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Gesundheit

Brustkrebs

Gentest kann Frauen Chemotherapie ersparen

Gentests sollen zeigen, welche Brustkrebs-Patientinnen eine Chemotherapie benötigen. Bislang zweifelten Experten an den Ergebnissen, die Kosten wurden nicht erstattet. Eine neue Studie könnte das ändern.

Getty Images/iStockphoto

Symbolbild

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Dienstag, 05.06.2018   18:49 Uhr

Entdecken Ärzte bei einer Frau Brustkrebs im Frühstadium, stehen sie vor einer schwierigen Entscheidung: Welche Therapie benötigt die Patientin, um auch langfristig vor einem Rückfall geschützt zu sein? Braucht sie eine Chemotherapie, die Tumorzellen im ganzen Körper abtötet, aber auch sehr belastend für den Körper ist? Oder reicht es aus, das betroffene Gewebe zu entfernen, sie zu bestrahlen und zum Beispiel mit einer Antihormontherapie zu behandeln?

Bislang stützten sich Mediziner bei ihrem Urteil auf verschiedene Eigenschaften der Erkrankung: Sie bestimmten das Ausmaß der betroffenen Lymphknoten, maßen die Größe des Tumors und analysierten Besonderheiten des Gewebes. In Zukunft könnte noch eine weitere Entscheidungshilfe hinzukommen: Untersuchungen, die die Aktivität verschiedener Gene im Tumorgewebe bestimmen. Ihre Ergebnisse sollen zeigen, wie hoch die Gefahr für einen Rückfall ist.

Entsprechende Tests sind in Deutschland zwar schon seit einigen Jahren auf dem Markt, Experten zweifelten bislang jedoch an ihrem Nutzen. Es fehlten qualitativ hochwertige Studien, die belegen, dass die Ergebnisse wirklich zuverlässig sind. "Man muss sich darüber im Klaren sein, wie groß die Auswirkungen einer Fehlentscheidung sind", sagt Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ). "Leistet der Test nicht, was er verspricht, enthält man Frauen wichtige Chemotherapien vor und riskiert, dass der Krebs bei ihnen zurückkommt."

Eine aktuelle Untersuchung aus den USA könnte diese Unsicherheit jetzt zumindest bei einem der verfügbaren Gentests nehmen. Die Autoren hoffen, Ärzten in Zukunft bei schwierigen Entscheidungen für oder gegen eine Chemotherapie besser unterstützen zu können - und vielen Frauen die Behandlung zu ersparen.

Knapp 9000 Frauen - die Hälfte verzichtete auf die Chemo

Für ihre Studie konzentrierten sich die Forscher auf einen Gentest, der in Deutschland seit 2009 unter dem Namen "Oncotype DX" erhältlich ist. Der Test bestimmt die Aktivität von 21 Genen im Tumorgewebe. Aus den Ergebnissen berechnet er einen Wert auf einer Skala von null bis 100 - je höher der Wert ist, desto größer ist die Gefahr, dass der Krebs zurückkehrt.

Schon in der Vergangenheit galt als sicher, dass Frauen bei einem Wert unter 10 keine Chemotherapie benötigen. Ab einem Wert von mehr als 25 galt als wahrscheinlich, dass sie von der Behandlung profitieren. Die meisten Testergebnisse fallen jedoch in den Graubereich zwischen diesen beiden Werten. Entsprechend war unklar, ob die Patientinnen eine Chemotherapie benötigen, berichten die Forscher im "New England Journal of Medicine".


WER HAT'S BEZAHLT?

Finanziert wurde die Studie unter anderem vom Hersteller des Gentests, aber auch von mehreren öffentlichen Stellen, darunter das National Cancer Institute der USA, das Canadian Cancer Society Research Institute und die Breast Cancer Research Foundation.


Um die Wissenslücke zu schließen, gewannen die Autoren knapp 10.000 Frauen, die alle unter einer bestimmten, für den Test entscheidenden Form des Brustkrebs litten: Ihr Tumor war zwischen einem und fünf Zentimeter groß und hatte noch nicht die Lymphknoten erreicht. Ebenfalls wichtig war, dass ihr Tumor auf das Hormon Östrogen reagierte, aber keine Rezeptoren für einen Wachstumsfaktor (HER2) auf seiner Oberfläche hatte. Viele Brustkrebstumoren besitzen diese Kombination von Merkmalen.

Ähnliche Überlebenschancen, ähnliche Rückfallrisiken

Bei allen Frauen, die sich gemeldet hatten, führten die Mediziner den Gentest durch. 69 Prozent erhielten ein Ergebnis im Graubereich - ihr Wert lag zwischen 11 und 25. Diese Teilnehmerinnen teilten die Mediziner wiederum nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein:

Anschließend begleiteten die Mediziner die Patientinnen neun Jahre lang und dokumentierten, wie es ihnen erging. Die Ergebnisse waren eindeutig:

Die Chemotherapie brachte also keinen Vorteil - bis auf eine Ausnahme. Patientinnen bis zu einem Alter von 50 Jahren, die einen Test-Wert zwischen 16 und 25 erreicht hatten, schienen zu profitieren. "Es ist jedoch unklar, ob dies durch die Chemotherapie selbst bewirkt wurde, oder eher durch die Unterdrückung der Eierstockfunktion bei Frauen, die noch nicht in der Menopause sind", sagt Weg-Remers. Allen anderen Patientinnen hätte die über Monate dauernde, häufig sehr belastende Chemotherapie den Ergebnissen zufolge erspart bleiben können.

