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Gesundheit

Ebola im Kongo

Kampf gegen das tödliche Virus - und die Angst

Der Kongo erlebt den schwersten Ebolaausbruch seit Jahren. Ein neuer Impfstoff könnte helfen. Experten zufolge sind nun vor allem die nächsten zwei Wochen entscheidend.

AP
Mittwoch, 13.06.2018   21:50 Uhr

Elf Tage lang pflegte Irene Mboyo Mola in der Klinik ihren Mann, dann starb er an Ebola. Die Krankenschwestern hatten sich nicht in seine Nähe getraut, erzählt die 30-Jährige. Also übernahm sie ihre Arbeit. Half ihm ins Bad, zog seinen geschwächten Körper hoch, wenn er strauchelte und schob ihm die Infusionsnadel zurück in den blutenden Arm, nachdem sie herausgerutscht war.

"Er sagte mir, dass alles, was er sehen kann, der Tod ist", erzählt Mola. Zusammengesunken sitzt sie zwischen ihren sechs Kindern auf dem Boden der kleinen Hütte, in der jetzt immer ein Mensch fehlen wird.

Aktuell erlebt der Kongo den schwersten Ebolaausbruch seit der verheerenden Epidemie in Westafrika 2014/2015. Noch immer fehlt ein wirksames Medikament gegen das Virus, das etwa die Hälfte der Infizierten tötet. Dafür können Ärzte im Kongo erstmals auf ein Mittel zurückgreifen, das Helfer und Angehörige vor einer Infektion schützen könnte: einen Impfstoff.

Nachdem die ersten Ebolafälle im Kongo bekannt wurden, organisierten das Gesundheitsministerium und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 7500 Dosen des Medikaments. Noch ist unklar, wie gut es schützt. Die einzigen Praxiserfahrungen stammen aus Westafrika. Dort testeten Forscher das experimentelle Mittel, als die Epidemie bereits am Abklingen war und nur noch wenige Menschen erkrankten. Die Ergebnisse aber machten Hoffnung. Jetzt muss sich der Impfstoff erstmals im großen Maßstab beweisen.

160 Kilometer - mehrere Tage Reise

Der elfjährige German Umba und ihr sechsjähriger Bruder wurden geimpft, nachdem ihr Vater an Ebola starb. Trotzdem messen Helfer mehrmals am Tag bei ihnen Fieber, sie trauen der Behandlung noch nicht. Als sie auf dem Schulhof steht, bricht Umba plötzlich in Tränen aus. Lehrer und Klassenkameraden umringen sie, aber niemand darf sie berühren. "Ich vermisse meinen Vater", schluchzt das elfjährige Mädchen.

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Kampf gegen Ebola im Kongo: Skepsis, Angst, Misstrauen

Selbst wenn sich der Impfstoff bewährt, bleibt der Kampf gegen Ebola im Kongo eine Herausforderung. Nur ein Teil der Ebolainfizierten lebt in Mbandaka, einer Millionenstadt im Nordwesten des Kongos. Viele kommen aus entlegenen Regionen, in denen sich das Virus auch aktuell noch verbreitet. Um ihre Kontaktpersonen zu impfen, müssen Helfer das Medikament 160 Kilometer in die Tiefen des Urwalds transportieren.

"Die Straßen sind so schlecht, dass wir sehr lange brauchen, um zu den Menschen zu gelangen", sagt Rosy Boyekwa Yama vom kongolesischen Gesundheitsministerium. "Sogar dann, wenn eine Person noch geimpft wird, die Hilfe zu spät sein kann und sie stirbt." Das Immunsystem braucht nach der Impfung Zeit, um sich gegen den Erreger zu rüsten. Bis sich der Schutz aufgebaut hat, vergehen rund zehn Tage. Hinzu kommt, dass der Impfstoff bei minus 60 bis minus 80 Grad gelagert werden muss, um wirksam zu bleiben. In einer mobilen Kühltruhe übersteht er höchstens eine Woche.

Die Skepsis der Bevölkerung: "Ebola ist nicht hier"

Der größte Gegner aber ist nicht Zeit, sondern Angst. Die Helfer müssen die Bevölkerung davon überzeugen, dass die Spritzen, die ihnen Fremde verabreichen, ihr Leben retten könnten. Mola, die ihren Mann im Krankenhaus pflegte, lehnte die Impfung ab. Das Misstrauen ist zu groß. Die 30-Jährige glaubt nicht, dass ihr Mann an Ebola gestorben ist. Das Krankenhaus habe ihr nie Dokumente gezeigt, laut denen er positiv auf das Virus getestet wurde, erklärt sie.

Solche Skepsis ist weit verbreitet. Zwar haben in der Millionenstadt Mbdanka viele angefangen, sich regelmäßig die Hände zu waschen und Körperkontakt mit anderen zu meiden. Werden sie gefragt, erklären die meisten jedoch, dass sie an der Existenz des Virus zweifeln. Die Politiker seien korrupt, ihre Aussagen nicht glaubwürdig. Die Todesfälle erklären sie sich durch Hexenkraft. "Ebola gibt es nicht", sagt ein Anwohner. "Es ist eine Krankheit, die Organisationen erfunden haben, um Geld zu verdienen."

Pierre Rollin, Ebolaexperte der US-Gesundheitsbehörden CDC, kann die Skepsis verstehen. "Menschen sterben überall, jeden Tag, und niemand kümmert sich darum. Plötzlich interessieren sich alle dafür, weil es Ebola ist - das macht argwöhnisch", sagt er. "Warum sollten sie uns vertrauen?"

