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Gesundheit

Steigende OP-Zahlen

Brauchen 91-Jährige noch neue Herzklappen?

In Deutschland werden immer mehr Hochbetagte am Herzen operiert, das zeigt der Deutsche Herzbericht. 2017 stieg die Zahl der Eingriffe bei über 80-Jährigen auf mehr als 16.000.

imago/Jürgen Heinrich

Bild der Blutgefäße einer Patientin vor Katheterbehandlung

Donnerstag, 07.02.2019   18:48 Uhr

Soll Uroma mit 91 eine neue Herzklappe bekommen? Ärzte in Deutschland haben solche Fragen in den vergangenen Jahren immer häufiger mit Ja beantwortet. Die Zahl der Herzoperationen bei Patienten über 80 ist seit dem Jahr 2000 deutlich gestiegen, zeigt der Deutsche Herzbericht 2018, der in Berlin vorgestellt wurde. Und zwar so stark, dass sich dieser Zuwachs allein mit der alternden Bevölkerung nicht erklären lässt.

Gab es im Jahr 2000 in Deutschland rund 4225 Herzoperationen bei der Generation 80 Plus, waren es nach der jüngsten Zahl für 2017 bereits 16.242.

Kritiker fragen angesichts der Zahlen, ob Krankenhäuser Geld mit Operationen verdienen, die alte Menschen vielleicht nicht brauchen. Dietrich Andresen, Vorsitzender der Deutschen Herzstiftung, kann solche Fragen verstehen. Es sei etwas dran, dass in Deutschland jenseits der 80 zum Beispiel mehr Schrittmacher und Stents eingesetzt würden als in anderen europäischen Ländern. "Es wird aber nicht zu viel operiert", glaubt er.

Einen wesentlichen Einfluss auf die steigenden Operationszahlen im Alter haben dem Herzmediziner zufolge Fortschritte bei der Narkose. Diese könne heute deutlich schonender ablaufen als vor 20 Jahren. Ein 80-Jähriger sei weniger gefährdet, durch die Beatmung später Lungen- oder Nierenschäden zu riskieren. Dazu kämen neue OP-Methoden. "Das heißt, der Brustkorb muss nicht mehr geöffnet werden."

"Das war meist viel zu riskant"

Wolfgang Harringer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie, kann sich noch gut an früher erinnern. "Als ich Ende der Achtzigerjahre als Herzchirurg anfing, gab es bei Patienten über 70 keine Operationen am Herzen. Das war meist viel zu riskant", berichtet er.

Herzklappenersatz oder -reparatur - das seien früher Operationen von drei bis vier Stunden am offenen Herzen gewesen, dazu Narkose und Nachsorge auf der Intensivstation. Heute dauere das rund 60 Minuten. Die OP werde über die Leistenarterie oder -vene ausgeführt. Eine Vollnarkose sei nur noch auf Wunsch nötig.

Mit alle diesen Vorteilen sei eine kürzere Erholungsphase verbunden und eine Verbesserung der Lebensqualität, resümiert Harringer. Er schränkt aber ein, dass es noch keine klaren Langzeitergebnisse gebe.

Darüber hinaus empfindet Harringer die heutige Generation der Über-80-Jährigen als eine völlig andere als früher. "Die Menschen sind durch die Bank fitter und aktiver", resümiert er. "Viele haben einen vernünftigen Lebensstil und können sich selbst versorgen." Wenn alte Patienten eine Operation wirklich wollten, seien sie oft bessere Kandidaten als so mancher Jüngere, der rauche sowie Diabetes und Übergewicht habe.

Alle reden darüber - und verhalten sich dennoch falsch

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland weiterhin ein großes Problem. Obwohl die Sterblichkeit zuletzt leicht sank, führen sie die Statistik der Todesursachen an. Mit mehr als 338.000 Sterbefällen pro Jahr liegen sie vor Krebserkrankungen. "Doch obwohl alle darüber reden, gibt es weiter großes Fehlverhalten. Vom Rauchen bis zum Übergewicht", bilanziert Hugo Katus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

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Hinzu kommt ein großer Unterschied zwischen den Bundesländern. Fast in ganz Ostdeutschland sterben mehr Menschen den Herztod als im Westen. Das Alter der Bevölkerung oder die langen Wege der Ambulanzen auf dem Land reichen als alleinige Erklärungsversuche nicht aus.

Die neuere Forschung vermutet, dass man bei den Ursachen für Herzkrankheiten mehr Faktoren berücksichtigen muss. "Zum Beispiel den Bildungsgrad der Bevölkerung und die Gesundheitsinformationen in ländlichen Regionen", sagt Andresen von der Herzstiftung. Hinzu kommen Faktoren wie Übergewicht, Raucherquoten und die Zahl von Vorerkrankungen wie Diabetes. Außerdem müssten auch Arbeitslosenquoten und sozialer Status berücksichtigt werden, ergänzt Katus.

Mehr Wissen noch besser als mehr Kardiologen?

Schon heute weiß man: Je individueller und engmaschiger die Betreuung ist, desto größer sind die Erfolge. Sonst rauchten Patienten selbst nach OP und Reha weiter. Dabei macht es wahrscheinlich Sinn, Menschen in sozial schwachen Stadtteilen und Regionen gezielter zu informieren. Bremen probiert das bereits aus. Mehr Wissen würde wahrscheinlich mehr helfen als eine größere Zahl von Kardiologen, mutmaßt Katus.

Bleibt das hohe Alter. Selbst wer gesund lebt, kann irgendwann Probleme mit dem Herzen bekommen. Und dann? "Über Operationen entscheiden nicht Herzchirurgen allein. Da sind zuerst die Hausärzte und die Kardiologen vorgeschaltet", sagt Chirurg Harringer. "Es ist immer eine individuelle Abwägung im Team."

Dabei gebe es Grenzen. "Wenn Angehörige nicht enormen Druck machen, würde wahrscheinlich niemand eine betagte, bettlägerige Demenzpatientin aus einem Pflegeheim am Herzen operieren", sagt er. "Und auch einem Menschen über 80 mit fortgeschrittener Krebserkrankung würde das nicht mehr empfohlen."

Für Senioren ohne gravierende Vorerkrankungen gälten Herz-OPs nicht mehr als großes Risiko. "Da geht es um mehr Lebensqualität." Selbst wenn niemand abschätzen könne, wie viele Lebensjahre gewonnen würden.

Auffällig sei aber, dass die Eingriffe in Deutschland nicht zentralisiert seien - das heißt, dass sie auch von kleinere Kliniken durchgeführt werden. Da könnten ökonomische Überlegungen eine Rolle spielen, sagt Harringer. "Nach den aktuell verfügbaren Daten können wir aber weder ausschließen noch erhärten, dass einige dieser OPs überflüssig wären - also eher die Klinik-Bilanz verbessern als die Lebensqualität der Patienten."

Von Ulrike von Leszczynski, dpa/irb

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