Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit

HIV-Infektion

"Ich finde mein Leben heute schöner als vor der Diagnose"

Über HIV und Aids ist alles bekannt und gesagt? Weit gefehlt, meint der Fotograf Philipp Spiegel, selbst infiziert. Er kennt die übermächtige Angst, entdeckt zu werden - mit jedem Outing hat er sich weiter davon befreit.

Getty Images/iStockphoto

Symbolbild

Ein Interview von
Samstag, 01.12.2018   15:31 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Spiegel, Sie sind 36 Jahre alt, hetero, HIV-positiv und setzen sich für mehr Offenheit im Umgang mit der Infektion ein. Der Name Philipp Spiegel ist aber ein Pseudonym, weil Sie nicht unter Ihrem echten Namen über Ihre Erfahrungen sprechen wollen. Klingt nach einem Widerspruch.

Philipp Spiegel: Richtig, aber es ist das Dilemma, in dem ich mich seit Jahren befinde: Auf der einen Seite begleitet mich immer die Angst, entdeckt zu werden. Auch heute noch, fast fünf Jahre nach der Diagnose, wenn auch in sehr abgeschwächter Form. Auf der anderen Seite gibt es so viel Unwissenheit, Ignoranz und Vorurteile gegenüber HIV-Positiven. Da muss ich als Betroffener einfach den Mund aufmachen.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Was läuft Ihrer Meinung nach schief?

Philipp Spiegel: Als heterosexueller Mann gehöre ich zu der Gruppe von HIV-Positiven, über die kaum jemand spricht. HIV und Aids werden immer noch mit Schwulsein, Drogen oder Prostitution assoziiert. Wenn ich jemandem von meinem Status erzähle, sehe ich, wie das Kopfkino los geht: Freddie Mercury, ausgemergelte Körper, Tod. Heute kann ich damit umgehen, aber lange Zeit machte es das unglaublich schwer, frei darüber zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben Sie denn mit dem Virus?

Philipp Spiegel: Sehr gut, ich spüre im Alltag nichts davon. Nur einmal wurde ich krank, das war kurz nach der Infektion, wie ich jetzt weiß. Ich habe mich bei einer Frau angesteckt, die selbst nicht wusste, dass sie HIV-positiv ist. Es ging mir damals kurze Zeit körperlich sehr schlecht, vermutlich weil sich die Viren stark vermehrten. Seither bin ich in Wien in ärztlicher Behandlung und nehme Medikamente, täglich eine Pille. Nebenwirkungen habe ich keine. Alle drei Monate checkt mein Arzt mein Blut und kontrolliert, ob die Viren unterhalb der Nachweisgrenze sind. Weil das immer der Fall ist, kann ich niemanden anstecken. Ich kann Sex haben, ohne jemanden zu infizieren und ich könnte gesunde Kinder bekommen.

Im Video: HIV-positiv - Mein Leben mit dem Virus

Foto: dbate.de

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jemanden infiziert?

Philipp Spiegel: Gott sei Dank nicht. Zwischen meiner Infektion und der Diagnose vergingen einige Monate und bei drei Frauen war es im Nachhinein fraglich. Aber sie haben sich testen lassen und sind HIV-negativ. Ich möchte nicht wissen, wie es sich anfühlt, jemanden infiziert zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie wütend auf die Frau, die Sie angesteckt hat?

Philipp Spiegel: Nein, ich gebe ihr keine Schuld. Sie wusste ja nicht von ihrer Infektion. Vielmehr habe ich mir selbst Vorwürfe gemacht, wie ich so blöd und unvorsichtig sein konnte.

MEHR ZUM THEMA

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Sie die Diagnose getroffen?

Philipp Spiegel: Ich war gerade in einem Ashram im tiefsten Indien und musste einen HIV-Test ablegen, um dort zu wohnen. Ich war mir meiner Gesundheit so sicher! Als die Blutergebnisse vor mir lagen, wollte ich sie nicht wahrhaben. Ich war wie in einer Schockstarre und sah mein Leben vor meinem inneren Auge Revue passieren. Mir war sofort klar, dass ich das nicht allein schaffe. Mein Bruder war der Erste, der auf meinen Hilferuf antwortete.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat er reagiert?

Philipp Spiegel: Er ist das Problem sehr analytisch angegangen: Was wissen wir? Was bedeutet das? Was können wir tun? Mit einem Schlag war ich nicht mehr allein. Noch in der ersten Nacht habe ich gelernt, was das Virus kann, welche Medikamente wie wirken und dass man trotz einer HIV-Infektion bei guter Therapie eine normale Lebenserwartung hat. Richtig geholfen hat mir dieses Wissen aber erst Jahre später.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Philipp Spiegel: Die psychischen Folgen der Diagnose waren viel gravierender als die körperlichen. In mir machte sich eine lähmende Angst breit. In der ersten Zeit hatte ich Angst, andere anzustecken und dass man mir die Viren ansieht. Dann hatte ich Angst vor den Reaktionen, wenn ich mich oute, vor Diffamierung und dem gemeinen Hass im Netz. Und eben Angst, entdeckt zu werden. Das Gefühl, gefangen zu sein, machte mich angespannt und aggressiv.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen haben Sie Hunderte Outings hinter sich. War es so schlimm wie befürchtet?

Philipp Spiegel: Zu Anfang ja, aber nicht aus dem erwarteten Grund. Familie und Freunde haben mich nie verurteilt. Stattdessen konnte ich aber jedes Mal mit ansehen, wie mein Gegenüber unter der zentnerschweren Last zusammensank, die ich ihm aufbürdete. Je näher mir jemand war, umso schockierter reagierte er oder sie. Ich musste dann beruhigen, obwohl mir selbst das Herz bis zum Hals schlug.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren Überbringer der schlechten Nachricht und Tröster zugleich?

Philipp Spiegel: Genau.

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Philipp Spiegel: Heute belastet mich die Krankheit selbst viel weniger. Ich weiß das Wichtigste über das Virus und seine Folgen und kann dadurch meinem Gegenüber aus meiner Überzeugung heraus genau erklären, was es für mich heißt, HIV-positiv zu sein. Ich habe die Kontrolle zurückgewonnen und fühle mich endlich nicht mehr gefangen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihrem Pseudonym bleiben Sie dennoch?

Philipp Spiegel: Ja, aber wer meinen echten Namen herausbekommen möchte, der kann ihn herausfinden. Ich will nicht erpressbar sein. Andererseits arbeite ich als Fotograf und sehe meine Arbeit unabhängig von der Auseinandersetzung mit der Infektion. Vielleicht nervt mich das Thema auch irgendwann und ich möchte es in der Öffentlichkeit zu den Akten legen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wird das Virus Sie ein Leben lang begleiten, HIV ist nach wie vor nicht heilbar.

Philipp Spiegel: Richtig, aber ich bin heute unendlich dankbar für mein Leben. Würde ich keine Medikamente nehmen, müsste ich statistisch gesehen im nächsten Jahr sterben. Die Auseinandersetzung mit meiner eigenen Verletzbarkeit, mit meinem Tod hat mich demütig gemacht. Ich empfinde mein Leben sogar als reicher und schöner als vor der Diagnose.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP