständen könnte dies den Verdacht entkräften, bei uns Deutschen wäre eine Dezimierung der Population im gange bzw. geplant.
Da knapp 70% aller Gebärmutterentfernungen im Alter zwischen 40 und 80 Jahren erfolgen, ist dies ein eindeutiger Beweis für eine Verschwörung der Regierung, welche die explosionsartige Vermehrung der Deutschen verhindern will. Schließlich bekommen Frauen ja genau in dieser Zeitspanne die meisten Kinder - richtig?

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Zur Autorin

  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

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