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Gesundheit

Epilepsie

"Es ist wie ein Vorhang, der alles verdunkelt"

Rund 500.000 Menschen in Deutschland leben mit Epilepsie. Nicht immer wird die Krankheit gleich erkannt. Medikamente können das Gewitter im Kopf unter Kontrolle bringen - allerdings nicht bei jedem.

imago/ Science Photo Library

Feuernde Nervenbahnen (Illustration)

Mittwoch, 06.02.2019   18:18 Uhr

Plötzlich ist Alexander Walter einfach weg. "Es ist wie ein Vorhang, der sich am Kopf entlang zuzieht und alles verdunkelt", beschreibt der 37-Jährige einen seiner epileptischen Anfälle. Drei bis fünf Minuten dauern diese. Nach einer Viertelstunde ist wieder alles so, als sei nichts gewesen. Eine Lappalie ist sein epileptischer Anfall dennoch nicht. Er kann fatale Folgen haben, etwa im Straßenverkehr oder im Schwimmbad.

Walter gelingt es dank eines Vorgefühls meistens, die Anfälle zu erahnen und sich zu wappnen. "Nach einem solchen Vorfall bin ich restlos erschöpft und möchte nur noch schlafen", erzählt er. Doch das Glück der Vorahnung haben nicht alle, die unter Epilepsie leiden. Treffen kann die Krankheit jeden, in jedem Alter - vom Kind bis zum Greis. Rund 500.000 Menschen sind nach Angaben der Deutschen Epilepsievereinigung erkrankt.

Frank Rumpenhorst/ TMN

Alexander Walter

Bei einem epileptischen Anfall ist das aus Milliarden Nervenzellen bestehende Gehirn für kurze Zeit überaktiv und sendet zu viele Signale. Es kommt zu einer Art Gewitter im Kopf. "Die Folgen machen sich ganz unterschiedlich bemerkbar", sagt Stefan Conrad, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Epilepsievereinigung. Das liegt auch daran, dass es generalisierte und fokale Anfälle gibt: Bei ersteren entladen sich Nervenzellen im ganzen Gehirn, bei letzteren nur in einem Teil.

"Restlos erschöpft"

Alexander Walter hat fokale Anfälle, seine Beschwerden sind vergleichsweise unauffällig. Bei anderen Betroffenen verkrampfen zum Teil auch Gliedmaßen, während andere Teile des Körpers die Muskelspannung verlieren. Es gibt Anfälle mit Halluzinationen oder Anfälle, bei denen einzelne Muskelgruppen in schneller Folge zucken. Und schließlich gibt es den "Grand mal". Bei diesem krampft und zuckt der ganze Körper, der Betroffene sackt in sich zusammen und verliert das Bewusstsein.

Auch die Ursachen der unterschiedlichen Epilepsien sind sehr verschieden. "Das können etwa Schlaganfälle, Kopfverletzungen durch Unfälle oder Entzündungen der Hirnhaut sein", sagt Conrad. Nicht immer wird eine Epilepsie auch gleich als solche erkannt.

So erging es auch Walter. Der heute 37-Jährige war dreieinhalb Jahre alt, als er an Leukämie erkrankte. Die Ärzte verordneten damals eine Ganzhirnbestrahlung, um Krebszellen zu zerstören. Die Therapie gelang. Doch Jahre später bekam Walter immer wieder Kopfschmerzen.

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"Eindeutig Migräne", lautete der damalige Befund. Walter nahm gegen die vermeintliche Krankheit Tabletten, die allerdings nicht halfen. Eines Morgens wachte er völlig orientierungslos auf. Wieder suchte er Ärzte auf, diesmal Neurologen. "Erst in meinem 24. Lebensjahr ist bei mir Epilepsie diagnostiziert worden", erzählt er.

Damals ging er für acht Tage stationär in ein Epilepsiezentrum. Die Ärzte machten unter anderem ein Elektroenzephalogramm (EEG), bei dem sie mithilfe von Elektroden die Hirnströme messen. Ergeben diese bestimmte Muster, ist eine erhöhte Anfallsneigung wahrscheinlich. Zusätzlich suchen Ärzte mithilfe einer Magnetresonanztomografie (MRT) im Gehirn nach Auffälligkeiten, die Anfälle begünstigen könnten.

Epilepsie: Mehrere Anfälle, kein erkennbarer Auslöser

Um eine Epilepsie handelt es sich, wenn epileptische Anfälle ohne erkennbaren Auslöser mehrfach auftreten. "Aufgrund eines einmaligen Anfalls liegt nicht unbedingt Epilepsie vor", sagt Conrad. Ein einzelner Anfall kann auch andere Ursachen haben - Schlafentzug etwa oder übermäßigen Alkoholkonsum.

Walter hatte in seinem Leben schon unzählige epileptische Anfälle. In einem Epilepsiezentrum verschrieben ihm die Ärzte Medikamente, mit denen er die Erkrankung in den Griff bekam. Seit Juni 2017 hatte er keine Anfälle mehr. Aber die Angst, dass es doch noch einmal passieren könnte, ist immer da.

Frank Rumpenhorst/ TMN

Alexander Walter

"Ich wollte nie, dass die Epilepsie mein Leben bestimmt", sagt Walter, der als Disponent im elterlichen Dienstleistungsbetrieb arbeitet und allein in seiner Wohnung lebt. Er fühlt sich gut aufgehoben mit seiner Familie und mit seinen Freunden. Er mag es, schwimmen zu gehen, sich auf ein Glas Rotwein zu verabreden oder ins Kino oder in die Oper zu gehen. "Für mich war es einfach, weil ich immer Hilfe hatte", sagt Walter, der sich unter anderem als Vorsitzender im Landesverband Hessen der Deutschen Epilepsievereinigung engagiert.

Es gibt jedoch auch Betroffene, die sich nicht so gut im Leben zurechtfinden. Manche bekommen trotz Medikamenten noch regelmäßig Anfälle. "Gerade für sie ist es enorm wichtig, dass sie sich mit anderen Betroffenen zwanglos austauschen können", glaubt Björn Tittmann, Leiter einer Epilepsie-Selbsthilfegruppe im sächsischen Annaberg.

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Was ihm auch ein Anliegen ist: "Es muss bekannter werden, wie Außenstehende sich im Fall eines Falls verhalten sollten", sagt Tittmann. Ein Anfall hört in der Regel von selbst wieder auf. Wichtig ist aber, Betroffene bis dahin zu schützen: Scharfkantiges sollte man ihnen abnehmen, allerdings auf keinen Fall gewaltsam, eine Brille auch. Hält der Betroffene eine brennende Zigarette in der Hand, sollte diese abgebrochen werden.

Ansonsten sollten Umstehende dem Betroffenen ruhig und geduldig zur Seite stehen, wenn die Betroffenen nach einem Anfall vorübergehend verwirrt sind. Einen Notarzt müssen sie laut Deutscher Epilepsievereinigung erst rufen, wenn:

Von Sabine Meuter, dpa/irb

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