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Gesundheit

Lachen gegen Panik

Neue Methode für Wach-OP am Hirn

Eine Patientin musste im Wachzustand operiert werden und hatte solche Angst, dass Ärzte dies nicht wagten. Bis sie eine besondere Lösung fanden: Sie stimulierten bei der OP das für Emotionen zuständige Hirn-Areal - und die Frau freute sich.

DPA/ Bijanki et al, J. Clin. Invest./ Courtesy of American Society for Clinical Investigation

Eine Elektrode (schwarz-weiß) wird in die sogenannte Gürtelwindung im menschlichen Gehirn eingeführt (Computersimulation)

Dienstag, 05.02.2019   20:07 Uhr

Wenn Medikamente bei einer Epilepsie nicht helfen, entscheiden sich Ärzte mitunter für einen operativen Eingriff am Gehirn: Dabei werden bestimmte Areale entfernt, von denen die massiven Nervenzellentladungen bei den epileptischen Anfällen ausgehen. So eine Operation müssen Hirnchirurgen teilweise an wachen Patienten durchführen - eine riesige Herausforderung für die Betroffenen.

US-Wissenschaftler berichten jetzt von einem besonderen Fall, bei dem die Wach-OP aufgrund von ausgeprägten Ängsten bei der Patientin zunächst nicht möglich zu sein schien. Die 23-Jährige litt unter epileptischen Anfällen, die sich mit Medikamenten nicht kontrollieren ließen. Sie war deswegen an der Emory University School of Medicine (US-Bundesstaat Georgia) in Behandlung. Zusätzlich litt sie unter einer leichten Depression und stärkeren Angstzuständen.

Um den Ursprung der Epilepsie genauer zu lokalisieren, implantierten die Ärzte der Patientin Elektroden unterhalb des Schädelknochens auf dem Gehirn, wie sie im "Journal of Clinical Investigation" berichten. So konnten sie mehrere Wochen lang die Aktivität ihres Gehirns beobachten und aufzeichnen.

"Das fühlt sich einfach nur gut an"

Während dieses Monitorings stimulierten die Mediziner zudem mit elektrischen Impulsen die sogenannte Gürtelwindung (Gyrus cinguli) im Gehirn der Frau. Diese gehört zum limbischen System, das für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Im Gehirn von depressiven Patienten findet sich in diesem Areal oft eine veränderte Aktivität.

Als die Neurochirurgen einen bestimmten Teil reizten, löste das bei der Patientin ein entspanntes, fröhliches Verhalten aus. In einem Video ist zu sehen, dass die Frau nicht in der Lage ist, ein finsteres Gesicht zu machen oder ernst zu schauen - selbst, als die Mediziner sie dazu auffordern, sich an eine traurige Situation zu erinnern. Sie erklärt lachend: "Das fühlt sich einfach nur gut an."

Der beobachtete Effekt brachte die Mediziner auf eine Idee: Sie nutzten die positive Auswirkung der Nervenstimulation, um die Patientin bei einer zwei Tage später durchgeführten Operation zu beruhigen.

Bei so einem Eingriff bekommen die Patienten zunächst eine Narkose, so dass sie vom Öffnen des Schädels nichts mitbekommen. Dann werden sie aber aus der Narkose geweckt. Oft ist das ein heikler Moment, weil die Patienten Angst bekommen. "Sogar gut vorbereitete Patienten können während einer Wachoperation in Panik geraten, was gefährlich werden kann", sagte Neurochirurgin Kelly Bijanki, Hauptautorin der Studie, laut einer Mitteilung.

Keine Depression, kaum noch Angst

Auch die 23-jährige Epilepsie-Patientin wurde unruhig und geriet nach dem Erwachen zunächst in Panik: "Als wir ihre Cingulum-Stimulation anstellten, berichtete sie aber sofort, dass sie sich glücklich und entspannt fühlte", so Bijanki. "Sie erzählte Witze über ihre Familie und konnte die Wachprozedur erfolgreich tolerieren."

Während des Eingriffs wurde die Stimulation allerdings unbeabsichtigt unterbrochen: Die Patientin wurde daraufhin nervös und ängstlich und war den Tränen nahe. Nachdem die Ärzte die Stimulation wieder angestellt hatten, ebbten ihre Angstgefühle schnell wieder ab, kurz darauf kehrte auch ihre Fröhlichkeit zurück.

