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Gesundheit

Rheuma, Diabetes, Krebs

Was Biologika können

Biologika entstehen in lebenden Zellen - dank Gentechnik. Die Medikamente wirken sehr gezielt, sind aber extrem teuer und haben zum Teil erhebliche Nebenwirkungen. Deswegen sind sie nicht für jeden Patienten geeignet.

Getty Images

Wissenschaftler mit Petri-Schale (Symbolbild)

Montag, 04.12.2017   12:02 Uhr

Sie kommen als Medikamente bei Rheuma oder Diabetes aber auch bei Krebs zum Einsatz: sogenannte Biologika. Das sind Arzneimittel, die mit Hilfe von Gentechnik in lebenden Zellen hergestellt werden. Die größte Bedeutung haben die therapeutischen Antikörper. Der Vorteil: Sie wirken viel gezielter als herkömmliche Medikamente. Dafür sind sie deutlich teurer, und sie haben ihre Nebenwirkungen.

Auf dem Markt sind Biologika seit rund 20 Jahren. Etwa 180 derartige Wirkstoffe sind in dieser Zeit erschienen, sagt Pharmazeut Gerd Bendas vom pharmazeutischen Institut an der Universität Bonn. Typische Einsatzgebiete sind entzündliche Autoimmunerkrankungen, Krebsleiden oder Stoffwechselerkrankungen.

Insulin aus der Hefezelle

Den Unterschied in der Herstellung zu herkömmlichen Medikamenten erklärt Bendas anhand eines Beispiels: Insulin für Diabetiker wurde früher zunächst aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen gewonnen, im Anschluss chemisch verändert und dann als Arzneimittel beim Menschen eingesetzt. Heute wird für ein Biologikum der entscheidende Genabschnitt des menschlichen Insulins zum Beispiel in eine Hefezelle eingesetzt, um dort Insulin zu produzieren.

Neben Biologika, die fehlende körpereigene Strukturen ersetzen, zählen auch die gentechnisch erzeugten therapeutischen Antikörper zu dieser Gruppe von Arzneimitteln. Sie können an bestimmte Strukturen spezifisch binden und dadurch hemmen. Vereinfacht formuliert bedeutet das: Bei einer Autoimmunerkrankung wie Rheuma legen sie nicht das ganze Immunsystem lahm, sondern sind auf bestimmte Stoffe programmiert - sie fangen zum Beispiel gezielt Signalstoffe ein, die die Entzündung vorantreiben.

Nebenwirkungen bei Biologika

Stefan Schewe von der Deutschen Rheuma-Liga erklärt, was das im Alltag für Betroffene bedeutet: Sie spritzen sich die Medikamente je nach Wirkstoff im Abstand von einer bis vier Wochen. Manche Mittel werden alle acht Wochen per Infusion verabreicht.

Je nach Erkrankung nehmen sie aber auch ihre bisherigen Medikamente weiter ein. Das hat zwei Gründe: Bei rheumatoider Arthritis etwa verstärken sie die Wirkung, erklärt Schewe. "Und sie verhindern die Antikörperbildung gegen das Biologikum." Viele Biologika sind Eiweißprodukte, gegen die der Körper sich unter Umständen zur Wehr setzt.

Das heißt, die Medikamente haben mitunter unerwünschte Wirkungen. Die Patienten werden zum Beispiel anfälliger für Infektionen. Außerdem sind allergische Reaktionen oder Unverträglichkeiten möglich.

Pharmakologe Gerd Glaeske von der Universität Bremen hält bei der Therapie mit einem Biologikum die Dokumentation von Nebenwirkungen für wichtig. Patienten sollten ihrem Arzt gegenüber deshalb offen mit unerwünschten Wirkungen oder Problemen umgehen.

Bis zu 100.000 Euro pro Patient im Jahr

Obwohl sie die Therapie verbessern können, bekommen längst nicht alle Patienten Biologika. Bei Rheuma kommen sie erst zum Einsatz, wenn die Basismedikation nicht ausreicht, erklärt Schewe. Das habe vor allem ökonomische Gründe: Biologika seien um bis das Hundertfache teurer als die Basismedikamente. Laut Glaeske liegen die Kosten bei 50.000 bis 100.000 Euro pro Patient und Jahr.

Etwas günstiger sind die sogenannten Biosimilars. "Das sind die 'Generika' der Biologika", erklärt Glaeske. Diese Mittel haben zwar die gleiche Wirkung wie die Originale, können aber eine abweichende Struktur haben und müssen noch einmal die klinischen Prüfungen zur Zulassung durchlaufen. Es sind also ähnliche, aber nie dieselben Mittel wie die Biologika. Die Kosten für die Biosimilars sind laut Glaeske etwa 20 bis 30 Prozent niedriger als für Biologika, die Qualität sei aber die gleiche.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Artikel nach Veröffentlichung in Bezug auf die Antikörper und Inhaltsstoffe spezifiziert.

