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Gesundheit

Unwirksame Medikamente

Impfstoff-Skandal erschüttert China

In China haben wahrscheinlich Hunderttausende unwirksame und abgelaufene Impfstoffe erhalten. Eltern schließen sich zu Reisegruppen zusammen, um ihre Kinder im Ausland immunisieren zu lassen.

AP

Impfung im chinesischen Jiujiang

Mittwoch, 08.08.2018   17:01 Uhr

In China sind wahrscheinlich Hunderttausende Kinder von einem Impfstoff-Skandal betroffen. Nach Behördenangaben soll die Pharmafirma Changchun Changsheng bereits seit April 2014 Daten gefälscht und zum Teil unwirksame und abgelaufene Tollwut-Impfstoffe in Umlauf gebracht haben.

Eine Rückrufaktion im In- und Ausland wurde eingeleitet, wie aus einer Mitteilung hervorgeht, die am Mittwoch auf der Website der Nationalen Gesundheitsbehörde abrufbar war. Unklar blieb, in welche anderen Staaten die Firma ihre Impfstoffe verkauft hat.

Bereits Mitte Juli war der Verdacht öffentlich geworden, dass das Unternehmen Papiere über die Produktionsdaten eines Tollwut-Impfstoffes gefälscht haben soll. Außerdem soll Changsheng im vergangenen Herbst einen unwirksamen Kombi-Impfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP) verkauft haben, der mindestens 200.000 Kleinkindern verabreicht wurde.

Neben der Pharmafirma Changchun Changsheng befindet sich noch ein zweiter Hersteller von Impfstoffen im Visier der Ermittler. So seien in der Provinz Hebei mehr als 140.000 Kindern schadhafte DPT-Impfstoffe des Wuhan Institute of Biological Products injiziert worden, berichtete "China Daily".

Impf-Reisegruppe ins Ausland

Durch die Skandale haben viele das ohnehin schon geringe Vertrauen in das Gesundheitssystem ihres Landes komplett verloren. Eltern schließen sich zum Teil in Impf-Reisegruppen zusammen, um ihre Kinder in der als sicher geltenden Sonderverwaltungszone Hongkong oder im Ausland immunisieren zu lassen. Zu ihnen zählt auch Fang Fang.

Seit der Skandal bekannt wurde, sucht sie im Internet nach günstigen Flugtickets. Bei ihrer vierjährigen Tochter ist bald die nächste Impfung fällig. "Wir lassen das nur noch in Japan machen", sagt sie. Fang Fang ist fassungslos darüber, wie die Gesundheit von Hunderttausenden Kindern aufs Spiel gesetzt wurde. Ihre Wut konzentriert sich nicht nur auf das Unternehmen, sondern auch auf die Regierung, die wegen zu lascher Aufsicht wohl eine Mitschuld trägt.

Skandale mit fehlerhaften Medikamenten oder Nahrungsmitteln haben in China eine starke politische Sprengkraft, besonders, wenn Kinder betroffen sind. Chinas Präsident Xi Jinping hatte nach dem Bekanntwerden der Anschuldigungen eine sofortige Untersuchung und strenge Bestrafung der Verantwortlichen gefordert. Doch von der lückenlosen Aufklärung ist bislang nicht viel zu merken.

Zwar wurde gegen 18 Mitarbeiter des Unternehmens Changsheng Haftbefehl erlassen. Unklar aber bleibt, was mit Beamten oder Offiziellen passiert, die ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind oder sich womöglich sogar haben bestechen lassen. In staatlichen Medien, die ohnehin nur sehr begrenzt berichten dürfen, gibt es dazu keine Informationen.

Zensoren arbeiten auf Hochtouren

Stattdessen löschen Zensoren kritische Kommentare aus sozialen Netzwerken. Eine Gruppe von aufgebrachten Eltern, die am Dienstag vor der Pekinger Gesundheitsbehörde demonstrierte, wurde von Dutzenden Polizisten in Schach gehalten. Andere Eltern, die ausländischen Journalisten von Erkrankungen ihrer Kinder durch fehlerhafte Impfstoffe erzählten, setzt die Staatssicherheit massiv unter Druck.

Das Vorgehen erinnert an frühere Skandale, bei denen es Peking vor allem darum ging, die öffentliche Entrüstung einzugrenzen. Es begann 2008 mit verseuchtem Milchpulver, durch das 300.000 Kleinkinder erkrankten und sechs starben.

2012 hatten Dutzende Pharmafirmen Gelatine zur Herstellung von Millionen Medikamentenkapseln verwendet, die hohe Mengen an Chrom enthielt. Vor zwei Jahren gab es schon einmal einen Impfskandal, bei dem mangelhafte Impfstoffe in ganz China verkauft wurden.

Auf Konsequenzen stellen sich nun auch andere chinesische Pharmafirmen ein. Der Fall sei "für die gesamte Branche ein Desaster", sagt Wu Yifang, Chef des Shanghaier Medikamenteherstellers Fosun Pharma. Denn auch Firmen, die nicht in den Skandal verwickelt sind, werden nun mit dem schwindenden Vertrauen der Verbraucher konfrontiert.

Wie lange die Bedenken bei solchen Verbrechen halten, hat der Milchpulver-Skandal gezeigt: Auch heute, zehn Jahre später, leeren chinesische Kunden regelmäßig die Regale in deutschen Drogeriemärkten, weil sie den Produkten der eigenen Hersteller nicht mehr trauen.

irb/dpa

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