Die Ärzte konnten die Operation ohne weitere Komplikationen durchführen und bestimmte Nervenzellgebiete entfernen. Am Ende entnahmen sie auch die Elektroden wieder. Sechs und zwölf Monate nach dem Eingriff ging es der Patientin gut, sie war nicht mehr depressiv und auch ihre Angstsymptome hatten deutlich abgenommen.

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Rechtfertigt Aufwand den Nutzen?

Nach dem erfolgreichen Versuch bei der 23-Jährigen wiederholten die Ärzte das Vorgehen bei zwei weiteren Patienten, einem 40-jährigen Mann und einer 28-jährigen Frau. In beiden Fällen löste die Stimulation ähnliche Effekte aus wie bei der ersten Patientin.

Für Walter Stummer, Direktor der Klinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Münster und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC), sind die Befunde zwar interessant. "Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der Aufwand den Nutzen rechtfertigt." Denn vor dem eigentlichen Eingriff sei noch eine weitere Operation nötig, um die Elektrode zu platzieren. "Insgesamt sind die Risiken eines derartigen Eingriffs gering", so Stummer, der nicht an der Studie beteiligt war. "Es erfordert aber Spezialkenntnisse und ein großes, interdisziplinäres Team aus Neurochirurgie, Neurologie und Neurophysiologie."

Mit weniger Aufwand wäre die Stimulation der Gürtelwindung aus seiner Sicht tatsächlich eine hilfreiche zusätzliche Maßnahme. Zum einen könnte man dadurch besonders ängstliche Patienten beruhigen. Zum anderen würden die teils sehr langen Wachoperationen, bei denen die Patienten kontinuierlich Aufgaben lösen müssen, vermutlich für diese erträglicher. Stummer meint aber: "Angesichts der ausgefeilten Methoden, die wir schon haben, bin ich skeptisch, ob sich das durchsetzen wird."

Anmerkung: In einer vorherigen Version dieses Artikels haben wir die Emory University School of Medicine im Bundesstaat Atlanta verortet. Atlanta ist die Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia, in dem sich die Universität befindet. Wir haben den Fehler korrigiert.

