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Gesundheit

Ein Jahr Hanf auf Rezept

Krankenkassen zahlen für Tausende Cannabis-Rezepte

Chronische Schmerzen, Grüner Star, Rheuma: Schwer kranke Patienten können seit einem Jahr Cannabis auf Rezept bekommen. Die Nachfrage steigt. Deshalb wird bald auch in Deutschland angebaut.

DPA

Getrocknete Cannabisblüten

Freitag, 09.03.2018   12:26 Uhr

Ein Jahr nach der Freigabe in Deutschland verschreiben Ärzte immer häufiger medizinisches Cannabis. Allein im vergangenen Jahr haben Apotheken 44.000 Einheiten an Cannabis-Blüten auf Kosten der Krankenkassen ausgegeben, wie der Apothekenbranchenverband ABDA mitteilt. Bis vergangenen März war medizinisches Cannabis in Deutschland dagegen eine Nische, nur etwa Tausend Kranke hatten eine Ausnahmegenehmigung.

"Die Tendenz war von Quartal zu Quartal steigend, sowohl bei Rezepten als auch bei den Abgabeeinheiten", sagte Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekenkammer. Demnach haben Apotheken im zweiten Quartal 2017 noch 4615 Rezepte mit gut 10.000 Einheiten verbucht. Im Schlussquartal seien es bereits mehr als 12.500 Rezepte mit rund 18.800 Einheiten gewesen.

Im Video: Marihuana als Medizin - Cannabis-Kekse zum Frühstück

Foto: SPIEGEL TV

"Patienten werden nicht mehr mit Dosierung und Anwendung alleingelassen", sagte Kiefer. Auch sei medizinisches Cannabis nun leichter zugänglich und deutlich billiger. Wie viele Patienten Cannabisblüten bekamen, wurde aus Datenschutzgründen nicht ermittelt.

Bei den Krankenkassen gehen indes massenhaft Anträge auf Kostenerstattung für Cannabis-Behandlungen ein. Allein bei den großen Versicherungen AOK-Bundesverband, Techniker und Barmer waren es seit der Freigabe am 10. März 2017 insgesamt mehr als 15.700. Bisher lehnen die Kassen jedoch nach eigenen Angaben rund ein Drittel der Anträge vorerst ab, etwa wegen fehlerhafter oder unvollständiger Angaben.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu medizinischem Cannabis

Wer kann medizinisches Cannabis bekommen?
Bei schwerkranken Menschen, denen nicht anders geholfen werden kann, übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Cannabisarzneimittel. Zuvor zahlten die Kassen nur in Einzelfällen die Therapie. Eine Ausnahmeerlaubnis, die vor der Gesetzesänderung rund Tausend Patienten besaßen, ist nicht mehr nötig.
Woher kommt das Cannabis
Ganz wichtig: Der Eigenanbau von Cannabis durch Patienten ist auch weiterhin verboten. Im vergangenen Jahr wurde eine beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte angesiedelte Cannabisagentur gegründet. Sie steuert und kontrolliert den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken in Deutschland. Bis in Deutschland angebautes Cannabis zur Verfügung steht, wird die Versorgung über Importe gedeckt. Patienten bekommen den Medizinalhanf in der Apotheke, wenn sie ein Rezept vom Arzt haben.
Welche Wirkung hat die Droge?
Die beiden wichtigsten Inhaltsstoffe sind Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Ihnen wird unter anderem eine schmerzlindernde, entzündungshemmende, appetitanregende und krampflösende Wirkung zugeschrieben. Nicht immer ist der medizinische Nutzen eindeutig belegt. Es gibt viele positive Beobachtungen, allerdings noch zu wenige aussagekräftige Studien. Es wird deshalb weiter geforscht.
Bei welchen Krankheiten wird Cannabis eingesetzt?
Cannabis wird unter anderem zur Behandlung von chronischen Schmerzen, Nervenschmerzen, bei grünem Star (Glaukom) zur Reduzierung des Augeninnendrucks, bei ADHS und dem Tourettesyndrom eingesetzt. Verwendet werden Cannabisextrakte, Cannabisblüten oder einzelne Cannabinoide - das sind Mittel auf Cannabisbasis. Angewandt wird Cannabis auch gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aidspatienten, bei Rheuma sowie bei spastischen Schmerzen bei Multipler Sklerose.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen aber bei allen zugelassenen rezeptpflichtigen Arzneien die Kosten, betont der Spitzenverband GKV. Cannabis-Therapien kosten im Monat im Schnitt 540 Euro.

Von dem Boom profitiert auch der bayerische Arzneihersteller Bionorica. Bei seinem Cannabis-Mittel Dronabinol hat sich der Umsatz 2017 mehr als verdoppelt und die Zahl der Patienten fast verdreifacht - Tendenz steigend. Bionorica baut daher die Produktion aus.

Erste deutsche Ernte unter Staatsaufsicht für 2019 geplant

Bisher wird der Medizinal-Cannabis vor allem aus Kanada und den Niederlanden importiert. Künftig will der Bund den Anbau auch in Deutschland sichern. Eine Cannabis-Agentur unter dem Dach des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt bereits Aufträge an Unternehmen aus. Es geht um die Lizenzen für 6600 Kilo medizinisches Cannabis, das über vier Jahre angebaut werden soll.

Mehr als Hundert Firmen sollen sich dafür beworben haben. Die erste Ernte unter Staatsaufsicht ist 2019 geplant. Die Marge für Firmen dürfte groß sein: Bei Herstellungskosten von wenigen Euro je Gramm dürfte der Apothekenpreis bei mehr als 20 Euro liegen.

Weniger als Tausend Mediziner stellten Rezepte aus

Für Anbieter ist Deutschland daher ein attraktiver Markt. Die kanadische Firma Nuuvera etwa hat schon ein Büro in Hamburg eröffnet und errichtet im nahen Bad Bramstedt einen Tresor zur Cannabis-Lagerung - inklusive Alarmanlage mit Verbindung zur Polizei, sowie Bewegungs- und Erschütterungsmeldern.

"Wir sehen in Deutschland Potenzial für Hunderttausende Patienten", sagt Deutschland-Chef Hendrik Knopp. Nuuvera setzt auf medizinisches Cannabis in Form von Öl und Kapseln, das sei für Ärzte und Patienten leichter zu dosieren als Blüten. Viele Ärzte seien aber skeptisch. Weniger als Tausend Mediziner stellten Rezepte aus.

"Wir wissen noch viel zu wenig darüber, ob und wie Arzneimittel auf Cannabis-Basis wirken", sagte Josef Mischo von der Bundesärztekammer. Man müsse mit Studien sehr genau prüfen, ob Cannabis eine Alternative zu herkömmlichen Therapien sei. Gerade, weil sich viele Kranke große Hoffnungen machen würden.

koe/AFP/dpa

insgesamt 21 Beiträge
dasfred 09.03.2018
1. Gewinner gibts immer
Ein Kraut, dass nahezu überall zu bekommen ist, muss natürlich für einen vielfachen Preis von den Krankenkassen und damit den Versicherten bezahlt werden. Statt Eigenanbau zu genehmigen oder andere kostengünstige Anbaumethoden [...]
Ein Kraut, dass nahezu überall zu bekommen ist, muss natürlich für einen vielfachen Preis von den Krankenkassen und damit den Versicherten bezahlt werden. Statt Eigenanbau zu genehmigen oder andere kostengünstige Anbaumethoden zu wählen, wird mal wieder ein Weg gewählt, mit dem eine Handvoll Leute sich einen riesigen Reibach einfahren können.
franxinatra 09.03.2018
2. Es sollte eine gesunde Grenze für Gewinnspannen geben
Hier wird das Gesundheitssystem schamlos ausgenutzt. Diese amerikanisierenden Verhältnisse sind für mich schon kriminell zu nennen.
Hier wird das Gesundheitssystem schamlos ausgenutzt. Diese amerikanisierenden Verhältnisse sind für mich schon kriminell zu nennen.
bartnelke 09.03.2018
3. so teuer wie Safran?
Hanf wächst doch wie Unkraut, was rechtfertigt die hohen Produktionskosten? Sollen die hohen Kassenausgaben allgemeine Inakzeptanz fördern? Nie steht der Kranke im Vordergrund, traurig.
Hanf wächst doch wie Unkraut, was rechtfertigt die hohen Produktionskosten? Sollen die hohen Kassenausgaben allgemeine Inakzeptanz fördern? Nie steht der Kranke im Vordergrund, traurig.
cyberpommez 09.03.2018
4. Preis?
Es wäre schön zu erfahren wie denn 540 Euro im Monat zu Stande kommen. Hanf ist eine sehr schnell Wachsende Pflanze,die auch sehr pflegeleicht ist. Brauchen die Patienten so große Mengen oder ist der Preis wieder so ein [...]
Es wäre schön zu erfahren wie denn 540 Euro im Monat zu Stande kommen. Hanf ist eine sehr schnell Wachsende Pflanze,die auch sehr pflegeleicht ist. Brauchen die Patienten so große Mengen oder ist der Preis wieder so ein Pharma Phantasiepreis? In Uruguay kostet das Gramm 83ct. Also bekommt man für das Geld dort ein halbes Kilo. Das kann kaum jemand konsumieren, glaube ich.
tuvalu2004 09.03.2018
5. Nächstes Argument
Neben Steuereinnahmen, Kostenreduzierung bei Ermittlungsverfahren und Gerichtsprozessen jetzt Kostenersparnis im Gesundheitswesen. Und bei hunderten innovativen Anbietern wird es auch preiswerter im Medizinsektor. Zumal Cannabis [...]
Neben Steuereinnahmen, Kostenreduzierung bei Ermittlungsverfahren und Gerichtsprozessen jetzt Kostenersparnis im Gesundheitswesen. Und bei hunderten innovativen Anbietern wird es auch preiswerter im Medizinsektor. Zumal Cannabis nicht patentierbar oder der Wirkstoff geschützt werden kann. Oder: ein paar wenige verdienen sich auf Kosten der Gemeinschaft eine goldene (oder gepuderte) Nase. Liegt in der Hand der Politik *und* der Öffentlichkeit.
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