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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Gefährliches Silikon

Die Frau fühlt sich schlapp, sieht verschwommen, hat Bauchschmerzen und ständig Durst. Bei der Suche nach der Ursache erfahren die Ärzte von abenteuerlichen Schönheitsprozeduren mit schwerwiegenden Folgen.

REUTERS

Röntgenbilder von einem ähnlichen Fall in Venezuela: Ins Gesäß gespritztes Silikon kann dauerhafte Entzündungen auslösen

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Samstag, 03.05.2014   11:25 Uhr

Die Geschichte der transsexuellen Frau beginnt Jahre zuvor. Nach ihrer Geschlechtsangleichung lässt sie sich aus ästhetischen Gründen Silikon in das Gesäß spritzen. Weil sie kaum Geld hat, wird der Eingriff nicht an einer regulären Klinik oder in einer zertifizierten Praxis durchgeführt. Und sie bekommt statt Silikon, das für die Anwendung im menschlichen Körper zugelassen ist, nur industrietaugliches Silikon.

Zehn Jahre später ist von ihrem natürlichen Gesäß kaum noch etwas übrig. Beide Pohälften und die Oberschenkel schmerzen, sie sind extrem vergrößert und hart. Die Haut der 40-Jährigen ist dunkelrot verfärbt, Bewegungen und Sitzen tun ihr seit Jahren weh.

Die HIV-positive Afroamerikanerin sucht das Beth Israel Medical Center in New York allerdings aus anderen Gründen auf: Sie fühlt sich schlapp, hat Bauchschmerzen und ständig Durst. Außerdem leidet sie unter Schmerzen beim Wasserlassen und sieht nur noch verschwommen. Als die Ärzte die Frau untersuchen, berichtet sie von den Silikonspritzen, die sie zehn Jahre zuvor bekommen hat und die ihr deformiertes, schmerzendes Gesäß erklären. Ansonsten fällt den Medizinern bei der körperlichen Untersuchung nichts Besonderes auf.

Was reichert sich in den Wucherungen am Gesäß an?

Blutanalysen zeigen: Der Kreatinin-Wert, der nicht über 1,2 Milligramm pro Deziliter Blut liegen sollte und die Funktionstüchtigkeit der Nieren widerspiegelt, ist auf 1,56 Milligramm pro Deziliter erhöht. Das spricht dafür, dass die Nieren nur eingeschränkt arbeiten. Gleichzeitig ist das Kalzium im Blut stark erhöht. Das sogenannte Parathormon, das mit anderen Hormonen und Vitamin D zusammen den Kalzium- und Knochenstoffwechsel steuert, ist hingegen deutlich zu niedrig, ebenso wie eine inaktive Vorstufe von Vitamin D. Andere Blutwerte wie Schilddrüsenparameter oder spezielle Antikörper, wie sie bei Autoimmunkrankheiten vorkommen, sind nicht erhöht.

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Die Mediziner befürchten bereits, dass die Silikonspritzen für die gefährlichen Veränderungen im Körper der Frau verantwortlich sind. Aber sie müssen zunächst andere Ursachen ausschließen. Auf der Suche nach einem weiteren Entzündungsherd im Körper kontrollieren sie mit Röntgenaufnahmen und Computertomografie-Bildern die Lunge. Im Stuhl und im Urin suchen sie nach Blut und Erregern, fündig werden sie nicht. So weit möglich, schließen sie auch Krankheiten wie Tuberkulose, Sarkoidose und bösartige Tumoren aus.

Um die Entzündung besser lokalisieren zu können, spritzen sie ihrer Patientin Gallium-67. Die Substanz reichert sich daraufhin in den Wucherungen an ihrem Gesäß an. Eine Computertomografie ihrer Beckenregion zeigt zudem große Bereiche, in denen sich das Bindegewebe entzündet und knotig verändert hat.

Abwehr gegen Industriesilikon

Als Nächstes entnehmen die Ärzte der Frau einen Lymphknoten aus der Leistenregion. Darin finden sie fetthaltige Zellen, Fress-, Riesen- und andere Entzündungszellen. Damit steht für die Mediziner die Diagnose: Das Industriesilikon hat zu einer chronischen Abwehrreaktion im Körper geführt. Um das körperfremde Material haben sich Wucherungen gebildet, die Ärzte Granulome nennen.

Diese erklären auch, warum im Blut der Frau zu viel Kalzium schwimmt und die Nieren nicht mehr richtig arbeiten: Bestimmte Entzündungszellen in den Granulomen produzieren ein Enzym, das indirekt dafür sorgt, dass immer mehr Kalzium aus dem Knochen freigesetzt und aus der Nahrung über den Darm ins Blut aufgenommen wird. Das Kalzium kann die Nieren verkalken lassen und die Durchblutung stören.