Trotz des Misstrauens wurden innerhalb von zwei Wochen mehr als 2000 Menschen geimpft, darunter viele medizinische Helfer. Laut WHO haben bislang drei Viertel der Menschen, die Kontakt zu Erkrankten hatten und die Helfer durch Befragungen ausfindig machen konnten, der Impfung zugestimmt.

Die nächsten zwei Wochen sind entscheidend

Für die weitere Entwicklung des Ausbruchs sind vor allem die nächsten zwei Wochen entscheidend, glauben Experten. WHO-Chef Tedros Adhanom sieht es optimistisch, er geht von einem baldigen Ende der Epidemie aus. Es bedürfe zwar weiter großer Wachsamkeit, aber die eingeleiteten Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche zeigten gute Wirkung, erklärte er vor Journalisten in Kinshasa. Bis jetzt hat das Gesundheitsministerium bei mehr als 50 Menschen einen Ebolaverdacht dokumentiert, 28 sind gestorben. Es gilt jedoch als sicher, dass nicht alle Fälle erfasst wurden.

Trotz des tausendfachen Einsatzes des Impfstoffes im Kongo werden Forscher auch nach dem Ausbruch nicht sicher wissen, wie gut das Mittel wirkt. "Wir werden sagen können, ob der Impfstoff im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen funktioniert; aber wir können nichts über den Impfstoff allein sagen", erklärt Rollin. Dafür müsse man einen kontrollierten Versuch starten, bei dem Helfer in einer Gegend den Impfstoff benutzen und in einer anderen nicht. Das aber wäre allein schon aus ethischen Gründen schwierig.

Der Hersteller des Medikaments, MSD, will trotzdem im nächsten Jahr die Zulassung des Impfstoffs in den USA beantragen. "Wenn er komplett zugelassen ist, wird er bei jedem Ausbruch in Zukunft zu den ersten Maßnahmen gehören", sagt Jean-Jacques Muyembe, Direktor des National Institute for Biomedical Research in Kinshasa.

Bei Mola, der sechsfachen Mutter, konnten Helfer inzwischen eine gute Nachricht übermitteln. Seit dem Tod ihres Mannes sind drei Wochen verstrichen, so lange dauert es in der Regel, bis Ebola spätestens ausbricht. "Ich lebe immer noch", sagt sie. Immerhin in dieser Hinsicht, so scheint es, hatte die 30-Jährige großes Glück.

Video: Unser Kampf gegen Ebola

Foto: SPIEGEL TV

irb/AP

insgesamt 4 Beiträge
SPONU 13.06.2018
1. Sechs Kinder....
....Vater an Ebola gestorben. Mutter verweigert Impfung bezgl. lehnt jegliche westliche Medizin ab. Familie hat keine Lebensperspektive. Aber ja, natürlich ist hier wieder der Westen schuld. Noch eine Fluchtursache. Weshalb keine [...]
....Vater an Ebola gestorben. Mutter verweigert Impfung bezgl. lehnt jegliche westliche Medizin ab. Familie hat keine Lebensperspektive. Aber ja, natürlich ist hier wieder der Westen schuld. Noch eine Fluchtursache. Weshalb keine Luftbrücke für die Ebola-Kranken in gut ausgestattete Krankenhäuser in Europa? Oder sind nur die Boat people auf dem Mittelmeer es wert, gerettet zu werden?
nici_d 14.06.2018
2. Ebola mal wieder
Der verlinkte Artikel zur verheerenden Epidemie von 2014/15 in Westafrika weist 11.000 Eboa-Tote aus. Zum Vergleich: in Deutschland sind 2003 15.000 Grippe-Tote gezählt worden [...]
Der verlinkte Artikel zur verheerenden Epidemie von 2014/15 in Westafrika weist 11.000 Eboa-Tote aus. Zum Vergleich: in Deutschland sind 2003 15.000 Grippe-Tote gezählt worden (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/krankheiten-15-000-grippe-tote-in-der-diesjaehrigen-influenza-saison-1104476.html). Mit Ebola lassen sich schreckliche Bilder transportieren. Es geht aber auch anders. Ruanda, ehemals ärmstes Land der Welt, gebeutelt durch den schrecklichen Völkermord, hat Ebola in den Griff bekommen. Durch konsequentes Handeln, Melden, Quarantäne (http://www.deutschlandfunk.de/afrikas-gesundheitssysteme-warum-ebola-auch-ein-symptom-ist.724.de.html?dram:article_id=309228).
larsi79 14.06.2018
3. @nici_d
Und was genau wollen Sie uns jetzt mit Ihrem hanebüchenen Vergleich zur Influenza mitteilen? Mir wäre neu, dass die Sterblichkeit nach einer Influenza-Infektion bei (teilweise weit) über 50% liegt.
Und was genau wollen Sie uns jetzt mit Ihrem hanebüchenen Vergleich zur Influenza mitteilen? Mir wäre neu, dass die Sterblichkeit nach einer Influenza-Infektion bei (teilweise weit) über 50% liegt.
Trizi 14.06.2018
4. Skepsis gegen die impfung?
Skepsis gegen die impfung? Ist doch ganz einfach! Sicher kann und soll jeder für sich selbst entscheiden, ob er eher an einen Hexenkult oder an Ebolaviren glaubt. Aber generell sollte man sich weltweit darauf einigen, daß nur [...]
Skepsis gegen die impfung? Ist doch ganz einfach! Sicher kann und soll jeder für sich selbst entscheiden, ob er eher an einen Hexenkult oder an Ebolaviren glaubt. Aber generell sollte man sich weltweit darauf einigen, daß nur GEIMPFTE Personen aus Ebola-Gebieten ausfliegen dürfen.

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