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Gesundheit

Behandlungsfehler

Vergessene Tupfer, falsche Eingriffe, verwechselte Patienten

Die Zahl der Behandlungsfehler ist im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen, Gutachter der Krankenkassen registrierten rund 3300 Fälle. Am häufigsten betroffen war die Orthopädie.

DPA

OP-Situation (Symbolbild)

Dienstag, 05.06.2018   16:33 Uhr

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr etwas weniger Behandlungsfehler in Kliniken und Arztpraxen festgestellt. Nach Patientenbeschwerden wurden 13.519 Gutachten geschrieben und 3337 Fehler und Schäden bestätigt, wie der Medizinische Dienst der Kassen (MDK) mitteilte. Demnach erhärtete sich der Verdacht auf Behandlungsfehler in jedem vierten Fall, bei den übrigen wurde er widerlegt. Im Jahr 2016 lag die Zahl der bestätigten Fälle mit 3564 noch etwas höher.

Etwa ein Drittel der Vorwürfe und Verdachtsfälle entfiel laut MDK auf den Bereich Orthopädie und Unfallchirurgie. Dies sage jedoch nichts über die tatsächliche Zahl der Behandlungsfehler oder das Risiko in dem Bereich aus, betonte dieser. Generell seien Fehler etwa nach chirurgischen Eingriffen von Patienten oftmals leichter zu erkennen als Fehler, die bei Medikamentenverordnung passierten.

"Immer wieder die gleichen Fehler"

MDK-Vizegeschäftsführer Stefan Gronemeyer nannte die neueste Bilanz seiner Organisation "ernüchternd". Es passierten "immer wieder die gleichen Fehler - und zwar auch solche, die nie passieren dürften". Dazu zählten nach Operationen im Körper vergessene Tupfer, falsche Eingriffe und verwechselte Patienten.

Der MDK ist nicht die einzige Institution, die eine Statistik über Behandlungsfehler erstellt. Die Ärzteschaft, die eigene Beschwerdestellen hat, berichtete bereits Anfang April über ihre Bilanz für 2017. Die Zahl der festgestellten Fehler ging dort leicht auf 2213 bestätigte Fälle zurück.

Wenn Versicherte Behandlungsfehler vermuten, können sie sich bei Gutachtern und Schlichtern der Ärzte und bei den Krankenkassen melden, die dann Gutachten in Auftrag geben. Als Fehler gilt, wenn eine Behandlung nicht dem anerkannten Standard entspricht, also nicht angemessen, sorgfältig, richtig und zeitgerecht ist.

Hohe Dunkelziffer

Behandlungsfehler werden in Deutschland nicht zentral erfasst. Deshalb spiegeln die Zahlen der MDK auch nur einen Teil wider. Es sei zudem von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, erklärte der MDK. Viele Geschädigte scheuen die Auseinandersetzung, haben keine Kraft oder versprechen sich keinen Erfolg. Unbekannt ist außerdem, wie viele Patienten wegen Beeinträchtigungen direkt vor Gericht ziehen. Nötig sei daher eine Meldepflicht wie für Arbeitsunfälle.

Patientenschützer fordern ein gemeinsames Zentralregister für Behandlungsfehler und Pflegefehler, um mehr Transparenz zu schaffen. "Fehler ist Fehler", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Es müsse Schluss damit sein, dass Krankenkassen, Ärztekammern und Gerichte Fehler nebeneinanderher sammelten. Viele Patienten warteten zudem seit Jahren auf einen Härtefallfonds, der bei tragischen Fällen schnell hilft, so Brysch.

Die Bundesärztekammer hingegen hatte bei der Vorlage ihrer Zahlen vor rund zwei Monaten vor "Panikmache" gewarnt. Jeder Fehler sei "einer zu viel", aber bei 19,5 Millionen Klinikbehandlungen und einer Milliarde Arztkontakten pro Jahr bewege sich die Zahl "im Promillebereich". Ärzte steuerten außerdem durch verschiedene Maßnahmen wie Qualitätssicherung und anonyme Meldesysteme gegen.

irb/AFP/dpa

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