von Elena Zelle/dpa/koe

insgesamt 6 Beiträge
ledmetallica 04.12.2017
1. Rheumamedikant
Ich selbst habe Erfahrungen machen müssen mit einem Rheumamedikant dieser Art. Es hat mich mehr Krank gemacht und leider nicht gewirkt. Eine Freundin hatte das Glück dass es bei Ihr geholfen hat. Dieses Medikament war laut [...]
Ich selbst habe Erfahrungen machen müssen mit einem Rheumamedikant dieser Art. Es hat mich mehr Krank gemacht und leider nicht gewirkt. Eine Freundin hatte das Glück dass es bei Ihr geholfen hat. Dieses Medikament war laut Rheumatologen das beste und effizienteste Medikament gegen Rheuma, aber auch das Teuerste und Giftigste seiner Art. Nachdem es abgesetzt wurde, erkannte man die Nebenwirkungen erst: Wachstumsstopp und Angriff des Immunsystems. Da ich damals noch im Wachstum war, habe ich heute noch Beschwerden. Dem einem Hilft es, dem Anderen nicht.
georg69 04.12.2017
2.
Bei schwerer Psoriasis, die unbehandelt kaum auszuhalten ist und das Leben zur Hölle macht, sind die neuen Biologics ein unschätzbarer Segen. Zu einem sehr hohen Preis kann der Patient nahezu erscheinungsfrei werden, [...]
Bei schwerer Psoriasis, die unbehandelt kaum auszuhalten ist und das Leben zur Hölle macht, sind die neuen Biologics ein unschätzbarer Segen. Zu einem sehr hohen Preis kann der Patient nahezu erscheinungsfrei werden, idealerweise ohne nennenswerte Nebenwirkungen. Wenn man bereits die gesamte Palette an Immunsuppressiva sowie anderen inneren und äußeren Therapien durchhat, bekommt mit den Biologics wieder echte Lebensqualität.
ralph.lobenstein 04.12.2017
3. Psoriasis Arthritis
Bekomme monatlich seit April ein Biologica bzw Monoklonale Antikörper Cosentyx.Das einzige was meine Psoriasis geheilt hat.Leider sind die Spritzen sehr teuer ,fast 1.800?, hoffe für meine Krankenkasse dass es bald Generika [...]
Bekomme monatlich seit April ein Biologica bzw Monoklonale Antikörper Cosentyx.Das einzige was meine Psoriasis geheilt hat.Leider sind die Spritzen sehr teuer ,fast 1.800?, hoffe für meine Krankenkasse dass es bald Generika gibt.Und noch kann mir kein Arzt definitiv sagen wie lange ich das Medikament noch nehmen muss.
Faktomat 04.12.2017
4. Durcheinander
Im Artikel geht so viel durcheinander, dass man gar nicht weiss, wo anzufangen. Z.B. ist auch Insulin, welches aus der Bauchspeicheldruese von Schweinen gewonnen wird, ein Biologikum. Auch sind Antikoerper nicht “noch [...]
Im Artikel geht so viel durcheinander, dass man gar nicht weiss, wo anzufangen. Z.B. ist auch Insulin, welches aus der Bauchspeicheldruese von Schweinen gewonnen wird, ein Biologikum. Auch sind Antikoerper nicht “noch innovativer als Biologika”, sondern es sind ebenfalls Biologika. Der gemeinsame Nenner ist, dass sie “biologisch” gewonnen werden, aus Pflanzen, Tieren, Menschen (insbesondere Blut), oder (fast immer) genetisch manipulierten Zellen oder Microorganismen wie Hefe oder Bakterien. Ein weiterer gemeinsamer Nenner ist, dass es sich um Riesenmolekuele handelt, im Gegensatz zu den “small chemicals” konventioneller Arzneistoffe, die chemisch synthetisiert werden koennen. Dadurch ergibt sich noch ein gemeinsamer Nenner: Die Molekuele sind so gross und komplex, dass sie nicht durch analytische Methoden vollstaendig charakterisiet werden koennen; vielmehr ist zusaetzlich die genaue Kenntniss aller Schritte des Herstellungsprozesses erforderlich, um ein Biologikum eindeutig zu charakteriesieren. Deshalb gibt es keine identischen Generika, sondern nur “Biosimilars”, weil die Originalhersteller ihren Produktionsprozess im Detail nicht offenlegen. Und selbstverstaendlich sind auch Biosimilars Biologika. Ebenfalls irrefuehrend ist der Satz: “Biologika sind Eiweißprodukte, gegen die der Körper sich normalerweise zur Wehr setzt”. Viele Biologika sind Proteine, aber nicht alle. Wenn diese Proteine auch natuerlich im Menschen vorkommen, dann setzt er sich nicht zur Wehr. Und wenn nicht, dann gibt es oft Tricks das Protein so zu verpacken, dass es das Immunsystem zu ueberlistet.
just_another_one 04.12.2017
5. Kosten
"Laut Glaeske liegen die Kosten bei 50.000 bis 100.000 Euro pro Patient und Jahr." Das ist Blödsinn, die Kosten für die umsatzstärksten Medikamente bei den Biologika wie Humira, Enbrel etc. liegen bei der [...]
"Laut Glaeske liegen die Kosten bei 50.000 bis 100.000 Euro pro Patient und Jahr." Das ist Blödsinn, die Kosten für die umsatzstärksten Medikamente bei den Biologika wie Humira, Enbrel etc. liegen bei der üblichsten Dosierung bei 20000 - 25000 in Deutschland. Wobei die Kosten wie im Artikel beschrieben aufgrund der zunehmenden Konkurrenz und Nachahmer weiter sinken werden. Die stärker werdende Auswahl ist übrigens nicht nur aus Kostenseite interessant, sondern auch um bessere Wechselmöglichkeiten aufgrund der Antikörperbildung zu haben.

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