hei/dpa

insgesamt 7 Beiträge
schmuella 05.02.2019
1. Interessante Erkenntnisse
Zitat: "Rechtfertigt Aufwand den Nutzen?" Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, Angstpatienten optimal durch eine derartige Operation zu führen, ist der Aufwand gerechtfertigt. Der Fall zeigt jedoch deutlich, [...]
Zitat: "Rechtfertigt Aufwand den Nutzen?" Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, Angstpatienten optimal durch eine derartige Operation zu führen, ist der Aufwand gerechtfertigt. Der Fall zeigt jedoch deutlich, wie sehr seelische/geistige Vorgänge von der neuronalen Tätigkeit des Gehirns abhängig sind. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Das Gehirn gibt den Ton an, Seele und Geist sind das Produkt neuronaler Prozesse. Dennoch ist es ein Mysterium, wie aus "einfachen" Nervenzellen (Neuronen), allein durch ihre enorme Anzahl und der Art ihrer Vernetzung etwas hervorgeht (Seele, Geist, Bewusstsein etc.), das sich aus der Untersuchung der einzelnen Bestandteilen nicht erklären lässt. Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile gewissermaßen. Dies betrifft jede Form von Leben, unabhängig vom Grad des Bewusstsein.
x000mktg 05.02.2019
2. Wo ist das...?
"...School of Medicine (US-Bundesstaat Atlanta) in...." - diesen Bundesstaat gibt's nicht, soweit ich weiss... Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
"...School of Medicine (US-Bundesstaat Atlanta) in...." - diesen Bundesstaat gibt's nicht, soweit ich weiss... Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
erational99 05.02.2019
3. Hirnschrittmacher gegen Depression
Das ließe sich doch ggf. als Hirnschrittmacher bei Depressionen einsetzen? Vermutlich kann man ja über die Stromstärke oder Spannung einstellen, wie mild/stark stimuliert werden soll. Zeigt übrigens hervorragend, wie wenig [...]
Das ließe sich doch ggf. als Hirnschrittmacher bei Depressionen einsetzen? Vermutlich kann man ja über die Stromstärke oder Spannung einstellen, wie mild/stark stimuliert werden soll. Zeigt übrigens hervorragend, wie wenig bei einer schweren Depression die Psychologie/Psyche eine Rolle spielt und wie sehr einfach nur Hirnareale zu wenig / zu viel feuern. Wir Menschen glauben ja immer noch, die Psyche unterläge so vielen äußeren Einflüssen...
Newspeak 05.02.2019
4. ...
Es ist ein Mysterium, ja, aber es ist nicht gesagt, dass man es nicht vollstaendig erklaeren koennte, wenn man das vollstaendige Wissen ueber die exakten Details haette. Emergentes Verhalten heisst meistens nur, dass man mit [...]
Zitat von schmuellaZitat: "Rechtfertigt Aufwand den Nutzen?" Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, Angstpatienten optimal durch eine derartige Operation zu führen, ist der Aufwand gerechtfertigt. Der Fall zeigt jedoch deutlich, wie sehr seelische/geistige Vorgänge von der neuronalen Tätigkeit des Gehirns abhängig sind. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Das Gehirn gibt den Ton an, Seele und Geist sind das Produkt neuronaler Prozesse. Dennoch ist es ein Mysterium, wie aus "einfachen" Nervenzellen (Neuronen), allein durch ihre enorme Anzahl und der Art ihrer Vernetzung etwas hervorgeht (Seele, Geist, Bewusstsein etc.), das sich aus der Untersuchung der einzelnen Bestandteilen nicht erklären lässt. Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile gewissermaßen. Dies betrifft jede Form von Leben, unabhängig vom Grad des Bewusstsein.
Es ist ein Mysterium, ja, aber es ist nicht gesagt, dass man es nicht vollstaendig erklaeren koennte, wenn man das vollstaendige Wissen ueber die exakten Details haette. Emergentes Verhalten heisst meistens nur, dass man mit einem huebschen Wort ausdrueckt, dass man die Details nicht wirklich versteht. Nehmen wir ein Beispiel aus der Physik. Temperatur ist emergent. Aber am Ende einfach nur Statistik der thermischen Molekuelbewegungen. Bewusstsein ist sicher sehr viel komplizierter zu verstehen, als Temperatur, aber warum soll es am Ende nicht auch vollstaendig reduzierbar sein?
schmuella 06.02.2019
5. Die Frage nach dem Warum
Ist immer die Frage, wie weitreichend, umfassend und wahrheitsabbildend Erklärungen am Ende sind. Eine unüberwindbare Hürde im Versuch die Welt zu begreifen, ergibt sich aus dem Umstand, dass es dem menschlichen Geist [...]
Zitat von NewspeakEs ist ein Mysterium, ja, aber es ist nicht gesagt, dass man es nicht vollstaendig erklaeren koennte, wenn man das vollstaendige Wissen ueber die exakten Details haette. Emergentes Verhalten heisst meistens nur, dass man mit einem huebschen Wort ausdrueckt, dass man die Details nicht wirklich versteht. Nehmen wir ein Beispiel aus der Physik. Temperatur ist emergent. Aber am Ende einfach nur Statistik der thermischen Molekuelbewegungen. Bewusstsein ist sicher sehr viel komplizierter zu verstehen, als Temperatur, aber warum soll es am Ende nicht auch vollstaendig reduzierbar sein?
Ist immer die Frage, wie weitreichend, umfassend und wahrheitsabbildend Erklärungen am Ende sind. Eine unüberwindbare Hürde im Versuch die Welt zu begreifen, ergibt sich aus dem Umstand, dass es dem menschlichen Geist verwehrt ist, einen "direkten" Blick auf die Natur bzw. das Wesen der Welt zu werfen. Denn alles, was unser Weltbild bzw. Wissen von der Welt ausmacht, ist ein Produkt des Gehirns, eine von ihm erschaffene "virtuelle" Realtität. Einfaches Beispiel "Farbe": Die Rezeptoren für Farbwahrnehmung im Auge (Zapfen) sind nur empfindlich für Rot, Grün und Blau. Alle anderen Farben werden erst im Gehirn "erschaffen". Außerhalb unseres Denkens gibt es keine Farben, sondern nur elektromagnetische Wellen. Somit sind die Grenzen der Verarbeitungsmöglichkeiten (des Gehirns) auch gleichzeitig die Grenzen der Erkenntnis(möglichkeiten) und der sich daraus ergebenden Erklärungen, Theorien und Modelle. Erklärungen haben eher den Charakter von Beschreibungen (z. B. der Mechanismen bzw. Wirkungszusammenhänge). Letztlich gibt es keine (naturwissenschaftliche) Antwort auf die Frage nach dem "Warum". Vielleicht haben sich auch deshalb in dem ständigen Bestreben der Menschen, die Welt zu begreifen und Antworten zu finden, Religionen herausgebildet.

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