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Gesundheit

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EU bringt strengere Acrylamid-Regeln auf den Weg

Es steckt in Pommes oder Chips - und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Ein neuer EU-Beschluss soll Konsumenten deshalb besser vor Acrylamid bewahren. Doch Verbraucherschützern geht er nicht weit genug.

Corbis

Pommes

Mittwoch, 19.07.2017   18:03 Uhr

Das umstrittene Acrylamid findet sich in kleinen Mengen fast überall in Geröstetem, Gebackenem und Frittiertem - Verbraucher sollen künftig weniger von dem potenziell krebserregenden Stoff konsumieren. Ein Expertengremium der EU-Länder hat in Brüssel strengere Produktionsrichtlinien beschlossen und den Vorschlag einer neuen EU-Verordnung angenommen. Nach der Entscheidung folgt nun eine dreimonatige Einspruchsfrist, bevor die EU-Kommission die Vorlage endgültig annimmt. Das Inkrafttreten ist für Frühjahr 2019 geplant.

Die neue Regelung betrifft etwa die Verarbeitung von Kartoffeln, aber auch das Backen von Keksen - allerdings nur bei professionellen Herstellern. Acrylamid entsteht, wenn man stärkehaltige Lebensmittel stark erhitzt, also zum Beispiel beim Frittieren von Kartoffeln oder beim Backen von Keksen, Brot oder Kuchen. Die Entstehung ist Teil der sogenannten Maillard-Reaktion, die Lebensmittel bräunt - ihnen aber auch ihren typischen Geschmack verleiht und sie knusprig macht.

Die Brüsseler Behörde macht den Nahrungsmittelherstellern nun genaue Vorgaben für die Verarbeitung. Denn es gibt kleine Stellschrauben, um die Entstehung von Acrylamid zu drosseln: weniger Zucker im Rohprodukt, möglichst wenig Hitze, möglichst geringe Bräunung. So will die Kommission unter anderem, dass Kartoffelsorten mit wenig Stärke verarbeitet werden und dass durch Einweichen oder Blanchieren die Stärke vor dem Frittieren ausgewaschen wird, dass mit möglichst niedrigen Temperaturen gegart und Fritten oder Brot nur so stark gebräunt werden wie eben nötig.

Maßnahmen reichen wohl nicht aus

Bei Produkten zum Selberbacken sollen Verbraucher eine genaue Anleitung bekommen, um auch zu Hause Risiken zu vermeiden. Bräunungstabellen etwa bei Ofen-Fritten sollen einen Maßstab bieten, wie etwa ein Aufbackbrötchen aussehen soll.

Der europäische Verbraucherverband BEUC vermisst bei der Regelung jedoch "rechtlich verbindliche Obergrenzen" für Acrylamid. Die vorgeschlagenen Maßnahmen reichten wahrscheinlich nicht aus, um die "Werte dieses schädlichen Inhaltstoffs im Essen" zu senken, heißt es in einer Stellungnahme des Verbands.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband nannte die Verordnung unverhältnismäßig, überflüssig und bürokratisch. Statt Betriebe mit Auflagen zu überziehen, sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, forderte der Verband. "Die irrwitzige Forderung nach einer 'Pommes-Ampel' ist sicher nicht geeignet, der um sich greifenden EU-Skepsis entgegenzuwirken."

Die Debatte über Risiken durch Acrylamid läuft seit 2002, als schwedische Wissenschaftler den Stoff in Lebensmitteln nachwiesen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stellt klar: Tierstudien hätten gezeigt, "dass Acrylamid krebserzeugend wirkt". Deshalb sei es "als mutagener und kanzerogener Stoff mit Bedeutung für den Menschen eingestuft". Die europäische Lebensmittelaufsicht Efsa geht davon aus, dass Acrylamid im Essen das Krebsrisiko erhöht.

joe/dpa

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