Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit
Freitag, 30.11.2018   12:06 Uhr

Eltern im Alter

"Du willst doch nur mein Geld"

Egal, ob ein neues Bad oder Taxi statt Auto: Ermutigen Kinder ihre alternden Eltern, Gewohnheiten zu überdenken, stoßen sie oft auf Ablehnung. Tipps für drei typische Probleme.

Von

SPIEGEL WISSEN hat ein achtwöchiges Pflege-Coaching entwickelt, das dabei hilft, alte Eltern kompetent zu begleiten. Dies ist der siebte Teil. Die anderen Teile finden Sie hier.

In den vergangenen Wochen war es das Ziel dieses Coachings, eine klarere Sicht auf das Thema "Wenn Eltern alt werden" zu bekommen. Versuchen Kinder mit ihren Eltern Neuerungen einzuführen, die Mutter und Vater eigentlich entlasten sollen, kommt es häufig zu Rückschlägen, Weigerungen und Missverständnissen. Diese Einheit behandelt Möglichkeiten, damit umzugehen.

Dabei geht es um drei typische "Stolpersteine", die fast immer in irgendeiner Form auftauchen, wenn erwachsene Kinder versuchen, ein Hilfssystem für ältere Eltern aufzubauen, Bindungen zu stärken oder den Alltag zu erleichtern.

1. "Du willst doch nur mein Geld."

Erwachsene Kinder, die sich um ihre hilfsbedürftigen Eltern kümmern, beschweren sich oft über Misstrauen und mangelnde Wertschätzung. Sehr viele Eltern sind argwöhnisch gegenüber Neuerungen, sei es ein Badumbau oder die Einstellung einer Haushaltshilfe. Angst und Misstrauen äußern sich dann oft in Kommentaren wie "Du willst doch nur mein Geld" oder "Du willst mich ins Heim abschieben". Diese Reaktionen sind verletzend. Es kann schnell zum Streit kommen. Was tun?

Versuchen Sie zu sehen, was hinter solchen Aussagen der Eltern steckt. Oft ist es die Angst, abhängig zu sein und übergangen zu werden, weil man alt ist. Oder ein in den Kriegs- und Nachkriegsjahren erworbenes Misstrauen, von anderen getäuscht und übervorteilt zu werden. Versuchen Sie über diese Punkte ins Gespräch zu kommen.

Ganz wichtig: Auch wenn Sie zu Recht gekränkt sind, versuchen Sie nicht mit "Liebesentzug" zu reagieren. Vertagen Sie eine Fortsetzung des Gesprächs explizit auf einen künftigen Zeitpunkt: "Vielleicht können wir nächsten Monat noch mal darüber reden". Halten Sie feste Vereinbarungen und Termine einfach weiterhin ein.

2. "Geld fürs Taxi habe ich nicht."

Obwohl viele jahrzehntelang eigene, zum Teil auch teure Autos gefahren sind: Wenn man älteren Menschen, die nicht mehr sicher am Steuer sind, vorschlägt, sich für Einkäufe oder die Fahrt zur Chorprobe ein Taxi zu nehmen, weigern sie sich oft. Sie haben das Gefühl, "dafür kein Geld zu haben".

Diese irrationale, "geizig" anmutende Haltung ist in der Generation der heute 70-, 80- oder 90-Jährigen weitverbreitet, weil sie in ihrer Kindheit und Jugend, aber auch im frühen Erwachsenenhalter, häufig zur Sparsamkeit gezwungen war. Weil Eltern für Zugfahrten, für Taxis, für Restaurantbesuche, Hilfsdienste und Haushaltshilfen kein Geld ausgeben wollen, erschweren sie sich jedoch ihren Alltag - oder werden sogar immobil. Was tun?

Versuchen Sie, auf humorvolle Art zu argumentieren. Sagen Sie etwa, dass Sie pro Besuch fünf Euro ins Sparschwein stecken oder ähnliches. Auf der anderen Seite: Erzwingen Sie nichts und bleiben Sie geduldig. Die Elterngeneration hat oft einfach ganz andere Gewohnheiten und Maßstäbe, gerade wenn sie nicht in einer Großstadt lebt.

Unsere Expertin

Katja Werheid lehrt Neuropsychologie und Alterspsychotherapie an der Humboldt-Universität in Berlin. Außerdem ist sie als Psychotherapeutin und Neuropsychologin in freier Praxis sowie im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam tätig. Über den Umgang mit älter werdenden Eltern hat sie im vergangenen Jahr ein Sachbuch veröffentlicht:"Nicht mehr wie immer: Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können. Ein Wegweiser für erwachsene Kinder".
Anzeige
Katja Werheid:
Nicht mehr wie immer

Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können

Piper Paperback; 208 Seiten; 15 Euro

3. "Das ist doch noch gut."

Beim Versuch, zusammen mit den Eltern das Haus von Stolperfallen und Staubfängern zu befreien oder Platz durch eine neue Aufteilung der Räume zu schaffen, geht es oft um die Frage, von welchen Dingen man sich trennen kann.

Viele Eltern sind hier sehr zögerlich. Statt "Weniger ist mehr" herrscht bei ihnen eine "Das kann man doch noch gebrauchen"-Mentalität vor. So torpedieren Eltern unfreiwillig räumliche und organisatorische Neuerungen. Was tun?

Auch hier hilft Geduld. Sie können zwar Ihren eigenen Standpunkt klar machen, aber Sie sollten akzeptieren, was sich durchsetzen lässt. Generell gilt: Neuerungen im Alltag alter Eltern auszuprobieren ist ein Prozess aus Versuch und Irrtum. Experimentieren Sie, erkunden Sie zusammen, was funktioniert, was sich überraschend gut anfühlt, was sich einfach umsetzen lässt und was vielleicht nicht gut funktioniert. Wenn es gar nicht geht: Lassen Sie Ihren Eltern Ihre Dinge und Ihre alte Ordnung.


Lesen Sie mehr zum Thema bei SPIEGEL+:
Polnische Hilfskraft im Elternhaus: Unser Engel hieß Danuta


Für alle, die diese Übung nicht brauchen, weil die eigenen Eltern noch sehr selbstständig sind: Sie haben diese Woche eine Auszeit. Vielleicht nutzen Sie diese, um die Beziehungskultur in Ihrer Familie noch weiter zu stärken. Wie wäre es, wenn Sie Ihre Eltern mal außer der Reihe besuchen oder Ihnen eine Postkarte schreiben? Einfach nur so.

Wir wünschen Ihnen Mut und Freude auf dem Weg zu neuen Plänen und Lösungen mit Ihren Eltern.

Ihr SPIEGEL-WISSEN-Team

Zu jeder Ausgabe bietet SPIEGEL WISSEN ein praktisches, leicht im Alltag umsetzbares Online-Coaching passend zu seinem jeweiligen Heftthema an.

Jedes Coaching dauert acht Wochen. Während dieser Zeit erhalten Sie immer freitags per E-Mail eine Übungseinheit, die Ihnen helfen kann, Ihr Leben besser zu gestalten. Hier den Newsletter bestellen:

SPIEGEL WISSEN 5/2018: Bei Amazon bestellen
SPIEGEL WISSEN 5/2018: Bei Meine-Zeitschrift.de bestellen
SPIEGEL WISSEN im Abo

Newsletter
SPIEGEL-WISSEN-Coaching

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP