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Gesundheit

Heilpraktiker in der Kritik

"Den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen"

Eine Gruppe von Ärzten und Wissenschaftlern fordert, die Regelungen für Heilpraktiker zu überarbeiten. Einer ihrer Vorschläge: Den unseriösen Beruf gleich ganz abschaffen.

Getty Images

Akupunktur-Behandlung (Symbolbild)

Montag, 21.08.2017   16:54 Uhr

Wer in Deutschland als Arzt arbeitet, hat ein aufwendiges Studium abgeschlossen. Für eine Kassenzulassung kommt noch die mehrjährige Spezialisierung als Facharzt dazu. Und die Verpflichtung, sich regelmäßig fortzubilden.

Wer in Deutschland als Heilpraktiker arbeitet, muss in einer Prüfung unter Beweis stellen, dass seine Ausübung der Heilkunde keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung und seiner Patienten darstellt. Danach gilt er als "staatlich anerkannt".

Eine Expertengruppe warnt, dass dieses Etikett bei Patienten den falschen Eindruck erwecken kann, es handle sich bei Ärzten und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen. Der "Münsteraner Kreis", in dem sich mehrere Ärzte und Wissenschaftler organisiert haben, fordert im "Ärzteblatt" eine umfassende Reform des Heilpraktikerberufs.

Gegen Pseudowissenschaft

Die Gruppe klagt, dass im deutschen Gesundheitswesen zwei Parallelwelten existieren: Die Welt der akademischen Medizin, in der Methoden ihre Wirksamkeit beweisen müssen und die nach Fortschritt strebt. Und die Welt der Heilpraktiker, die "in der überwiegend unwissenschaftlichen Gedankenwelt der Komplementären und alternativen Medizin verankert ist".

"Wir wollten ausloten, wie ein solidarisches Gesundheitswesen verantwortlich und fair mit dem Clash zwischen gefährlicher Pseudowissenschaft und Selbstbestimmung umgehen sollte. Um es deutlich zu sagen: Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht länger hinnehmen", sagt Bettina Schöne-Seifert, Medizinethikerin an der Universität Münster.

Die Gruppe schlägt deshalb zwei mögliche Alternativen vor:

Unterschrieben haben das Memorandum Experten aus verschiedenen Fachrichtungen, darunter Ärzte, Medizinethiker, Juristen, Historiker, Pflegeexperten und ein Journalist.

Bisher können Heilpraktiker über fast alle Fachgebiete hinweg Therapien anbieten und zum Beispiel auch Injektionen setzen. Sie dürfen aber unter anderem keine rezeptpflichtigen Arzneien verschreiben oder herstellen, nicht in der Zahnmedizin oder der Geburtshilfe tätig werden. Im Mai hatte sich der Deutsche Ärztetag dafür ausgesprochen, dass Heilpraktiker keine invasiven Maßnahmen vornehmen dürfen sowie keine Krebserkrankungen behandeln sollen.

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Drei Tote nach Therapie mit experimentellem Wirkstoff

"Gerade wegen der in Deutschland in nahezu allen Bereichen üblichen und erwartbar hohen Qualitätsstandards gehen Menschen hierzulande davon aus, dass solche Standards alle wichtigen Lebensbereiche regulieren - also auch die Gesundheitsversorgung durch Heilpraktiker", schreibt die Münsteraner Gruppe. Umso größer sei die Gefährdung. Als zugespitzten Vergleich schreiben sie: "Es wäre undenkbar, jemandem die Steuerung eines Flugzeugs anzuvertrauen, dessen ganze Kompetenz in einem erfolgreich absolvierten Workshop über die Sage des Ikarus besteht."

Im Juni 2016 starben drei krebskranke Patienten, kurz nachdem sie bei einem Heilpraktiker in Brüggen-Bracht Hilfe gesucht hatten. Der Mann hatte ihnen einen experimentellen Wirkstoff gespritzt. Der Fall hatte eine Diskussion darüber angestoßen, das Heilpraktikerwesen zu reformieren, einige Änderungen gab es bereits.

Gegen den Heilpraktiker wird seitdem wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Laut einem Bericht des "Sterns" praktiziert er bereits wieder - im Nachbarlandkreis.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßte das "Münsteraner Memorandum". "Es ist überfällig, dass das Heilpraktikerrecht grundlegend reformiert wird." Es fehlten einheitliche Standards. "So können Patienten kaum zwischen einem seriösen Anbieter und einem Scharlatan unterscheiden", sagte Vorstand Eugen Brysch. Es dürfe nicht sein, dass es in Deutschland weiterhin einfacher ist, Heilpraktiker zu werden als Krankenpfleger.

wbr/dpa

insgesamt 328 Beiträge
isi-dor 21.08.2017
1.
Die Erfolgsquote von Heilpraktikern liegt beim Heilen exakt bei derjenigen von Gesundbetern und Teufelsaustreibern. Diese Tätigkeit kann ersatzlos abgeschafft werden, ohne Schaden für die Gesellschaft.
Die Erfolgsquote von Heilpraktikern liegt beim Heilen exakt bei derjenigen von Gesundbetern und Teufelsaustreibern. Diese Tätigkeit kann ersatzlos abgeschafft werden, ohne Schaden für die Gesellschaft.
bluejuly 21.08.2017
2. Sehr gut
Das ist schon längst überfällig. Jeder Handwerker muss eine strengere Ausbildung ablegen als Heilpraktiker, die dann ihren 6-Monats-Kurs gerne als gleichwertig zu einem jahrelangen Medizinstudium ausschmücken und Patienten [...]
Das ist schon längst überfällig. Jeder Handwerker muss eine strengere Ausbildung ablegen als Heilpraktiker, die dann ihren 6-Monats-Kurs gerne als gleichwertig zu einem jahrelangen Medizinstudium ausschmücken und Patienten täuschen. Jeder der dumm genug ist zu einem Quacksalber zu gehen und seinen Krebs mit Kräutertabletten und Psychologie behandelt haben möchte kann das gerne weiterhin machen, die staatliche Anerkennung für Heilpraktiker mit allen zugehörigen Rechten und der Signalwirkung für Patienten gehört aber entweder massiv angepasst oder ganz abgeschafft.
ClausB 21.08.2017
3. Eine Forderung,
"Eine Gruppe von Ärzten und Wissenschaftlern fordert, die Regelungen für Heilpraktiker zu überarbeiten. Einer ihrer Vorschläge: Den unseriösen Beruf gleich ganz abschaffen." über die man ohne Zweifel mal [...]
"Eine Gruppe von Ärzten und Wissenschaftlern fordert, die Regelungen für Heilpraktiker zu überarbeiten. Einer ihrer Vorschläge: Den unseriösen Beruf gleich ganz abschaffen." über die man ohne Zweifel mal diskutieren könnte. Obwohl: Wenn einer glaubt, es hilft, dann soll er die"Therapie" eines Heilpraktikers aus eigener Tasche bezahlen und den gesetzlichen Krankenkassen sollte nicht (mehr) erlaubt sein, diese Kosten ( oder einen Teil ) zu erstatten.
TomHP 21.08.2017
4. Von Steinen und Glashäusern
Ich bin selber Heilpraktiker und sehe die Problematik dieses Berufes. Es gibt hier wie in allen anderen Berufen schlechte und gute Praktiker. Alle über einen Kamm zu scheren halte ich weder für korrekt noch hilfreich. Sinnvoll [...]
Ich bin selber Heilpraktiker und sehe die Problematik dieses Berufes. Es gibt hier wie in allen anderen Berufen schlechte und gute Praktiker. Alle über einen Kamm zu scheren halte ich weder für korrekt noch hilfreich. Sinnvoll ist die Diskussion über gute Qualität und seriöse Heilkunde sicherlich. Allerdings habe ich persönlich und viele meiner Patienten mehrfach Erfahrung mit schlechten und schlecht ausgebildeten Ärzten machen müssen. Sollen wir deshalb jetzt womöglich auch den Arztberuf abschaffen? TF
t_mcmillan 21.08.2017
5.
Habe gestern mit einer Person gesprochen, die "Sommer" unerträglich findet, wegen Heuschnupfen. Unlängst wurde die Person mit Eigenurin (gespritzt) behandelt, und hat zur Zeit Ruhe, obwohl eine einschlägigen Pollen [...]
Habe gestern mit einer Person gesprochen, die "Sommer" unerträglich findet, wegen Heuschnupfen. Unlängst wurde die Person mit Eigenurin (gespritzt) behandelt, und hat zur Zeit Ruhe, obwohl eine einschlägigen Pollen gerade unterwegs sind. Auch wenn's "Gesundbeterei" sein sollte: Wenn die richtige Kombination von "Heiler" und Patient zusammenkommt, kann eine Heilpraktikerbehandlung viel bewirken. Ich selbst bin allerdings "immun" dagegen. Die klassische Medizin konnte der Heuschnupfen-Person übrigens in den vergangenen 30 Jahren nicht helfen.
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