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Situation in Deutschland

"Bei schwierigen Entscheidungen kann der Test in Zukunft weiterhelfen", sagt Weg-Remers. "Die Antihormontherapie hat zwar auch Nebenwirkungen, aber nicht so starke wie die Chemotherapie." Unklar sei jedoch noch, wie viele Patientinnen in Deutschland von dem Test tatsächlich profitieren könnten. Es fehlen Statistiken, wie viele der jährlich 70.000 Brustkrebspatientinnen unter genau dieser Form des frühen Brustkrebs leiden, für den der Test eingesetzt werden kann.

Außerdem wird der Test in Deutschland aktuell noch nicht standardmäßig von den Krankenkassen bezahlt. Patientinnen, die ihn nutzen wollen, empfiehlt Weg-Remers trotzdem eine Anfrage. "Diese landet anschließend möglicherweise beim Kompetenz-Centrum Onkologie der Krankenkassen. Es bleibt abzuwarten, wie man dort angesichts der aktuellen Studiendaten entscheidet", sagt die Expertin. Im Zweifelsfall müssen Patientinnen die Kosten von rund 3000 Euro selbst übernehmen, falls ihre Kasse nicht zahlen will.

Noch dieses Jahr soll außerdem eine Entscheidung dazu fallen, ob Krankenkassen in Zukunft standardmäßig für den Test bezahlen. Entscheidend dafür ist die Einschätzung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Dieses kam 2016 noch zum Ergebnis, dass Gentests mit dem damaligen Wissensstand keinen klaren Erkenntnisgewinn bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie liefern. Auch auf diese Einschätzung könnte sich die aktuelle Studie auswirken.

Video: Die Crux der Prävention - Brustkrebs

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 11 Beiträge
marnix 05.06.2018
1. Mammaprint
Seit 2013 wird in der Frauenklinik der TU München der gleichwertige oder sogar bessere Test Mammaprint angeboten. Eine Kasse hat einen Vertrag und erstattet die Kosten, Viele andere Frauen bekamen den Test kostenlos und waren [...]
Seit 2013 wird in der Frauenklinik der TU München der gleichwertige oder sogar bessere Test Mammaprint angeboten. Eine Kasse hat einen Vertrag und erstattet die Kosten, Viele andere Frauen bekamen den Test kostenlos und waren heilfroh. Der Test ist sehr zuverlässig und schafft Sicherheit. Vielen Betroffenen wurde die belastende Chemotherapie erspart. Leider haben die meisten Kassen auf stur gestellt und die Erstattung verweigert. Welches Leid deshalb vielen Frauen erdulden mussten ist nicht zu beschreiben. Hoffentlich ändert sich deren Haltung nun. Allein die Kostenersparnis für die Kassen hätte überzeugen müssen. Leider entscheiden fast immer Männer die sich dafür nicht interessieren. Der Test wurde vielen Kassen angeboten und nur die TK hat sich überzeugen lassen.
Wolfgang Porcher 05.06.2018
2. leicht erklaerbar
mit chemo lässt sich doch richtig Kohle verdienen.
mit chemo lässt sich doch richtig Kohle verdienen.
spon-1261606882621 05.06.2018
3. @2
hehe die pöse pharma mal wieder, oder? Ist doch eigentlich nicht so schwer zu verstehen, dass die Krankenkassen die Entscheidung über die Erstattung des Tests treffen. Und ebenso selbsterklärend sollte es sein, dass die KK [...]
hehe die pöse pharma mal wieder, oder? Ist doch eigentlich nicht so schwer zu verstehen, dass die Krankenkassen die Entscheidung über die Erstattung des Tests treffen. Und ebenso selbsterklärend sollte es sein, dass die KK nicht von einer teuren Chemo profitiert. Es scheint eher der Fall zu sein dass die Krankenkassen nicht die 100% Wirksamkeit des Tests voraussetzen konnten und es daher vermutlich unverantwortlich gewesen wäre, lebenswichtige Entscheidungen darauf zu basieren. Ist auf jeden Fall plausibler als ihre wirren Verschwörungstheorien
viwaldi 05.06.2018
4. Es gibt noch ein Problem
Was der teure Gentest ermittelt, lässt sich schon heute zu einem Zehntel der Kosten auf herkömmlichem Weg an Informationen ermitteln. Was die Studie nicht erforschen wollte: bei wie vielen Patientinnen bietet der Test NEUE und [...]
Was der teure Gentest ermittelt, lässt sich schon heute zu einem Zehntel der Kosten auf herkömmlichem Weg an Informationen ermitteln. Was die Studie nicht erforschen wollte: bei wie vielen Patientinnen bietet der Test NEUE und ZUSÄTZLICHE Informationen zur Abschätzung des Nutzens einer Chemotherapie. Und auch wenn der Autor schnell darüber hinweggeht: es ist unter Fachleuten keineswegs so sicher akzeptiert, das ich bei 9,9 Risiko keine Chemo brauche und bei 10,1 von der Chemotherapie profitiere. Schön wärs ja wenn die Welt/ Tumorbiologie so einfach wäre, ist sie aber nicht.
schauerstoff 05.06.2018
5. IQWIG ist nicht so begeistert davon..
.. ich habe mehrere VL an der Uni zu klinischen Studien, die von zwei Mitarbeitern des IQWIG Institutes gehalten werden. Und die beiden Dozenten zeigten sich nicht so sicher über die neue Studie.. sie ist nicht so eindeutig wie [...]
.. ich habe mehrere VL an der Uni zu klinischen Studien, die von zwei Mitarbeitern des IQWIG Institutes gehalten werden. Und die beiden Dozenten zeigten sich nicht so sicher über die neue Studie.. sie ist nicht so eindeutig wie sich das manche vorstellen.

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