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Gesundheit

Cannabis-Legalisierung

Ärzte lehnen Kanadas Entscheidung ab

Seit dieser Woche dürfen erwachsene Kanadier legal Cannabis-Produkte kaufen. Was Konsumenten freut, löst unter Ärzten Kritik aus. Sie warnen vor mehr jugendlichen Abhängigen und Verkehrstoten.

REUTERS

Hanfblüten im Glas: Auslage in einem legalen Cannabis-Geschäft in Kanada

Donnerstag, 18.10.2018   13:12 Uhr

Sie heißen "Tangerine Dream", "Great White Shark" oder "Banana Split" - zahlreiche Marihuana-Sorten mit fantasievollen Namen stapeln sich in den Regalen eines der ersten legalen Cannabis-Geschäfte im kanadischen Montreal. Der Laden wird staatlich geführt und bietet mehr als hundert verschiedene Cannabis-Produkte an, darunter Öle, Pillen und fertig gerollte Joints.

Als erste große Industrienation hat Kanada am Mittwoch den Verkauf von Cannabis vollständig legalisiert. Kanadischen Staatsbürgern ab 18 Jahren - in manchen Bundesstaaten liegt die Altersgrenze bei 19 Jahren - ist es künftig erlaubt, per Bestellung oder in autorisierten Geschäften ein Gramm Haschisch für etwa zehn kanadische Dollar (4,30 Euro) zu kaufen. Der persönliche Besitz ist auf 30 Gramm beschränkt. Zu medizinischen Zwecken ist Cannabis in Kanada bereits seit 2001 erlaubt.

Schon in der Nacht zum Mittwoch bildeten sich lange Schlangen vor den noch wenigen Verkaufsstellen des Landes. Kanada gehört zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch von Marihuana weltweit. Nach Schätzungen der Regierung konsumierten seine Bürger rund 773 Tonnen Cannabis und zahlten dafür etwa 5,5 Milliarden kanadische Dollar - bisher illegal und unversteuert.

Premierminister Justin Trudeau setzte sich persönlich für die Legalisierung ein. Er will damit nicht nur dem kriminellen Rauschgifthandel einen Riegel vorschieben, sondern auch die Produktion, den Vertrieb und den Konsum des Produkts regulieren. Erwachsene könnten die Droge nun sicherer konsumieren, zugleich würden Jugendliche mit dem neuen System besser geschützt.

Ärzte lehnen die Legalisierung ab

Neben großer Freude unter Cannabis-Fans löste die Entscheidung auch Kritik aus. Die kanadische Ärztevereinigung CMA hatte die Gesetzgebung als "landesweites, unkontrolliertes Experiment" bezeichnet. Auch die deutsche Ärzteschaft lehnt eine Legalisierung von Cannabis wie in Kanada strikt ab. Der Konsum zu medizinischen Zwecken wurde hierzulande erst im März 2017 erlaubt.

Durch eine generelle Freigabe würden die gesundheitlichen Gefahren des Cannabiskonsums verharmlost und präventive Bemühungen durchkreuzt, sagte Josef Mischo, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Zudem drohten eine Zunahme der Konsumenten und des medizinischen Behandlungsbedarfs. Besonders besorgniserregend sei, dass in Staaten, die Cannabis freigegeben hätten, die Zahl jugendlicher Konsumenten gestiegen sei.

Als gesundheitliche Risiken des Konsums nannte Mischo insbesondere "Einschränkungen der Gedächtnisleistung, der Aufmerksamkeit und der Psychomotorik". Außerdem könnten "hirnstrukturelle Veränderungen" beobachtet werden. Darüber hinaus zeigten wissenschaftliche Studien einen deutlichen Anstieg des Risikos für psychotische Störungen und die Entwicklung eines cannabisbezogenen Abhängigkeitssyndroms, sagte Mischo weiter. Gravierend sei ferner das unter Cannabiskonsum deutlich erhöhte Verkehrsunfallrisiko.

FDP und Grüne für eine Legalisierung in Deutschland

Dagegen bekräftigte die FDP ihre Forderung nach einer Legalisierung von Cannabis. Ein kontrollierter Verkauf in lizensierten Geschäften oder Apotheken schütze Konsumenten vor einem Erstkontakt mit harten Drogen und stärke den Jugendschutz, denn Schwarzmarkt-Dealer fragten nicht nach dem Alter ihrer Kunden, erklärte die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Es sei an der Zeit, die Konsumenten zu entkriminalisieren und Polizei und Gerichte zu entlasten. Die zu erwartenden Steuereinnahmen müssten in Jugendschutz und Prävention investiert werden, forderte sie.

Auch der Grünen-Politiker Cem Özdemir kritisiert die aktuelle Drogenpolitik der Regierungskoalition. Die schwarz-rote Verbotspolitik für Cannabis sei "krachend gescheitert", sagte er dem Berliner "Tagesspiegel". "Der Schwarzmarkt blüht, es gibt weder einen funktionierenden Jugend- noch Gesundheitsschutz."

Das Beispiel Kanada zeige, dass die Legalisierung von Cannabis-Konsum für Erwachsene der richtige Weg sei, sagte Özdemir. Die Regierungskoalition müsse die "Bevormundung der Bürger" beenden und endlich für effektiven Jugendschutz sorgen.

Die britische Internetzeitung "The Independent" kommentiert, Legalisierung sei kein Synonym für einen freien Zugang für alle. Alkohol, Tabak und andere potenziell schädliche Nahrungs- und Genussmittel seien schon jetzt legal, ihr Verkauf aber streng reguliert, der Inhalt klar ausgewiesen und auf Reinheit und Stärke getestet. Würde man mit Cannabis ähnlich verfahren, hätten Verbraucher eine viel klarere Vorstellung von dem, was sie konsumieren.

Video: High in Colorado - Der Cannabis-Goldrausch

Foto: SPIEGEL TV

mah/AFP/dpa

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