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Gesundheit

Barmer-Arzneimittelreport

Jeder Fünfte über 65 erhält ein ungeeignetes Medikament

Viele Patienten erhalten einen gefährlichen Mix aus Medikamenten, zeigt ein aktueller Report der Barmer Krankenkasse. Die möglichen Folgen reichen von Nierenversagen bis zu inneren Blutungen.

Getty Images
Donnerstag, 05.07.2018   13:58 Uhr

Ärzte haben oft keinen Überblick darüber, welche Medikamente ihre Patienten einnehmen und was bei der Verordnung zu berücksichtigen ist. Eine Folge: Jeder Fünfte über 65 Jahren erhält ein Mittel, das für seine Altersgruppe nicht mehr empfohlen wird - egal in welcher Dosierung. Zu diesem Ergebnis kommt der Arzneimittelreport der Barmer-Krankenkasse.

Es gehe nicht um Schuldzuweisungen in Richtung Ärzte, erklärte Barmer-Chef Christoph Straub. Es sei enorm schwierig, den Überblick zu behalten. Trotzdem wären viele der Risiken vermeidbar. Probleme bereiteten etwa Sprachbarrieren, Selbstmedikation durch die Patienten oder unvollständige Medikationspläne.

Für ihre Analyse hatten Experten die Arzneimitteltherapie der Barmer-Versicherten ausgewertet. Demnach erhielt jeder Vierte im Jahr 2016 fünf oder mehr Arzneimittel. Zwei Drittel davon bekamen Verschreibungen von drei oder mehr Ärzten. Dadurch steigt das Risiko für einen gefährlichen Mix an Wirkstoffen.

Vier Beispiele:

Mehr als 200.000 Versicherte erhielten gleichzeitig bestimmte Blutdrucksenker (aus der Gruppe der ACE-Hemmer, AT1 Rezeptorantagonisten, Renin-Antagonisten) sowie entwässernde Arzneimittel und Arzneimittel wie Ibuprofen oder Diclofenac. Dadurch bestehe ein hohes Risiko eines akuten Nierenversagens, erklärt der Autor des Reports Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken.

Mehr als 1400 Versicherte bekamen einen Arzneistoff für die Krebs- und Rheumatherapie (Methotrexat), obwohl das Mittel bei ihnen wegen gleichzeitig stark eingeschränkter Nierenfunktion nicht eingesetzt werden dürfte.

Auch bei Antibiotikatherapien kann dem Report zufolge einiges schiefgehen. Die Behandlung mit dem Antibiotikum Trimethoprim etwa, das häufig bei Harnwegsinfektionen eingesetzt wird, sei oft unnötig gefährlich. Jeder dritte Patient nimmt der Untersuchung zufolge gleichzeitig andere Arzneimittel ein, die aufgrund von Wechselwirkungen das Risiko einer Notfallbehandlung im Krankenhaus vervielfachten.

Wer wiederum bestimmte Blutverdünner und gleichzeitig Acetylsalicylsäure, besser bekannt als Aspirin, schluckt, dem drohen innere Blutungen.

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Alles im Blick: Herausforderung für die Ärzte

Weniger unerwünschte Arzneimittelwirkungen bedeuteten weniger Krankenhauseinweisungen und weniger Todesfälle, erklärte Straub. Patienten müssten daher besser vor diesen Risiken geschützt werden. Für Ärzte sei es allerdings enorm schwierig, den Überblick zu behalten.

Das Problem betrifft vor allem Hausärzte. "Sie müssen die Gesamtmedikation ihrer Patienten, also auch die von Fachärzten verordneten Arzneimittel, beurteilen", sagt Grandt. "Dass der Arzt hier die Risiken ohne Hilfsmittel immer korrekt einschätzen kann, ist schlichtweg nicht realistisch."

Die Barmer verweist auf ein zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe entwickeltes Projekt, das diese Probleme lösen könnte. Hausärzte erhalten dabei Daten, aus denen sie die Verordnungen aller Ärzte entnehmen können und Hinweise, um potenzielle Risiken der Therapie zu vermeiden.

Video: Die herzkranke Gesellschaft - Wie hilfreich sind Blutdruckmittel?