Um einem dauerhaften Nierenschaden vorzubeugen, beginnen die Ärzte eine Therapie mit einem sogenannten Bisphosphonat, das den Knochenabbau hemmen soll. Außerdem bekommt die Frau Methylprednisolon, das die Entzündungen im Gesäß hemmt. Durch diese Behandlung geht es der Patientin schnell viel besser: Ihre Schmerzen verschwinden, das Gewebe schwillt sogar leicht ab, und die Nierenfunktion stabilisiert sich.

Das erleichtert die Frau so sehr, dass sie ihre Tabletten alsbald wieder weglässt, berichten die Ärzte um Koppany Visnyei vom Beth Israel Medical Center im "Journal of Medical Case Reports". Weil die Schmerzen sofort zurückkehren, die Entzündung wieder aufblüht und auch der Kalziumspiegel erneut steigt, nimmt sie die Therapie dauerhaft wieder auf. Für eine operative Behandlung komme ihre Patientin jedoch nicht in Frage, schreiben Visnyei und sein Team. Zehn Jahre nach der schädlichen Injektion sei bereits zu viel Gewebe betroffen, und die chronische Entzündung habe sich bereits zu weit ausgebreitet.

insgesamt 11 Beiträge
Malshandir 03.05.2014
1. Fragen
Unterschwelliger Rassismus bei SPON? Gibt es den in der SPON-Redaktion, Afroamerikanische, HIV-Positive Transsexuelle Frau. Informationen, die eigentlich voellig unwichtig sind, aber durchaus missverstanden werden koennen. [...]
Unterschwelliger Rassismus bei SPON? Gibt es den in der SPON-Redaktion, Afroamerikanische, HIV-Positive Transsexuelle Frau. Informationen, die eigentlich voellig unwichtig sind, aber durchaus missverstanden werden koennen. Wichtiger waere allerdings, wer bezahlt diese Sache? Der Steuerzahler? Die Frau selber, die ja sich hier einer riskanten Schoenheits-OP unterzogen hat? Die "Strassenklinik", die Industriesilikon genommen hat. Der Hersteller des Silikons, der nicht davor gewarnt hat, es zu verwenden innerhalb des menschlichen Koerpers?
apfelmus_aus_äpfeln 03.05.2014
2. Zynisch
Es ist doch sehr zynisch zu behaupten, dass jemand sein Geschlecht aus einer Laune heraus mal so eben "wechseln" würde. Vielleicht können sie es nicht nachvollziehen, dass Menschen im falschen Körper zur Welt kommen [...]
Es ist doch sehr zynisch zu behaupten, dass jemand sein Geschlecht aus einer Laune heraus mal so eben "wechseln" würde. Vielleicht können sie es nicht nachvollziehen, dass Menschen im falschen Körper zur Welt kommen und haben deshalb dieses "Gefühl". Ohne Frage wurde diese Frau sehr schlecht behandelt und hat wohl auch eigene große Fehler begangen. Das mindert doch trotzdem nicht das persönliche Schicksal dieses Menschen und hat mit der Frage der sexuellen Identität schonmal rein gar nichts zu tun.
Orya 03.05.2014
3.
Da hast du vollkommen Recht. Dass Leute viel Geld für schwerwiegende sehr schmerzhafte OPs ausgeben, und dabei das Risiko eingehen Freunde, Job und Familie zu verlieren, das ist sicher alles ein Bombenspaß und wird nur so [...]
Da hast du vollkommen Recht. Dass Leute viel Geld für schwerwiegende sehr schmerzhafte OPs ausgeben, und dabei das Risiko eingehen Freunde, Job und Familie zu verlieren, das ist sicher alles ein Bombenspaß und wird nur so aus Jux und Mode durchgezogen. Und du hast auch damit recht, dass jene völlig unschuldig sind, die anderen Industriesilikon in den Körper spritzen...
noalk 03.05.2014
4. Gesäß und Geschlecht
Was hat das Gesäß mit dem Geschlecht zu tun? Nichts! Hier hat jemand ohne Not seinen Allerwertesten gepimpt und muss nun die Folgen tragen. Da kann ich auch nur sagen: Selber schuld. Nicht nur Gier frisst Hirn, sondern auch [...]
Was hat das Gesäß mit dem Geschlecht zu tun? Nichts! Hier hat jemand ohne Not seinen Allerwertesten gepimpt und muss nun die Folgen tragen. Da kann ich auch nur sagen: Selber schuld. Nicht nur Gier frisst Hirn, sondern auch Eitelkeit.
TICKundTOOF 03.05.2014
5. Rätselhaft?
Voll mit Silikon und HIV, zielgerichtet anderes ausgeschlossen... Begleiten Sie doch mal Borreliose Patienten Monate oder Jahre bis zur Diagnose...
Voll mit Silikon und HIV, zielgerichtet anderes ausgeschlossen... Begleiten Sie doch mal Borreliose Patienten Monate oder Jahre bis zur Diagnose...
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Zur Autorin

  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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