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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Quälende Nässe

Eine junge Frau leidet seit Jahren unter ständigem Ausfluss im Genitalbereich. Urologen und Gynäkologen konnten ihr bislang nicht helfen. Dann stellt eine Ärztin endlich eine Frage, die zur Lösung führt.

Getty Images/iStockphoto

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Von
Sonntag, 08.07.2018   07:46 Uhr

Die 17-Jährige sucht in einer Klinik für Gynäkologie bei Kindern und Heranwachsenden Rat. Seit drei Jahren leidet sie unter starkem vaginalen Ausfluss, schildert sie. Ständig muss sie Binden tragen, um die klare Flüssigkeit aufzufangen. Manchmal juckt ihr Genitalbereich, manchmal riecht er auch schlecht, erzählt sie den Ärztinnen im Baylor College of Medicine in Houston, Texas. Sie leidet sehr darunter.

Insgesamt sechs Mal war sie wegen der Beschwerden schon bei Urologen oder Frauenärzten. Doch bisher hat sie keine klare Diagnose - und vor allem keine Hilfe - bekommen.

Die Ärztinnen fragen sie, ob sie Sex hatte oder Gegenstände in ihre Vagina eingeführt habe. Beides verneint die junge Frau. Sie raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen oder besonderen Medikamente. Es geht ihr, abgesehen von dem Ausfluss, gut.

Keine Schmerzen, kein Problem mit der Blase

Es gibt keine Hinweise auf Probleme mit der Harnblase, keinen Blut im Urin, und die 17-Jährige hat auch keine vaginalen Schmerzen.

Bei den früheren Arztbesuchen wurde sie bereits per Ultraschall untersucht. Es wurde auch ausgeschlossen, dass eine Infektion mit Bakterien oder Pilzen den Ausfluss verursacht, ebenso, dass die Flüssigkeit aus dem Harntrakt stammt.

Die Ärztinnen untersuchen die junge Frau erneut und stellen fest, dass die gesamte Vulva sehr feucht ist. Allerdings bemerken sie keinen verstärkten Austritt von Flüssigkeit aus der Vagina. Anatomische Auffälligkeiten entdecken sie keine, berichten die Medizinerinnen um Krista Childress im "Journal of Pediatric and Adolescent Gynecology".

Ein wichtiges Detail

Die Ärztinnen stellen der Patientin weitere Fragen, um die Ursache des Problems zu ergründen. Schließlich nennt die 17-Jährige ein wichtiges Detail: Sie war wegen einer anderen Beschwerde beim Hautarzt in Behandlung: wegen übermäßigen Schwitzens in den Achselhöhlen. Auf Nachfrage bestätigt sie: Der Ausfluss im Genitalbereich ist stärker, wenn sie Sport treibt.

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Die Ärztinnen vermuten, dass ihre Patientin an einer sogenannten Hyperhidrose leidet, also übermäßigem Schwitzen. Meist ist vor allem der Schweißfluss in den Achselhöhlen das Problem. In seltenen Fällen kann jedoch der Genitalbereich betroffen sein.

Die junge Frau erhält ein Präparat mit Aluminiumchlorid. Die Verbindung ist auch als schweißhemmender Wirkstoff von Antitranspirantien bekannt. Sie trägt es im Genitalbereich auf, um die Schweißbildung zu hemmen.

Denkbar wäre auch, das übermäßige Schwitzen durch das Spritzen von Botox zu verhindern: Das Gift legt die Nerven eine Zeitlang lahm, wodurch sich das Schwitzen reduziert. Der Effekt halte etwa sechs bis acht Monate an, berichten die Ärztinnen.

Bei der Patientin erzielt allerdings das Aluminiumchlorid schon den erwünschten Effekt. Nach einem Monat hat sich das Problem weitgehend gelöst. Sie kommt ohne Binden aus. Bei einer täglichen Anwendung des Präparats hat sie keine Beschwerden mehr.

Über Aluminiumchlorid in Antitranspirantien wird seit einiger Zeit kritisch gesprochen. Man fürchtet Langzeiteffekte, wenn sich Aluminium im Körper anreichert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung etwa weist darauf hin, dass einige Menschen schon über die Nahrung die maximal erwünschte Menge Aluminium aufnehmen und diese dann durch den Einsatz von Antitranspirantien überschreiten. Es empfiehlt deshalb, die Mittel nicht nach der Rasur oder auf geschädigter Haut einzusetzen - und weist auf Deos ohne Aluminiumverbindungen hin.

Im Fall der Patientin allerdings wird der Gewinn an Lebensqualität sicher als wichtiger gewertet als ein mögliches Langzeitrisiko - schließlich haben ja auch andere Medikamente und Therapien Nebenwirkungen.

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