Foto: NDR

irb/AFP

insgesamt 23 Beiträge
wdiwdi 05.07.2018
1. Ich dachte...
das zuverlässige Verhindern solcher Probleme ist das Argument, warum es immer ein Apotheker in der Apotheke an jeder Ecke bei der Arzneimittelbeschaffung sein muss, aber nie ein Internet-Arzneiversandhändler, verschreibungsfreie [...]
das zuverlässige Verhindern solcher Probleme ist das Argument, warum es immer ein Apotheker in der Apotheke an jeder Ecke bei der Arzneimittelbeschaffung sein muss, aber nie ein Internet-Arzneiversandhändler, verschreibungsfreie Arzeimittel im Supermarkt etc. sein darf.... man hört doch immer wieder von der Apothekerlobby, nach der jeder Apotheker ausführliche und hochqualifizierte Beratungsleistungen bietet und deswegen unverzichtbar ist, und jeder alternative Vertriebskanal deshalb absolut verboten werden muss....
Sonia 05.07.2018
2. Interessiert es die Ärzte wirklich?
Es gibt inzwischen den Medikationsplan, den der Patient zu allen Ärzten mitnimmt. Genau die Situation erlebte ich bei meinen Großeltern: Hausarzt ASS, Kardiologe Blutverdünner, obwohl dem der Plan vorgelegt wurde..Ich rief an, [...]
Es gibt inzwischen den Medikationsplan, den der Patient zu allen Ärzten mitnimmt. Genau die Situation erlebte ich bei meinen Großeltern: Hausarzt ASS, Kardiologe Blutverdünner, obwohl dem der Plan vorgelegt wurde..Ich rief an, hatte er übersehen. Gerade Alte sind dem voll ausgeliefert..Hätte mehrere krasse Beispiele. Jetzt gehen meine Großeltern in eine vorbildliche Apotheke. Kundenkartei, alle Verordnungen werden eingetragen u. die Apothekerin ruft ggf. Ärzte zurück, wenn sie Bedenken hinsichtlich Wechselwirkungen hat. Sie rief sogar den Hausarzt an, ob der Cholesterinsenker nicht die Ursache für die zunehmende Muskelschwäche meiner Oma sein könnte. Den Arzt interessierte es nicht, als wir danach fragten. Die Apothekerin klärte uns über die Nebenwirkungen auf. Und siehe da: Oma läuft wieder prima, ihr fällt nichts aus der Hand. Und dass alles, weil eine tolle Apothekerin dem Arzt Hinweise gab. Nun ein leicht erhöhtes LDL - aber meine Oma lebt wieder.
susie.soho 05.07.2018
3. Selbstverantwortung
Wenn man die geschilderten Nebenwirkungen nicht erleiden will, sollte seiner Hausärztin/seinem Hausarzt jeweils den Bericht des Facharztes zuschicken lassen oder beim nächsten Hausarztbesuch mitteilen, was ein Fachart verordnet [...]
Wenn man die geschilderten Nebenwirkungen nicht erleiden will, sollte seiner Hausärztin/seinem Hausarzt jeweils den Bericht des Facharztes zuschicken lassen oder beim nächsten Hausarztbesuch mitteilen, was ein Fachart verordnet hat. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ich bekomme von der Hausärztin regelmäßig einen Medikationsplan, den ich - bei Bedarf - bei jedem Facharzt vorlegen kann. Natürlich sollte auch der Apotheker prüfen, ob sih die verordneten Medikamente gegenseitig "vertragen"; dazu ist es aber erforderlich, immer in der gleichen Apotheke einzukaufen. Kurz und gut: der Patient sollte darauf achten, dass der Hausarzt von ihm immer vollständig informiert wird.
hwdtrier 05.07.2018
4. Die
Europaapotheek hat meinen Medikamentenplan und schickt bei jeder Bestellung Unterlagen welche Probleme ggf. bei Anwendung ergeben können. Ist top.
Europaapotheek hat meinen Medikamentenplan und schickt bei jeder Bestellung Unterlagen welche Probleme ggf. bei Anwendung ergeben können. Ist top.
derhey 05.07.2018
5. Auch im Krankenhaus
trotz dort behandelter chronischer Gastritis hat meine Frau (70+) Schmerzmittel bekommen IBU. Im Beipack - nicht bei Magenbluten etc. Der Oberarzt - geht schon, ist ja nichts passiert.
trotz dort behandelter chronischer Gastritis hat meine Frau (70+) Schmerzmittel bekommen IBU. Im Beipack - nicht bei Magenbluten etc. Der Oberarzt - geht schon, ist ja nichts passiert.

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